Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden im Donauraum
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 272 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Cahnmann daß die Reformen Kaiser Josephs II. die ungeschichtlichste Form absolutistischer Aufklärung in ganz Europa gewesen sind. Schon vorher war der Kameralist Joseph von Sonnenfels, ein getaufter Jude, in Wien aufgetreten und hatte versucht, der Anwalt humanitärer Prinzipien zu sein, die nirgends verwurzelt waren. Herz Homberg, einer der radikalsten Aufklärer aus dem Kreis von Moses Mendelssohn, wurde von Joseph II. mit der Aufgabe betraut, das jüdische Schulwesen zu modernisieren; diese Mission ist am Widerstand der strenggläubigen jüdischen Massen Galiziens gescheitert. Anders war es in Wien. Dort wurde der Salon der Berlinerin Fanny von Arnstein der Mittelpunkt der guten Gesellschaft zur Zeit des Kongresses von 1815. Bald darauf setzte, wie in Berlin, die Taufbewegung ein. Die Liste des Gemeindevorstandes vom Beginn des vorigen Jahrhunderts zeigt eine große Anzahl von Namen neugeadelter jüdischer Familien; von allen diesen Familien sind allein die Nachkommen der Familie Rothschild in der jüdischen Gemeinschaft geblieben. Später stand die Wiener Assimilation unter dem Zeichen des atheistischen Sozialismus, der für seine Anhänger den Kirchenaustritt propagierte; heute ist unter klerikal-faschistischem Regime eine erneute Zunahme der Taufbewegung festzustellen. Ähnliches gilt in abgewandelter Form für Budapest. Auf der anderen Seite ist im Donauraum eine alteingewurzelte jüdische Orthodoxie anzutreffen. Der äußerste Gegenpol aller „westlerischen" Bestrebungen, mögen sie nun assimilantischer oder nationalistischer Art sein, ist der Rabbiner Spira im karpathorussischen Munkacevo. Man kann sich ein Bild von den Zuständen in diesem Erdenwinkel machen, wenn man erfährt, daß Spira in der Synagoge den Cherem gegen alle Eltern erlassen hat, die ihre Kinder in das hebräische Gymnasium schicken. Man darf sie zu religiösen Verrichtungen nicht zuziehen, man darf mit ihnen in keine Geschäftsverbindung treten, nicht mit ihnen sprechen, sie nicht einmal anschauen. In Ungarn gibt es seit 1871 zwei separate Gemeindeverbände, die „Israelitische Landeskanzlei" neologischer Richtung und die „Orthodoxe Israelitische Landeskanzlei", daneben eine Anzahl sogenannter „Status quo-Gemeinden", das sind solche Gemeinden, die sich keinem der beiden großen Verbände anschließen wollen. Aus Ungarn, auch aus Mähren, stammen viele der in reichsdeutschen Gemeinden amtierenden Rabbiner und Kantoren. Die Wiener Orthodoxie ungarischer Prägung konzentriert sich um die Schiffschul, deren Mitglieder sich in letzter Zeit erneut darum bemühen, von der Regierung die Erlaubnis zur Bildung einer von der Hauptgemeinde getrennten Gemeinde zu erlangen. Selbst die chassidische Welt des Ostens ist nach Wien vorgedrungen, als während des Weltkrieges Rabbi Friedmann aus Sadagora, der bekannte „Gerer Rebbe", dorthin übersiedelte. Mit Zewi Perez 272