Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 11 (1960)
- Issue
- 231-232 (20.9.1960)
- Date
- 1960-09-20
- Page
- [Seite 21] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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20. September I960. ‘‘DAS ECHO DAS STERBEKLEID von Schalom Ben - Chorin In seinem Essai “Oie Pornographie ■ des Todes’’ (im Mai-Heft der Zeitschrift “Der Monat”, 1956), gab G^ffrey Gorers Einblick in einen eigenartigen Bewusstseinswandeil des modernen Menschen. Waehrend frühere Generationen, vor allem im 19. Jahrhundert, den Bereich des Sexus als ein “Tabu” betrachteten, aber den Tod in den Mittelpunkt oeffentlicher Betrachtung rückten, koennen wir heute genau die umgekehrte Beziehung feststelilen: die Entschleierung des Sexuellen und die Verschleierung des Todes. Fragen von Sexus und Eros werden in breitester Oeffentlichkeit behandelt, wobei man nicht nur alle “falsche Scham”, sondern sehr oft auch die berechtigte abgestreift hat. Durch Freud und die Psychoanalytiker wurde auf diesem Gebiete alles sagbar, nichts mehr darf das Hamlet- Wort “Der Rest ist Schweigen” auf sich beziehen. Es muss alles zergliedert, zerredet, vorgebracht und ausgeschmückt werden. B«Id und Film kommen dem Worte noch illustrativ zu Hilfe. Aber ein Schleier der Scham umhüllt die Bezirke des Todes. Derselbe Mensch, der Eros, den Dunklen, ins Scheinwerferlicht gezerrt hat, steht dem Tode beziehungslos gegenüber. Er kann mit diesem Urphaenomen einfach nichts mehr anfangen. Man beobachte nur die oft peinliche Verlegenheit von Zivilisationsmenschen und Kulturtraegern bei Begraebnissen, im Trauerhause, gegenüber einem Leidtragenden. Die offenbare Beziehungslosigkeit tritt klar zu Tage, wo der Tod unverhüllt auftritt, wo es kein Ausweichen mehr gibt. Die Beziehungslosigkeit gegenüber dem Tode aber verfaelscht das Leben selbst. Wirklich leben heisst ja; im Bewusstsein des Todes, des eigenen und des fremden, des nahen und des fernen Todes zu leben. Und genau das ist es, was der glaubenslos gewordene Mensch von heute nicht wahrhaben will. Das Vergaengliche ist ihm nicht mehr ein Gleichnis, naemlich des Ewigen, sondern eine Peinlichkeit, die verschwiegen wird — indem rnan ein “Leben ails ob” führt. Nun kann man freilich in zwei radikal entgegengesetzten Richtungen ein “Leben als ob” führen. Man kann das im Sinne des grossartigen Wortes aus den “Sprüchen der Vaeter” tun: “Lebe so, als waere jeder Tage dein letzter, denn du kannst nie wissen, wann dein Ende kommt”. Hier ist ein positives “Alls-ob” zur Direktive gemacht: immer bereit sein, vor den Richter hinzutreten, immer “fertig” sein, mit dem, was uns aufgetragen ist, soweit das Fertigsein überhaupt unsere Sache sein kann, immer mit dem letzten Ernst der Stunde begegnen. Wer das wirklich koennte, w.aere immer noch ein Sünder und dennoch ein Heiliger, immer noch ein Werdender und dennoch ein Vollendeter. Aber man kann auch ein Leben des “Als-ob” in entgegengesetzter Richtung führen: als ob es gar keinen Tod für uns gaebe. Alle Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, alles Müssige und Zweitrangige wird damit zu Werten an sich inthronisiert. Und genau das tun wir; wir leben in dieser glaubenslosen Zivilisation, die auf dem Trick der “Todeslist” aufgebaut ist, auf der scheinbaren Ueberlistung des Todes durch Werte der Zivilisation und Kultur, so als ob es gar keinen Tod gaebe, Tritt er aber dennoch | auf — und das geschieht Tag um Tag und Nacht um Nacht, mit jedem Atemzuge naehern wir uns ja dem Unausbleiblichen! —, so wird es als eine Stoerting empfunden, als Etwas, das nicht in das Gefüge unseres Lebens passt, über das man den Schleier des Schweigens breitet. Es . ist kein Widerspruch, dass wir Gedaechtnisfeiern abhalten und Nachrufe veroeffenflichen. Sie sprechen ja vom Leben —■ und eigentlich nicht vom Tode. Sie wollen den Toten noch einmal lebendig vor uns hinsteHen, sie sind selbst meist Verschleierungsversuche dem Tode gegenüber, den wir im Tiefsten nicht wahrhaben vollen. Einmal im Jahre aber durchbrechen wir, als Juden, die Verschwoerung | des Schweigens gegenüber dem Tode: am Jom Kippur. Der Jude zieht sein Sterbehemd an, steht also im Kleide des Todes vor dem Herrn über Leben und Tod. Franz Rosenzweig hat in seinem “Stern der Erloesung” darauf hingewiesen, dass dieses Kleid an solchem Tage von tiefernster symbolischer Bedeutung ist: “Anders aber traegt es der Beter an den gewaltigen Tagen. Hier ist es nicht Hochzeitskleid, nein, es ist wirklich ein Sterbekleid. Und wie in diesem der Mensch einst, wenn man es ihm anziehen wird, allein ist, so ist er es auch im Gebet dieser Tage. Auch sie stellen ihn in nackter Einsamkeit unmittelbar vor Gottes Thron“. Hier spricht Rosenzweig aus, was der Verschwoerung des Schweigens gegenüber dem Tode zuinnerst anhaftet: die Angst vor dem Alleinsein. Der Tote ist allein. Der Tod reisst uns aus allen Zusammenhaengen, macht alle Bindungen nichtig und loest alle Zugehoerigkeit. Er stoesst freilich hinein und hinab in die Gemeinschaft der Beziehungslosigkeit, wenn man diesen Widerspruch in sich hier gelten lassen will; in die Gemeinschaft der Toten, die keine Gemeinschaft ist, der von Gott verlassenen Toten, die der Prophet Ezechiel so furchtbar realistisch geschildert hat, im 32. Kapitel, das vom Ende aller Macht spricht, die tief in der Grube zerschmettert liegt. Hier tritt der Tod als ein Raecher auf an jenem Uebermut, der nicht mit ihm rechnen wollte und sich ein Leben ewiger M?.eht vorspiegelte. Aber der Mensch, der mitten im Leben das Sterbekleid anzleht und so, ganz ohne Wehr und Waffen, vor Gott als dem U'eberwinder des Todes steht, nimmt, gerade in solcher Demut, dem Tod seinen Stachel. Was ist dieser Stachel? Die furchtbare, die letzte Einsamkeit. Das Verlassensein. Aber dieser Mensch, der sich aller Staerke begibt, indem er sich wie ein Toter einkleidet, der ist, indem er allein scheint, nicht allein. Ja, wenn er das Totenkleid nur anzoege, um sich des Endes zu erinnern, waere er allein. Aber, wenn er in diesem Kleide mit Gott redet, weil er weiss, dass Gott ihn angeredet hat — im immer waehrenden Akt der Offenbarung —, dann ist er nicht mehr allein. Dann ist er in die Gemeinschaft eingetreten, die selbst der Tod nicht loest, wenn es wahr ist, dass Gott denen die Treue haelt, die da im Staube schlummern, wie es Jisrael im Gebete bekennt. Das Sterbekleid am Jom Kippur kann zwar nur eine Konvention sein, ein Brauch, ein Minhag, wie wir sagen, und meist ist es auch nicht mehr. Aber es kann auch ein gewaltiges Symbol dafür sein, dass wir den Tod überwinden koennen, indem wir ihn mitten in unser Leben hinein nehmen. Das Aussprechen raubt uns die Angst: so lehrt es die Psychoanalyse, doch schraenkt sie diese Lehre mehr und mehr auf die Entschleierung des Sexus ein. Der Glaube aber spricht die Wahrheit des Todes mitten im Leben aus. Er laesst uns zu Gott sprechen: “Unser Vater, unser Koenig, gedenke, dass wir Staub sind!” Und indem ¿er Realismus des Glaubens den Tod zum Grandmesser unseres Lebens macht, macht er das Leben erst wirklich. Dem Tod ins Auge sehen, heisst wirklich feben. Aber über den Tod ins ewige Leben sehen, das heisst im Glauben leben, ¡m Vertraeuen auf die Treue, die über den Tod hinaus bleibt. Die Kraft der Symbole h,at sehr nachgelassen — oder, besser gesagt, wir verstehen es kaum noch die Kraft der Symbole zu spüren. Wenn es uns gelaenge, aus dem Jom Kippur, an dem wieder Trausende und Tausende im letzten Kleid vor dem letzten Richter stehen, etwas von dieser Haltung in die Lebenswirklichkeit hinüber zu nehmen, haetten wir einen entscheidenden Schritt zur Ueberwindun pter Todesverschlei'erung getan, die unsere moderne Kultur so verlogen und unwirklich macht. 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