Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 223 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen Aber Mendelssohn war ja auch nichts weniger als ein philosophischer Fachgelehrter! Ganz richtig machte Professor Stubenrauch seinen Neffen Schleiermacher darauf aufmerksam, daß der jüdische Weise mit einer solchen Bewertung nicht abgetan ist. „Denn Mendelssohn war auch mehr als Philosoph; ihm hat in der Tat unsere Literatur, unsere Sprache selbst und die gesamte Kritik ungemein viel zu danken". In der Tat: er ist auch als Aesthetiker, Kritiker, Reformator, Journalist, Schriftsteller, Uebersetzer und bei alledem als glänzender Stilist zu werten. „Ihm dankte Deutschland", heißt es in dem wohl von dem Herausgeber Dr. Biester verfaßten Nachruf der Berliner Monatsschrift, „auch die theoretische Kritik, ihm vortreffliche Entwickelungen in der Lehre von den Empfindungen und der schönen Wissenschaften, da sonst die moralischpsychologischen Beobachtungen, vorzüglich in Anwendung auf Aesthetik, nur das Eigentum der Briten zu sein schienen." „Er hat", schreibt Herder in den Fragmenten, „unter den Deutschen die Kritik der schönen Wissenschaften ausgebreitet, die Baumgarten in Absicht der lateinischen Schriftsteller so vorzüglich bewies". Manso hält die Mendelssohn sehe Abhandlung über die Hauptgrundsätze der schönen Künste und Wissenschaften „unstreitig für die wichtigste Erscheinung in der Aesthetik auf deutschem Boden nach Baumgarten". Herder, der lange Jahre in Mendelssohn eine Autorität auf ästhetischem Gebiet sah, bemerkt im Vierten Wäldchen, daß er von ihm am meisten in seinen einzelnen Beurteilungen lerne, „wo er auch über schöne Wissenschaft, nach jenem Lobspruche der Athenienser beim Tucydides, mit Wohlbestimmt!heit philologiert und ohne Weichlichkeit philosophiert". Und in den Literaturbriefen wären es Mendelssohns Rezensionen allein, die „des unparteiischesten und gleichesten Philosophen, die einen Lehrling auf den Weg der wahren Weitweisheit hinführen könnten, der jetzt, seitdem die Wolfe, Baumgartens, Kästners, Reimarus', Sulzers und Moses' nicht mehr darauf wandeln, in Deutschland so verstäubt ist". In der Hamburgischen Dramaturgie wird Mendelssohn von Lessing einmal der richtigste deutsche Beurteiler genannt. I. G. Scheffner, der nichts weniger als voreingenommen für Moses war, schätzt ihn als einen aufrichtigen, edlen Kunstrichter, der nie den Mantel nach dem Winde hängt. Von einem Anonymus wird Mendelssohn 1786 ein klassischer Schriftsteller genannt, dessen Schriften bis auf die späteste Nachwelt zu kommen verdienen. Nach Graf Mirabeau schwang sich Mendelssohn zum Range der größten Schriftsteller auf, welche dieses Jahrhundert in Deutschland gesehen hat: „Er 223