Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 150 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Arnold Fritzsche solcher Bewegungen rein sich dahingehe an das göttliche Walten. Erkenntnis also, eingerichtet auf den Zuwachs „innerer Wahrheit" durch die Erfahrung des „äußeren Wirklichen", verträgt sich in der „Stille zu Gott" mit dem stärksten Wellengang des Gemüts.1) Der Anspruch der Vernunft beschränkt nicht die Gerechtsame des Herzens. Wenn man von den „Stillen im Lande" (Ps. 35) sprach, dachte man an die Herrnhuter, aber nicht an deren Außersichsein, sondern an ihr sanftes emsiges Dahinwirken. Daja blickt nach der anderen Richtung. Sie möchte „der ersten unbegreiflichen Ursache" von Rechas Errettung „soviel näher" sich fühlen. So meint sie, es schade in keinem Falle, den Tempelherrn als einen Engel zu begrüßen. Doch wie verhält sich's mit dem „Nähersein"? Für den alltäglichen Zustand, in dem solche Näherung nicht stattfindet, setzt das eine meßbare Entfernung der ersten Ursache voraus, und diese Entfernung soll sich gelegentlich der erwünschten außerordentlichen Ereignisse vermindern. Nathan nennt solch eine Ansicht „Stolz und nichts als Stolz", „Unsinn oder Gotteslästerung", sie scheint ihm recht eigentlich Vermessenheit Gott ist ihm stets unermeßlich fern und damit unermeßlich nah, d. h. jedes räumliche Gleichnis versagt, wenn die Beziehung des Menschen zu Gott in Frage kommt Was aber Gott uns mitzuteilen hat, das ist „nicht verborgen noch zu ferne", ist „in unserem Herzen und in unserem Munde, daß wir es tun". (Deut So, 14-) 2) Die „innere Wahrheit" wächst organisch. Was das „äußere Wirkliche" in den Schranken des Raumes, in der Folge der Zeit ihr zuführt, davon ist das Gesetz des Wachstums der inneren Wahrheit unabhängig. Der „Stille zu Gott" hat sich Nathan versichert nach dem furchtbaren Ereignis, das ihn zu Boden warf. Die Gelassenheit kann durch Erregung erschüttert werden, aber sie findet sich ohne Verzug und reicher, beseelter zurück. Die Erregung wellt schon ab, bevor sie in die Rede entx) Sogar die von Jakob Minor an Adolf Sonnenthals Nathan getadelte „ewige Unruhe" des äußeren Gehabens (vgl. Bettelheims biographische Blätter" II, S. 46o) scheint mir mit der Stille des Seelengrundes vereinbar. Unruhig ist eben immer nur die erste Gegenwirkung auf ein neues „äußeres Wirkliches". — Ich freue mich hier der Übereinstimmung mit Fritz Brüggemann. Im „Nathan" verwirklicht sich „eine Harmonie des Gefühls über Gelassenheit und Leidenschaft hinweg". (Vgl. Zeitschrift für Deutschkunde, Jahrg. 3g, 192.5. s. 577—532.) 2) In J. J. Engels „Philosophen für die Welt" (1773—1777. 20. Stück, Nr. 8) hat David Friedländer eine Legende von Rabbi Elieser und dessen Gegnern dem Talmud (Baba mezia 5g b) nacherzählt. In verwegener Paradoxie fußt sie auf der angeführten Bibelstelle: „Es ist nicht im Himmel". Gegenüber diesem Auftrag Gottes an die Menschenvernunft zerschellt die angemaßte Beweiskraft augenscheinlichster Wunder, verhallt auch die Stimme aus der Höhe. 150