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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 221

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
Date
1929-08-01
Page
221 (sequence 2)
Language
German
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Ludwig Goldstein: Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen Abnützung des Verstandes widerfahren ist. (Merkwürdigerweise führt so auch der jugendliche Schiller Garve und Mendelssohn als „Beispiele großer Denker" an, die das Instrument ihres Verstandes durch Ueberspannung verstimmt hätten, und ähnlich meint Zollikofer mit Beziehung auf Mendelssohn, daß „unsere besten philosophischen Köpfe" fast alle krank und schwächlich sind.) Dem einen Mitlebenden ist Mendelssohn „der beste Kopf in Berlin", einem anderen „einer der ersten Köpfe in Deutschland", und einem dritten scheint er dazu berufen zu sein, zum „Zirkel der besten Köpfe seiner Zeitgenossen" Zutritt zu erhalten. Von Boie wird er „unter die Ersten unserer Nation", d. h. also der deutschen Nation gerechnet. Er ist für Goethe „einer unserer würdigsten Männer", für Gleim „ein Mann Gottes", für Herder „der klarste, heiterste Kopf, den ich beinahe auf einem menschlichen Rumpfe gesehen, stark ausgeprägt für sich", für Wieland einer der „Geister, welche herabgesendet worden sind, Licht und Wärme in die dunklen erkälteten Seelen der Erdbewohner zu bringen", und der preußische General von Schölten glaubt sehr viele große Männer kennengelernt zu haben, aber nur einen Mendelssohn. Die Harmonie seines Wesens, zumal die Uebereinstimmung seines geistigen und seines äußeren Lebens bewirkte, daß man Mendelssohn mit Vorliebe einen Weisen nannte. Der Fürst seines Geburtslandes schreibt an ihn 1785 als an einen Mann, den Deutschland schon längst unter seinen ersten Weisen nennt, und ein anderer Fürst, Graf Wilhelm von Schaumburg, will lange mit der Laterne nach einem Weisen gesucht, ihn aber nur in Mendelssohn gefunden haben. Dieser so oft auf ihn angewandte Ehrentitel der Weisheit bringt ihn in Verbindung mit einer dichterischen und mit einer geschichtlichen Gestalt: mit Nathan dem Weisen, als dessen lebendiges Urbild er vielen gilt, und mit Sokrates. Der Vergleich mit dem Griechen lag ja außerordentlich nahe, seitdem Mendelssohn diesen 1767 zur redenden Hauptgestalt seines „Phädon" gemacht hatte. „Mendelssohns Phädon und mehrere seiner Schriften sind so ganz in diesem Geist der sokratischen Methode geschrieben, daß er mit Recht der deutsche Sokrates genannt zu werden verdient", heißt es in den „Büsten berlinscher Gelehrten und Künstler mit Devisen". Der Ausdruck haftet und wird mehrfach abgewandelt in den noch tonenderen Titel: „der Sokrates seines Zeitalters". „Der bewunderte Sokrates-Mendelssohn", schreibt die Karsch, und „Ein Weiser wie Sokrates" setzte Ramler auf die Büste des Freundes. 221

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