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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 176

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-06-01
Page
176 (sequence 12)
Language
German
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Julius Bab den Professorentitel verschafft und den er auch sonst auf alle Weise fördert Und den Dichter Michael Beer, Meyerbeers Bruder, hat er aufs herzlichste empfangen, hat seine Dichtung, den „Paria" nach allen Seiten empfohlen, und selbst einen kleinen Aufsatz zur Einführung in dieses Stück geschrieben, das ja ziemlich unverhüllt für die Menschenrechte der Juden eintrat „Der Paria", so schreibt Goethe, „kann füglich als Symbol der herabgesetzten und unierdrückten, verachteten Menschheit aller Völker gelten, und wie ein solcher Gegenstand schon allgemein menschlich erscheint, so ist er dadurch höchst poetisch." Niemandem aber hat der alte Goethe überhaupt zärtlichere Zuneigung gezeigt als dem wunderbaren Knaben Felix Mendelssohn-Bartholdy, der viele Male wochenlang im Goetheschen Hause weilte, geliebt und verwöhnt von jedermann, am meisten von Goethe selbst Der wurde nicht müde, sich an dem wundervollen Talent des Knaben zu ergötzen und sich von seinem erstaunlich frühreifen Genie in die ganze Musikliteratur einführen zu lassen. Voll Scherz, voll Heiterkeit, voll Zärtlichkeit ist Goethes Verhältnis zu dem Knaben, und als er heranwächst, begleitet er seinen Weg mit unermüdlicher Aufmerksamkeit und schreibt ihm die herzlichsten Briefe. Dies war der Enkel des Moses Mendelssohn, und man gewahrt auch nicht eine Sekunde den Schatten irgendeines Hindernisses, das Goethe innerlich zu überwinden gehabt hätte, um sich der menschlichen Werte zu erfreuen, die ihm in diesem Kinde jüdischer Abstammung entgegengebracht wurden. VII. Auf unmittelbare Lebensäußerungen, nicht auf Theorien und Postulate kommt es für Goethe an. Und so hat er einmal, noch als junger Mensch, Gelegenheit gefunden, sein Verhältnis zu den Juden, nicht, weil sie Juden, sondern weil sie ganz selbstverständlich seine Mitmenschen sind, höchst aktiv, rücksichtslos aktiv zum Staunen seiner Standesgenossen auszudrücken. Man muß diese Stelle aus „Dichtung und Wahrheit" in ihrem ganzen Umfang ^ersetzen. Sie ist ein wesentlicheres Dokument für das, worauf es hier ankommt, als jede Art theoretischer Stellungnahme: In der sehr eng ineinander gebauten Judengasse war ein heftiger Brand entstanden* Mein allgemeines Wohlwollen, die daraus entspringende Lust zu tätiger Hilfe trieb mich, gut angekleidet wie ich ging und stand, dahin. Man hatte von der Allerheiligengasse her durchgebrochen; an diesen Zugang verfügt' ich mich. Ich fand daselbst eine große Anzahl Menschen mit Wassertragen beschäftigt, mit vollen Eimern sich hindrängend, mit leeren herwärts. Ich sah gar bald, daß, wenn man eine Gasse bildete, wo man die Eimer herauf- und 176

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