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Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 189

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Friedrich Nietzsche und der jüdische Geist
Date
1934-07-01
Page
189 (sequence 3)
Language
German
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so ad absurdum geführt hatte (für seine Bedürfnisse), wurde er Sozialist. Jack London war Amerikaner, mithin höchst „jugendlich". Ein Chinese wäre, nach der Nietzsche-Einverleibung, zu Lao Tse heimgekehrt, der Jude zu Abraham, Isaak und Jaakob. Auf die bürgerliche Emanzipation Europas folgte Fichtes Individualismus und darauf die Wendung zu den deutschen Volksmärchen und Volksliedern, auf die bürgerliche Emanzipation der Juden folgte die jüdische Nietzsche - Nachfolge und darauf die Wendung zu den jüdischen Volksmärchen. Es ist keine Widerlegung, sondern, abrupt gesagt, die Fortführung Nietzsches dahin, wo die Extreme sich berühren und der Übermensch zum Volksgeist wird. (Der Weg vom Baalschem zu Nietzsche und von Nietzsche zum Baalschem ist möglich, nur vom Kommerzienrat und vom Parteifunktionär zum Baalschem oder zu Nietzsche führt kein Weg.) Mit Nietzsche und dem Chassidismus teilt bin Gorion die Leidenschaft für die Leidenschaft, die Lebensbejahung trotz allem Sinn und das Mißtrauen gegen alle Worte, Schlagworte, Programme. Von ihm, der dreier Sprachen überaus mächtig war, stammt der Satz: „Jede Aussprache zerreißt mehr als sie heilt", und >ron ihm schrieb Moritz Heimann: „Er sah, daß alle Theorien nicht nur die Wissens-, sondern auch die Lebensaufgabe gröblich vereinfachten. Sich des Judentums schämen, sich seiner rühmen, untergehen wollen in der Anpassung, sich durchsetzen im eigenen Land, — in alledem sah er für die Menschen einen Ausweg vorbereitet, nicht wirklich das zu tun, wozu sie da sind. Er dachte beiläufig über den Sozialismus und seine Sekten ebenso. Will man das Individualismus nennen, so begeht man sogleich wieder den Fehler, den er durch sein ganzes Leben, hin bekämpft hat. Es gibt keinen Namen für das, was er als die Stellung des Menschen empfand: ohne Namen weiß es jeder, mit einem beginnt die Usurpation." Man muß nicht meinen, daß bin Gorion ein Einzelfall ist. Wenn heute unsere jüdische Jugend vom Liberalismus faselt, der angeblich das Judentum von der Jahrhundertwende an beherrscht hätte, so ist das nur ein Zeichen ihrer Unkenntnis. Welchen jüdischen „Kopf" der Zeit außer etwa Theodor Herzl darf man denn liberalistisch nennen? Der „Ismus" Herzls, der nur von politischem Belang war, wurde kulturell durch Achad Haam fundiert. Ihn, Nathan Birnbaum und Buber hat man unter dem Aspekt dessen zu betrachten, der damals der Gipfel seiner Zeit war: Friedrich Nietzsche. Und man wird finden, daß Martin Bubers Weg zu den Chassidischen Geschichten bin Gorions Weg parallel läuft. Nein, bin Gorion ist keine Ausnahme, und selbst Georg Brandes' Weg zum Judentum, selbst Constantin Brunners Entwicklung entspricht ihm. Der Weg aller derer, denen es auf das große Ganze ankommt, ist, von oben gesehen, der gleiche Weg. Worin gleich? In keinem „Ismus", und doch: ohne Namen weiß es jeder. Vielleicht ahnt man nun, im Zenith wie vieler Wege unseres Jahrhunderts Nietzsche schien, leuchtete, entflammte. Der Deutsche Nietzsche, und da man weiß, daß bin Gorion aus der Ukraine stammte, mag daraus jeder seine eigenen Schlüsse über 189

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