Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 503 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Frauentypus der Romantik der jüdischen Mystiker, die in allen Dingen die „Funken des Lebens" sahen, denen jede Handlung der Weg „zum Herzen Gottes" war? Ist ihre Hingabe an die Nächsien, an die Freunde, die bis zur Selbstaufopferung ging, nicht die gleiche Hingabe, die Ruth einst lehrte, der Mutter ihres Mannes ins fremde Land zu folgen? Lebte in der Glut ihrer Liebe, die zu den wildesten Ekstasen sich steigern konnte, nicht die ganze zitternde Leidenschaft des Hohen Liedes? — Viel mehr als Rahel verkörpert Dorothea Mendelssohn den Typus der Jüdin jener Übergangszeit Sie hatte im geistigen Kreis um Moses Mendelssohn eine nicht gewöhnliche Bildung empfangen. Aber der Vater, der die Erziehung der Juden zur Freiheit sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, ließ das weibliche Geschlecht im Ghetto zurück. Wie de Lemos seine Tochter Henriette, so verheiratete er Dorothea, die groß geworden war in der Lektüre der Nouvelle Heloise und des Werther, in ganz jungen Jahren mit dem ungebildeten Kaufmann Simon Veit. Er war, wie sein Verhalten später beweist, ein schlichter Mensch von edler und ehrenhafter Gesinnung und Dorothea aufrichtig zugetan. Aber für die seelischen und geistigen Bedürfnisse der jungen Frau, die in den ersten Berliner Salons verkehrte, die mit Schleiermacher und Fichte befreundet war, hatte er ganz und gar kein Verständnis.' Hatte die Ghettofrau es noch selbstverständlich gefunden, daß man den Mann, der für die Existenz der Familie sorgte, auch liebte, so empfand Dorothea von Anfang an das Unsittliche eines Bündnisses, das nicht aus Neigung geschlossen war. Die zwei Söhne, die ihr aus einer größeren Kinderschar am Leben blieben, vermochten nicht, die Leere ihres Herzens zu erfüllen, wiewohl Mütterlichkeit ein Grundzug ihres tiefen und innigen Wesens war. In dieser Zeit drängender Sehnsucht und Not traf sie Friedrich Schlegel, den „Genius" der Romantiker. Und der Mann, grenzenlos begabt wie er war, sprudelnd von tollen und witzigen Einfällen, dabei schwer in seiner tiefen Gründlichkeit, seinem Reichtum an neuen fruchtbaren Ideen, wurde ihr Schicksal. Mit einer Bewunderung, die an religiöse Andacht grenzte, nahm sie seine faszinierende Persönlichkeit in sich auf. Mit einer Intuition, wie sie nur liebende Frauen haben, verstand sie alle Widersprüche seiner sinnlichen und geistigen, seiner gewaltsamen und zarten, seiner egoistischen und hingebenden Natur. Sie war weich und anlehnungsbedürftig. Aber sie gab seinetwegen den Gatten auf, ihr Heim, ihre bürgerliche Sicherheit Sie war für die Gesellschaft erzogen und hing an ihr. Aber sie nahm freiwillig den Fluch der Verachtung dieser Gesellschaft auf sich, um jahrelang ein unstetes, von materiellen 503