Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 55 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Juden nicht eine Macht war auf Seite der nazarenischen Geisteswelt, sondern, daß sie vielmehr sich aufs beste und stärkste verbündete mit den heidnischen Kulturmächten, die Goethe in der Schule der Griechen immer inniger verehren lernte Gewiß ist es das religiöse Grundgenie des jüdischen Volkes, das auch noch in der Gotteserkenntnis des Spinoza seine lebendige Kraft beweist, aber die Tore der Synagoge hat man natürlich nicht ohne Anlaß vor dem Verkünder dieser neuen Gotteslehre zugeschlagen. Dem religiösen Sinn, der einen Gott außerhalb und über der sinnlichen Welt sucht, der biblischen Tradition auch des Judentums ist der Spinozismus tief entgegen. Aber eben deshalb ergriff ihn der revolutionäre Geist des jungen Goethe mit solcher Leidenschaft, als er im „Prometheus" den über den Wolken geglaubten Göttern entgegentrotzte und den schaffenden Gott im eigenen Innern erhob. Das Prometheusgedicht des jungen Goethe ist bekanntlich Anlaß eines berühmten Gesprächs geworden, in dem Lessing kurz vor seinem Ende sich zu spinozistischen Gedankengängen bekannte. Die Veröffentlichung dieses Gesprächs durch Goethes Freund, Fritz Jacoby, war aber ein schwerer Schlag für Lessings alten Freund Moses Mendelssohn, den gefeierten Aufklärungsphilosophen, den Vater der Judenemanzipation, in Deutschland, der religiös doch durchaus an dem überirdischen Gottesbegriff der biblischen Tradition festhielt Mendelssohn bestritt, daß sein Freund Lessing so gedacht haben könne und polemisierte heftig gegen Jacoby. Goethe hatte bisher, wie seine ganze Generation, stets mit viel Hochachtung von dem würdigen und verdienten Mendelssohn gesprochen. Nun kam er in die merkwürdigste Situation: Er selbst war Anlaß eines Streites geworden, in dem ein Jude als Träger der supranaturalen, der morgenländischen Religiosität gegen eine religiöse Gesinnung focht, die Goethe zwar mit den Bildern der Griechen, aber unter wesentlicher Anleitung eines anderen jüdischen Geistes, eben Spinozas, ausgedrückt hatte. Wenn Goethe in dieser schwierigen Situation, einigermaßen gereizt von den „jüdischen Pfiffen" in Mendelssohns Schrift spricht, und ein andermal erklärt, er könne dies „jüdische neue Testament" nicht auslesen, so ist das recht wohl verständlich; aber die Antisemiten sollten doch eigentlich an diesen Äußerungen nicht viel Freude haben, denn Goethe focht hier äußerlich zwar gegen einen Juden, aber zugleich für einen anderen, und im Grunde genommen galt natürlich seine Stellungnahme weder dem einen noch dem anderen, sondern der griechischen Form seiner Religiosität, die in diesem Augenblick gegen die nazarenische verteidigt "werden wollte. 55