Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Judentum für alle Tage
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Judentum für alle Tage öffentlichen Wirken zieht. Franz Rosenzweig ist der einzige, bei dem man sich mit unserer Frage einen wirklichen Rat holen kann: ganz einfach irgendwo anzufangen und zu sehen, was weiter daraus wird. Und selbst noch dieser simple, tieferlebte Rat ist zu schwer zu befolgen, wenn man sich nicht vorzustellen vermag, was daraus werden kann. Denn vor das Einzelne ist das Ganze gesetzt, dessen das Einzelne ein Teil ist. Dieses Ganze bildet überall ein Gedanken- und Glaubenssystem des Judentums, und überall bleibt der Sprung vom jüdischen Denken zum jüdischen Leben. Was jüdisches Denken ist, haben wir seit Moses Mendelssohn und wiederum seit Hermann Cohen immer deutlicher gesehen, immer besser begriffen; wie aber jüdisches Leben aussieht, ist in der gleichen Zeit nur immer undeutlicher geworden. Versuchen wir, uns einen Mann vorzustellen, der all jene Gedanken- und Glaubenssysteme kennt und — glaubt, und der nun daran geht, das 'Joch der Tora' wieder auf sich zu nehmen und ihre Gebote eins nach dem andern wieder zu halten, bis er alle hält und innehat. Ist das der ideale Jude, wie er „im Buche steht"? Man sollte eher denken, es wäre ein völlig unlebensfähiges Mondscheinwesen. Unser Judentum muß also einen Konstruktionsfehler haben, der es für die gute Stube ansehnlich, für den Alltag aber unbrauchbar macht: es ist nur denkbar, nicht lebbar. Und deshalb sollte man sich auch nicht entrüsten, wenn viele unserer Jungen geneigt sind, es bis auf ein paar gute, solide Familientraditionen, die sie gar nicht als jüdisch empfinden, unterwegs über Bord zu werfen, nebst anderm aus der guten Stube, was uns teuer war. Darüber zu jammern hilft nichts. Man muß es besser machen. Was also war das Geheimnis im Leben der alten Juden, das zu finden uns so schwer glücken will? Lag es in einem Gottvertrauen, das uns etwa mangelte, in den rituellen Formen, die uns fremd geworden sind, in der Art des Talmudstudiums, die jeder heutigen Wissenschaft unterlegen scheint, oder was war sonst im Spiel? Nun, fragen wir sie doch! Und wenn sie das erstemal nicht antworten, dann immer wieder, bis wir irgendwo den Ton jenes Lebens hören. Schwierig ist es nur deshalb, weil die Zeugnisse des Denkens umfangreich, des Lebens selten und spärlich sind. Aber es gibt sie. Glückel von Hameln erzählt in ihren Erinnerungen, ihr Schwiegervater habe bei der ersten Kunde, daß ein Mann namens Sabbatai Zwi aufgetaucht sei, der sich für den Messias ausgebe, sein Haus verkauft und ein paar Fässer mit Wäsche und 447