Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 475 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung fassung seiner Werke bediente. In diesem Falle freilich würde weder er noch andre behaupten, er sei aus einem jüdischen Palästiner zu einem jüdischen Deutschen geworden. Der Archipoeta, Luther, Leibniz und Humboldt bedienten sich der lateinischen und französischen Ausdrucksform — ihre Muttersprache war deutsch. Weshalb sollten sie also durch Benutzung der lateinischen und französischen Sprache zu Römern oder Franzosen werden? Wobei noch zu beachten ist, daß diese Männer selbst sich nicht als Römer oder Franzosen fühlten. Sie folgten nur den Gepflogenheiten ihrer Zeit, wenn sie ihre Werke in jener Sprache abfaßten, die damals als das Ausdrucksmittel der gelehrten und literarischen Arbeit galt Und es entbehrt in diesem Zusammenhang nicht eines gewissen Reizes, daran zu erinnern, daß Lessing seinen Laokoon ursprünglich hat französisch schreiben wollen, und daß Moses Mendelssohn seinen Freund von diesem Vorhaben abgebracht hat Was im übrigen Mendelssohn selbst für die Sprache der deutschen Philosophie bedeutet, das haben Kant und Herder anerkennend bekundet Stapel glaubt, auch Heinrich Heine für seine Auffassung anführen zu dürfen. „War Heine ein deutscher Dichter, weil er sich deutsch und französisch ausdrückte? Nein, er war ein jüdischer Dichter, der teils die deutsche, teils die französische Sprache benutzte." Stapel bedient sich hier einer bewußt irreführenden Ausdrucksweise, denn der Dichter Heine hat nur deutsch geschrieben; der Tagesschriftsteller hat sich gelegentlich, wenn auch wenig glücklich, der französischen Sprache bedient (Nur Rainer Maria Rilke hat neuerdings auch in französischer Sprache zu dichten versucht) Das gesamte Ausland, einschließlich der Franzosen, nimmt Heine als deutschen Dichter. Die Hauptwerke der Literaturgeschichte (bis ausschließlich Bartels) behandeln ihn als deutschen Dichter. Das Urteil Scherers dürfte die communis opinio der deutschen Literarhistoriker wiedergeben. „Und doch wird man den Namen Goethe und Heine immer nebeneinander aussprechen müssen, wenn es sich um deutsche Lyrik handelt Heine gehört zu unseren stärksten Liederdichtern; und unter denen, die nach dem Meister kommen, nimmt er als eigentümliche Kraft, als der Poet mit der lachenden Träne im Wappen, als ein Dichter, in welchem sich die Elegie mit der scherzhaften Satyre vermählt und dessen Wirkung auf ganz Europa noch jetzt nicht abgeschlossen ist, vielleicht den ersten Rang ein." (Scherer, Deutsche Literaturgeschichte, Seite 664/65.) — Um seiner Beurteilung Heines noch mehr Nachdruck zu geben, vergleicht 475