Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 6 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9620171-9621231-9626773--0118-9626784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
93 Kaminsims, unt die schönen Gegenstände in der Nähe zu betrachten. Znm Glück brannte kein Feuer im Kamin, sonst hätte noch ihr Kleidchen Feuer sassen und sie selbst jämmerlich nms Leben kommen können. Erst betrachtete sie nur die niedlichen Sachen, dann sing sie an, sie mit den Fingerchen zu berühren, ganz vorsichtig, eins nach dem andern. Diese niedliche Base, jene hübsche Figur mußte sie in die Hand nehmen, um sie genau zu besehen. Schließlich lenkte sich ihre Aufmerksamkeit ans das schönste Stück, welches dort stand, eine alte kostbare Porzcllannhr. „Ob sie wohl geht?" fragte sich die Kleine neugierig und drehte ganz leise an einem Zeiger, dann am anderen. Zuerst machte es ihr Vergnügen, die beiden spitzen Nadeln ans dem Zifferblatte immer hin und her zu schieben, bis endlich — o weh! der eine Zeiger plötzlich abbrach. Nun war's mit der Freude ans. Recha's Herzchen klopfte heftig; denn sie wußte, daß sie unfolgsam gewesen, und daß die Mutter sich ärgern werde. Schnell kletterte sie vom Stuhle und trat an das Fenster, so weit weg vom Kamin, wie .nur möglich. Wäre die Mutter jetzt in die Stube gekommen, so hätte sie ihrem Töchterchen das böse Gewissen wohl angesehen. Aber gerade in dein Augenblicke fuhr ein Wagen vor, und es kam Besuch. Alle hatlcn die Hände voll zu thnn mit der Begrüßung und Bewirtung, an Recha und die Uhr dachte niemand. Am Abend hörte das Kind, wie die Mutter znm Vater sagte: „Denke Dir nur, wie ungeschickt das neue Mädchen ist! Es hat gewiß beim Abstanbcn den Zeiger meiner schönen alten Uhr abgebrochen, und nun behauptet es noch, es nicht gewesen zu sein; aber jemand anderes kann es gar nicht gethan haben. Recha folgt immer und rührt nichts an, was ihr verboten wird; also muß es das neue Mädchen gewesen sein." Der Kleinen stieg das Blut ins Gesichtchen. Sollte sie gestehen, daß sie die Uhr zerbrochen, oder sollte sie schweigen? Nach kurzem Kampfe trat sie leise zur Mutter und zupfte sie am Kleide. „Mama", sagte sie mit Thränen in den Aligen, „ich könnte es doch nicht lange anshalten, ich will es lieber gleich sagen: Ich gehorche nicht immer, wie du eben sagst, und heute früh bin ich sogar sehr nnfolgsam gewesen. Sophie hat die Uhr nicht zerbrochen-ich — bin — es — gewesen!" — kam endlich unter Schluchzen heraus. Meint ihr, daß die. Mutter sehr böse geworden ist aus ihre ehrliche kleine Tochter? Gewiß nicht. Es ist immer ehrenhaft ein Vergehen cinzngestehen, umsomehr, wenn man nicht beschuldigt wird und cs also ganz freiwillig thnt. Wenn ihr, liebe Kinder, von einer Versuchung überwältigt worden seid, so bekennet cs frei und offen! Bedeilkct, daß es von einer niedrigen Gesinnung zeugt, etwas verhehlen 31t wollen oder gar andere für das leiden zu lassen, was man selbst begangen. Aber edel und ehrenwert ist es, sein begangenes Unrecht offen einzugeftehen!