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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 257

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
Date
1926-08-01
Page
257 (sequence 10)
Language
German
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Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" Auch im Tugendstolz waltet ein naives, ein homerisches Element „Werkgerechtigkeit" vor Gott liegt nicht darin. Das Judentum — und hier ist Nathan Jude — kennt keinen thesaurus meritorum.1) VIL Moses Mendelssohn prägt für Lessing das Wort: „Geist der Untersuchung war bei ihm alles"2), und Wilhelm Dilthey3) führt dieses „Anfangsmäßige"4) an Lessing darauf zurück, daß er nicht wie wir der Begriffe und nicht der Geschichte mächtig gewesen sei. Ist das nur ein Gewinn auf unserer Seite? Lessing handhabte den Begriff, aber nicht als ein fertiges Werkzeug; er war genötigt, ihn für jeden Gebrauch besonders zuzurichten. Er wußte von der Geschichte, aber ihre Stetigkeit war ihm lockerer gefügt Er vermeidet den Abschluß, weil er über alles Abschließen hinausstrebt Ein Schweben, das den Flug verheißt und ihn wieder, wieder verzögert I Was yv/xvaorixag^ was öoyiicczixüig zu verstehen, was Übung, was Ausübung sei, es läßt sich nicht scheiden, es wechselt wie Aggregatzustände. Esoterische Lehre ist von exoterischer untrennbar; es gibt da kein Allerheiligstes, oder wenn ja, so hat es Zugänge und Ausgänge nach allen Seiten- Das innerste Meinen durchdringt den Ausdruck bis in die äußerste dialektische Spitze. Wo der Scharfsinn den Tief sinn nicht bedrängt, sondern gestaltet, da tritt jenes Innerste kristallinisch zutage. Man nenne Lessing immerhin Bahnbrecher, aber nicht in der Annahme, als habe er nur Wege freigemacht für Kant und für die Dichter von Weimar. Er hat auch Wege gangbar erhalten, die uns angesichts der ausgebauten Straße klassischer Vollendung zu vergrasen drohten. Sie weisen rückwärts nach den großen Kontroversen des siebzehnten und sechzehnten Jahrhunderts und darüber hinaus in die Anfänge der abendländischen Gesittung. Fernere Vergangenheit deutet auf fernere Zukunft Er ist noch um Vieles gehaltreicher, als er belesen war. Lessing geschichtlich einzugliedern wird jedes neue Zeitalter von neuem veranlaßt sein, aber damit geschieht ihm in keinem Zeitalter genug. Der Historiker lichtet das Vorfeld. Unterdessen befestige der „Nathan" jeden *j Auch das 'opus supererogatura' der „Freimaurer" geht ja nur über die bürgerliche Pflicht, nicht über das göttliche Gebot hinaus (XVIII, S. i5g [Hempel]). 2) In den ..Morgenstunden". (Werke II., S. 368). 3) „Das Erlebnis und die Dichtung." 4- Ausg. Leipzig u. Berlin 1910. S. i46 u. 174 f. *) Das Wort fand ich in Adalbert Stifters „Brigitta". Wie oft scheint es uns doch, wenn ein Ursprüngliches aus Lessings Inneren hervorbricht, als habe er „seine Seele bis jetzt aufgehoben, weil sie das Rechte nicht hatte finden können" 1 257

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