Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Juden in den deutschen Landschaften
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 411 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Cahnmann: Juden in den deutschen Landschaften Die deutsch-jüdische Literatur ist ein Dokument stürmischen Werbens um den deutschen Geist, das Dokument der bitteren und tragischen Einsicht des Unmöglichen und Nichterfüllbaren. Unter anderen Völkern wurde der Jude durch die scheinbare Leichtigkeit, mit der sich seine Angleichung an das Abendland vollzog, über die Unerfüllbarkeit dessen, was er anstrebte, hinweggetäuscht. Im Zusammenhang mit dem deutschen Geist wurde er sich der Tragik seines europäischen Lebensproblems bewußt. Und so ist die deutsch-jüdische Literatur eine Literatur der größten Enttäuschung, die ein Volk haben kann." Doch gibt sich Nadler mit einer solchen allgemeinen Kennzeichnung nicht zufrieden. Er weiß, daß alles Lebendige voll ist von Widersprüchen und vielfältigen Übergängen. Alle Fragen des Begrifflichen sind Fragen der Art, alle Fragen des Wirklichen aber sind Fragen des Grades; ungewiß bleibt immer, wann Gradunterschiede die Schwelle überschreiten, die sie zu Artunterschieden macht. Daß Nadler an Heine, diesem Schibboleth jeder deutschen Literaturgeschichte, nicht nur persönliche Charakterlosigkeit, nicht nur Undeutschheit, sondern auch — entgegen Heines eigenem Bekenntnis — boshafte Deutschfeindlichkeit sieht, mag von seinem Standpunkt aus erklärlich erscheinen, wenngleich es auf der anderen Seite eine für Nadler merkwürdige Befangenheit bedeutet, daß er ihm nicht ebenso wie seinem Landsmann Offenbach geschliffenen rheinischen Witz und rheinische Spottlust zuerkennen will. Doch hat er gewiß richtig herausgefunden, wie sehr Heine durch alle seine Verwandlungen hindurch an dem unzerstörbaren Eigenwert des Jüdischen und an seinem Gegenwert zu den hellenischen Werten Europas in seinem Inneren festgehalten hat. Aber auch bei Heines charakterlichem Widerpart Börne oder bei einem Mann wie dem starren Ostpreußen Johann Jacoby vollzieht Nadler das Fehlurteil, sie wegen ihrer radikal „linken" Einstellung, die notwendigerweise gegen seine — romantische — Ausformung des Deutschen gerichtet sein muß, als deutschfeindlich im vollbewußten Sinn zu kennzeichnen. Beide mögen Urjuden, jeder in seiner Art, gewesen sein, in Börnes Gedenkrede auf Jean Paul Richter mag man Stilelemente des Orientalischen finden, in Johann Jacobys Auftreten im Jahr i8/j8 das Pathos der Bibel, aber es widerspricht Nadlers eigener Konzeption von der „tragischen Spannung" zwischen Willen und Wirklichkeit in der deutsch jüdischen Literatur, wenn er einen vorbedacht „aufwieglerischen" und zerstörerischen Willen gegenüber allem Deutschen bei solchen Männern annimmt. Das war die Gruppe der „ Verstandes juden" — so wie Nadler sie sah, die den Abgrund der Gegensätze erkannten und daran zerbrachen, weil sie es unterließen, klare Folgerungen aus dieser Erkenntnis zu ziehen. Dieser Gruppe stehen zwei Gruppen von „Gefühlsjuden" gegenüber, die beide von Nadler mit erheblich freundlicherem Blick angesehen werden. Da sind zunächst diejenigen Juden, die bewußt oder unbewußt ihr jüdisches Volkstum und nichts als dieses gestalten wollen. Von Leopold Kompert sagt er im Ton der Bewunderung, daß in seinem Werk „unbekümmert um flaue Schutzfarben . . . seit Menschengedenken wieder der erste Jude offen zu seinem Volkstum ja" sagte. Von ihm und von Jakob Julius David, dessen jüdisches Wesen Nadler „naturgewaltig" nennt, bis zu Richard Beer-Hofmann, zu Theodor Herzl und Martin Buber zieht sich eine Reihe, die geographisch fast durchweg aus dem österreichischen, böhmischen, ungarischen, galizischen Raum stammt und in unseren Tagen 411