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Central-Vereins-Dienst · 1926-07-07 · 2 (7.7.1926) · p. [Seite]

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Journal
Central-Vereins-Dienst
Volume
3 (1926)
Issue
2 (7.7.1926)
Date
1926-07-07
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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Hertz: „Rasse und Kultur". 3. Aufl. Leipzig 1925. Unter „Rassentheorien" versteht der Verfasser jene Theorien, die darauf ausgehen, den Wert oder Unwert der Völker „wissenschaftlich" zu begründen, wobei ja das Resultat freilich stets von vornherein feststeht, nämlich die Verherrlichung des eigenen Volkes, oder die Verteidigung der Machtstellung einer privilegierten Kaste. Sie laufen alle darauf hinaus, daß es tiefgehende, durch keinerlei Erziehung oder Anpassung zu behebende Klüfte zwischen den Seelen der Rassen gibt und daß der Rassenhaß ein gesunder, natürlicher Instinkt ist, wogegen jede Abschwächung der Gegensätze, jede Annäherung und Gleichstellung der Rassen als naturwidrig verworfen werden müsse. Hertz zeigt an Hand eines reichen geschichtlichen Materials, daß solche Theorien vom Altertum bis zur Neuzeit in allen Ländern stets im Dienste der Beschönigung von Unterdrückung und Ausbeutung, der Rechtfertigung egoistischer aristokratischer Privilegien auftraten. So suchten die französischen Adeligen des 18. Jahrhunderts dem revolutionären Ansturm mit der Theorie zu begegnen, daß sie von der germanischen Erobererrasse abstammten und daher berechtigt seien, die Abkömmlinge der unterworfenen Kelten und Römer zu beherrschen. Nach der Revolution von 1848 hat dann Graf Gobineau diese Theorie wieder aufgefrischt und zum Arierglauben erweitert, um dem Fortschritt liberaler Gedanken entgegenzuwirken. Schließlich haben die Alldeutschen, besonders Chamberlain und sein Protektor Wilhelm II. dieser verderblichen Ideologie zu großer Verbreitung verholfen. — Viel handgreiflichere Rassengegensätze als in unserem gemischten Europa gibt es ferner in Amerika, Asien, Afrika, wo sich infolge des blinden Hochmutes und Egoismus der weißen Herren ein glühender Haß der Farbigen herausbildet, der wahrscheinlich einmal zu blutigen Explosionen, zur furchtbarsten Störung des Weltfriedens und der Weltwirtschaft führen wird. Auch zur Ausbildung jener Stimmungen, aus denen der Weltkrieg entsprang, hat die Illusion von Rassengegensätzen verhängnisvoll mitgewirkt. Der Verfasser untersucht nun zunächst die Tatsachen der physischen Anthropologie und Biologie und beweist mit einem überreichen Material, daß sie den Rassentheorien keine Stütze bieten. Das populäre Vorurteil nimmt an, daß der dunkle Mensch auch ein dunkleres Seelenleben haben müsse. Ja, ist denn der Schimmel seelisch edler als der Rappe? Besonders interessant ist der Nachweis, daß die Unterschiede der Gehirngröße zwischen Europäern und Negern nicht größer, ja teilweise kleiner sind, als die Differenzen zwischen weißen Männern und Frauen, weißen Gebildeten und Ungebildeten. Chinesen, Javaner, Eskimos haben sogar mehr Gehirn, als die Europäer! Die angestrengtesten Bemühungen der Anthropologen waren auch nicht imstande, irgendwelche Rassenunterschiede am Gehirn nachzuweisen. Sehr gründlich werden sodann die Fragen der geistigen Vererbung erörtert. Die angeborenen Instinkte treten beim Menschen sehr zurück. Wenn die Rassengläubigen Recht hätten, dann müßte dem Menschen das Sprechen in seiner Muttersprache ebenso angeboren sein, wie dem Tier sein Brüllen, Zwitschern usw. Die Geschichte bietet unzählige Beispiele dafür, daß Völker ihre vorherrschenden Triebe unter dem Einfluß der Kultur gänzlich änderten. Die reinsten Germanen und Nachkommen der alten Wikinger, nämlich die Skandinavier und Angelsachsen, sind heute ganz überwiegend ausgesprochene Pazifisten. Andererseits gibt es innerhalb jedes Volkes die allerverschiedensten Typen. Prägt sich der englische Charakter in den (Quäkern aus oder in Lord Northcliffe, der deutsche in Herder oder in Hitler? Was man in der Geschichte für beharrenden Rassengeist hält, ist meist nichts als Tradition. Uebrigens leugnet Hertz nicht, daß es seelische Differenzen geben mag, etwa Unterschiede des Temperaments oder der Begabung; sie haben sich aber bisher trotz eifrigsten Suchens noch nie wirklich nachweisen lassen und sie können daher keinesfalls sehr tiefgehend sein. Es ist ja nicht völlige Gleichheit, worauf es ankommt. Auch innerhalb eines Volkes oder einer Völkergruppe bestehen die größten Ungleichheiten der Begabung, des Temperaments, der Kultur. Entscheidend ist, daß die Differenzen nicht so groß sind, daß eine Verständigung und gegenseitige Anpassung ausgeschlossen ist. Zwischen den Rassen bestehen nun keinesfalls so große Abstände. Weiter wird gezeigt, daß die oft behauptete Abspiegelung der Rassenseele in der Sprache mit den Ergebnissen der modernen Sprachwissenschaft in gänzlichem Widerspruch steht und von den größten Sprachforschern entschieden abgelehnt wird. Ein Schluß von der Sprache auf die natürliche Begabung ist ganz ausgeschlossen. Wohl aber zeigen alle Sprachen die Spuren zahlloser Völkermischungen und -berührungen. Insbesondere wird nachgewiesen, daß die meisten Länder Europas einst von Völkern bewohnt oder durchzogen wurden, die nichtarische Sprachen redeten, von Etruskern, Rhaetern, Liguren, Iberern, Finnen, Hunnen, Mongolen, Araber, Türken, deren Nachkommen zweifellos noch unter den Europäern leben, ja vielleicht den größeren Teil der heutigen sogenannten „Arier" ausmachen, besonders auch 1n den Alpenländern. — Ganz unsinnig sind ferner die Versuche der Rassengläubigen, allen Genies „nordische" Merkmale anzudichten. Goethe, Beethoven, Michelangelo und viele andere der Größten hatten ein ganz unnordisches Aeußere. Ebenso verfehlt sind alle die leichtfertigen Theorien vom Untergang der Antike durch Rassenmischung usw., die mit der wirklichen Geschichte in völligem Widerspruch stehen. — Ein großer Teil des Buches richtet sich gegen die Theorien von Gobineau, Chamberlain, H. Günther und ähnlichen, sehr berühmt gewordenen Schriftstellern, die Hertz in unanfechtbarer Weise als gefährliche Phantasten oder blendende Ignoranten entlarvt. Die Abschnitte über die Fortschrittsfähigkeit der Menschenrassen und über den angeblichen germanischen Charakter entwerfen ein farbiges Bild der zahllosen engen Uebereinstimmungen zwischen den früheren Entwicklungsstufen der heutigen Kulturvölker und dem Seelenleben der „niedrigen" Rassen. Ja, überall ragen noch die Ueberbleibsel einer barbarischen Vorzeit in unsere Hochkultur hinein! Zu einer bitteren Satire gestaltet sich die Darstellung der Psychologie und Ethik der Rassentheorien. Sie wirken geradezu verwüstend und zersetzend auf das Denken und die Moral und führen schließlich zur Anarchie und Bestialität. Mit Recht sagt der berühmte Schriftsteller H. G. Wells: „Ich bin überzeugt, daß es kein ärgeres Uebel in der gegenwärtigen Welt gibt als Rassenvorurteil; ich sage mit allem Nachdruck: überhaupt keines; es ist derzeit das Aergste. Es bringt mehr Gemeinheit, Grausamkeit und Scheußlichkeit mit sich als irgend ein anderer Irrtum in der Welt." Aeußerst wünschenswert ist, daß dieses Buch möglichst weit verbreitet werde. Unaufhörlich erscheinen neue Bücher, Broschüren und Zeitschriften, teilweise in wissenschaftlicher Maske, die nur der Rassenhetze dienen und die ohne Rücksicht auf die Kosten durch eine intensive Propaganda in großer Zahl verbreitet werden. Hat doch selbst ein so umfangreiches Buch, wie Chamberlain's „Grundlagen", eine Auflage von mehr als 100 000 erreicht, indem auf Initiative Wilhelms II. ein eigener reichdotierter Fonds gestiftet wurde, um es Bibliotheken, Vereinen usw. zu schenken. Zur Verbreitung wissenschaftlich begründeter, aufklärender Werke ist aber bisher gar nichts geschehen. Gerade dieses Werk würde sich hierzu besonders eignen.

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