Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Baltische Erinnerungen an Moses Mendelssohn
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 273 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Baltische Erinnerungen an Moses Mendelssohn ' Dies war die Umwelt, in der die feinsinnige und unglückliche Elisa von der Recke aufwuchs. Immer wieder fand sie, wenn sie Mendelssohns „Phaedon" las, Trost bei dem Gedanken, daß nach ihrem schmerzlichen, diesseitigen Leben ihrer Seele Unsterblichkeit beschieden sei. Nachdem ihre unglückliche Ehe geschieden war, ging Elisa, begleitet von ihrer treuen Freundin Sophie Becker, einer kurländischen Pfarrerstochter, auf Reisen und verbrachte mehrere Jahre in Deutschland. Über diese Reise hat Sophie Becker getreulich Tagebuch geführt.1) Beide Frauen hielten sich in Berlin auf, wo sie Mendelssohns Bekanntschaft machten. Am 29. September 1785 machte ihr Mendelssohn, ermutigt durch seinen Freund Nicolai, seine Aufwartung. Sophie Becker berichtet darüber in ührem Tagebuche (S. 191): „Bald darauf kam Moses Mendelssohn, Stolberg und Rosenstiel. Das Gespräch wurde sehr interessant, und es war mir eine rechte Augenweide, den liebenswürdigen Philosophen mit dem Judenbarte im Gespräch mit ein paar reizenden Weibern zu sehen." Diesem ersten Zusammensein folgte zwei Tage später der Gegenbesuch Elisas bei Mendelssohn. Sophie Becker trägt unter dem 1. Oktober ein (S. 192): „Um elf fuhr Elise mit mir und Nikolai zu Mendelssohn . . . Wir brachten ein paar sehr schöne Stunden mit dem liebenswürdigen Philosophen zu. Er hat drei sehr artige Töchter, davon die mittelste ein recht schönes Mädchen ist, und drei Söhne, denen man den Geist aus den Augen sieht Dem ältesten hat Mendelssohn sein neues Buch über das Dasein Gottes zugeeignet" Zwei Tage später wurde Mendelssohn, zusammen mit Ramler zu Elisas Schwester, der Herzogin Dorothea von Kurland, die während ihres Berliner Aufenthaltes auf Schloß Friedrichsfelde bei Berlin wohnte, eingeladen. Elisa konnte bei diesem Besuche nicht anwesend sein und entschuldigte ihr Fernbleiben durch einen Brief2): „Verehrungswürdiger Mann, ich bin der Freude beraubt, morgen mit Ihnen den frohen Tag zu genießen, denn ich habe mich von Minister Heynitz nicht losmachen können. Aber unsere Herzogin wünscht das gehoffte Vergnügen nicht zu verlieren und erwartet x) „Vor hundert Jahren. Elisa von der Reckes Reisen durch Deutschland; 1784—1786, nach dem Tagebuche ihrer Begleiterin Sophie Becker." Herausgegeben und eingeleitet von Lic- Dr. G. Karo und Dr. M. Geyer, Kollektion Spemann, Band 61, Stuttgart i884. '2) Vergl. Elisa von der Recke, Tagebücher und Briefe aus ihren Wanderjahren, herausgegeben vo Paul Rachel, Leipzig 1902, S. 2i5. 273