Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Eine Geschichte des Religionsgesprächs
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 434 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Schalom Ben-Chorin Offenbarung pochenden Judentum ein (sich selbst und seine Sendung tragisch mißverstehender) Anwalt der „reinen Vernunft*'. Moses Mendelssohn entgegnet-dem missionierenden Lavater nicht mehr mit dem Wort der Heiligen Schrift, sondern mit den Argumenten der Vernunft. Das Judentum ist für Mendelssohn deshalb die Vollendung der Religion, weil es — im Gegensatz zum Christentum, das sich zum „credo quia absurdum" bekennt — mit den Forderungen und Erkenntnissen der Vernunft identisch sei. Noch Hermann Cohen nennt das Judentum „Religion der Vernunft", ohne zu ahnen oder wahrhaben zu wollen, daß ein Widerspruch in sich darin liegt. Im Wesentlichen blieben bis zum Auftreten Franz Rosenzweigs der mittelalterliche, rein exegetische und der aufklärerische, vernunftbedingle Standort die Positionen, die jüdischerseits gegenüber dem Christentum eingenommen wurden. Allmählich wurden im jüdischen Lager auch Stimmen laut, die, Jesus und die Apostel als Träger echt jüdischen Geistes anerkennend, im Christentum eine Botschaft des Judentums an die Welt sahen. Franz Rosenzweig ging Aveiter. Er anerkennt als gläubiger, das Gesetz erfüllender Jude die Wahrheit des Christentums, ohne allerdings daraus für Israel lebensmäßige Konsequenzen zu ziehen. Schoeps übernimmt diese Theorie und baut sie in seiner Lehre von den Bündnissen Gottes mit der Menschheit aus. Er lehrt, daß Gott vier Bündnisse mit den Menschen schloß: das noachidische (erster Menschheitsbund), das abrahamitische (erster Israelsbund), den Bund vom Sinai. Mit dem auf Weltzeit geschlossenen Sinaibund endet die Offenbarungsgeschichte — für Israel. Dieser Bund ist absolut. Er kann nur (von Israel) gebrochen werden, aber eine Veränderung oder Erneuerun» (von Gott her) kann er seinem Wesen nach nicht mehr erfahren. So steht Israel seit dem Sinai im Bunde mit Gott, auf Weltzeit. Anders die Völker der Welt. Mit ihnen wurde am Sinai kein Bund geschlossen; ihnen geschahen Offenbarung und Bund auf Golgatha. Am 11. November 1913 schreibt Franz Rosenzweig an seinen Großvetter, den Physiologen Rudolf Ehrenberg (der ihn bekehren wollte): „Was Christus und seine Kirche in der Welt bedeuten, darüber sind wir einig: es kommt niemand zum Vater denn durch ihn." Und Hans Joachim Schoeps bemerkt hierzu noch verschärfend: ,,... ohne dieses jüdische Zugeständnis ist aber in Zukunft kein (jüdisch-christliches) Gespräch mehr möglich, daß niemand aus den Weltvölkern anders zum Vater kommt als durch Jesus Christus." „Niemand aus den Wellvölkern", darin liegt für Rosenzweig und Schoeps das letzte Reservat Israels. Der Golgatha-Bund ist eine Heilslaisache, die Israel ais solches nicht tangiert. Denn, wie Rosenzweig weiier ausführt, „es k o ni m t niemand zum Vater — anders aber, wenn einer nicht mehr zu kommen braucht, weil er schon bei ihm ist. Und dies ist nun der Fall des Volkes Israel." Diese Sicht der Dinge hat etwas ungemein Bestechendes. Hier scheint zum ersten Male der zwei tausendjährige Streit der Ekklesia und der Synagoge gütlich beigelegt zu werden. Aber dies scheint eben nur so. tatsächlich ist diese „Lösung" Rosenzweigs (der, wie Schoeps aufzeigt, auch Martin Buber nahesteht) weder vom Judentum noch vom Christentum her annehmbar. Mit Recht sagte daher Hugo Bergmann in einer Diskussion über Franz Rosenzweig: „Seine Stellung zum Christentum ist großartig, aber fragwürdig." 434