Mannheim
Compact Memory

Das Echo · 1960-07-30 · 229 (30.7.1960) · p. [Seite 8]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Echo
Volume
11 (1960)
Issue
229 (30.7.1960)
Date
1960-07-30
Page
[Seite 8] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/9620162-9633717-9625925--455-9625933
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DAS ECHO” 30. Juli 1960. * * + * * Feuilleton * * * * * Klabund: Ich las im Grandhotel Kfabund war ein Mensch von fanatischem Lebens- und Schaffens- Willen. Jung und totkrank, erfüllt von seiner dichterischen Sendung, gestaltete er Lyrik, Drama, Roman, Novelle und Essay. Meisterhaft waren seine Uebfersetzuiigen (aus dem Chinesischen. Klabund hiess bürgerlich Alfred Henschke. Als Pennaeler veroeftentlichte «r unter dem Pseudonym “Klabund" erst» Gedichte; dieses Pseudonym hielt er spaeter bei. (Klabund ist ein Silbenkompositium aus Kia(bautermann) und (Vaga)bund). Klabund war zeitlebends ein echter Demokrat, der das aufziehemde Naziunweter mit grossem Schmerz entgegensah. Klabund, der 1928 in Davos starb, waere heute 70 Jahre. Seine Petzten Erfolge waren die Bühnenstücke “Kteidekreis” und “Hannibais Brautfahrt”. Redaktion “Das Echc/’ Als ich dem liebenswuerdigen Direktor des Grandhotels du Parc meine Absicht mittefite, in seinem erstklassigen Etablissement einen Vortragsabend zu geben, ist er sofort damit einverstanden. “Wir haben viele deutsche Gaeste. Ein er- und belesenes Publikum. Sehen Sie den Herren im grauen Gehrock dort, ueber dem Gehrock den imposanten Goethekopf? Das ist Dichterkoenig Gerhart Hauptmann! Und neben ihm der kleine bewegliche Herr? Das ist Herr Konzertmeister d’Albert". “Halten Sie ein", rief ich, “mir wird schwindlig vor so viel Groesse! Jetzt fehlt nur noch Samson-Koerner und ich bin k.o.”. “Und wieviel Eintritt koennte man erheben?" Ich dachte an meine ramponierten Finanzen. Der Herr Direktor laechelte grosszuegig: “Unter fuenf Mark kommt bei uns keiner!”. Als ich abends um 1/2 9 Uhr in einem von Hermann Hesse geborgten Smoking die Halle betrete, schiesst der Direktor an mir vorbei: “Sie haetten nicht kommen muessen Bei dem herrlichen Sommerwetter sind unsere Gaeste alle ausgegangen. Spezielf die Deutschen schwaermen fuer Glyzinienduft im Mondschein. Ich gebe Ihnen einen Tip: lesen Sie bei Vollmond auf einemDampfer die Liebeslieder der orientalischen Bajuvarin, wie heisst sie doch gleich? Ah: MirzI Schaffy. — Sie werden einen Bombenerfolg haben! Aber a propos: Gehen Sie in den Salon, vielleicht erwischen Sie noch ein paar Nabobs..." Er schoss zum Eingang, wo ein Auto hupte und die schrille Glocke “Arrivé" verkuendete. Erhobenen Hauptes schritt ich in den Salon. In einer Ecke sass eine uralte Dame und strickte. Sonst war niemand da. Die Dame war zumindest halb taub. Sie hatte ein Hoerrohr mit einem langen Schlauch neben sich liegen. Und ich trat auf die Dame zu, verneigte mich so grandhotelmaessig, wie ich nur vermoechte, und begann, mit Anstand und entsprechendem Gefuehl zu rezitieren. Die Dam« hatte die Stricknadeln sinken lassen und das Hoerrohr erhoben. Wie die Zigeuner ihrem Hoerer in Ohr hineingei- ZEHN JAHRE ZENTRALRAT DER JUDEN IN DEUTSCHLAND Das Bundesministerium der Innern teilt mit: Der Bundesminister des Innern hat dem Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland folgendes Telegramm übermittelt: Dem Zentralrat der Juden in Deutschland übermittle ich zu seinem 10 jaehrigen Bestehen meine aufrichtigen Glückwünsche. Dabei gedenke ich dankbar seiner erfolgreichen und verstaendnisvollen Arbeit im Dienste der Wiedergutmachung und der Versoehnung. Bundesminister des Innern. Dr. Gerhard Schroeder DAS ECHO für SIE- § SIE für DAS ECHO * gen, so brachte ich meinen Mund dicht an das Hoerrohr und schmetterte meine Weisen der alten Dame ins duerre Trommelfell. “Du hast die Sonne durch dein Aug berueckt, dass sie die goldenen Strahlen helle zueckt”, schrie ich, und: “Soll ich kleine Lieder singen?" “Ia”, nickte sie schwermuetig, “ja, ja”. Im Hintergrund spielten vier Herren Poker. An der Tuer stand der kleine Liftier und lauschte gespannt. Eine halbe Stunde schrie ich der alten tauben Dame meine Verse ins Ohr. Ich endete. Sie Hess das Hoerrohr sinken und i heb wieder die Stricknadeln; “Wie schoen Sie singen! Was fuer einen praechtigen Tenor Sie haben!” Am Ausgang stellte mich der Liftboy: ‘Haben Sie das alles Selbst gemacht?" Seine grossen blauen Kinderaugen sahen mich verwundert an. Ich musste seine Frage bejahen. Da griff er in die Seitentasche seines roten Kamisols und steckte mir einen blanken Frank in die Hand. “Wissen Sie: Sie haetten bei der Table d’hote rezitieren muessen. Da waere ihnen niemand ausgekommen, niemand. Alle haetten zahlen muessen, wenn Sie mit einem Teller sammeln gegangen waeren. Ich rate Ihnen ueberhaupt: Nehemen Sie niemals Entree, da kommt niemand, sammeln Sie immer, dann verdienen Sie etwas. Oder verkaufen Sie Postkarten mit Ihrem Bild". Die alte Dame hatte sich erhoben. Sie schritt zum Lift. Der Liftboy salutierte. Vom Concierge mit einem verachtungsvollen Biick bedacht, ver- Qiess ich die Drehtuer des Grand Hotel. Aufatmend blieb ich unter den Palmen stehen und sah auf den See hinaus. Die Grillen zirpten. Die Wellen schlugen ganz leise, floetentoenend an den Strand. Irgendwo schlug eine Nachtigall. Die Ohrfeige von Franz Molnar Ich w'ar fünfzehn Jahre alt und ging in die fünfte Gymnasialklasse. Der Kraeftigste und Breitschultrigste unter meinen Mitschülern war Robert. Das Lernen fiel ihm ziemlich schwer; er kam nur mit Ach und Krach durch. Haette er nicht solche Riesenkraefte besessen, er waere in unseren Augen der Letzte gewesen. Packte Robert den kleinen Schulwagen, vor den ein Pferd gespannt war, so konnte dieser nicht anfahren. Diese Faehiggeit verschaffte ihm sozusagen seine Daseinsberechtigung. Einmal versuchte Robert den Wagen am Weiterfahren zu hindern, als das Pferd bereits trabte, aber es gelang ihm nicht. Der Wagen riss ihn mit sich. Er stolperte mit rotangelaufenem Gesicht hinterher, schliesslich fiel er hin und schlug die Nase blutig. Robert schaemte sich sehr, dass ihm dieser Versuch misslungen war. Er kam zu mir, um mir die Sache zu WAS IST KULTUR? Ueber Kultur, ob, wie und dass sie ist, entscheide ich sellbst. Dev Existentialist. * * Kultur? — Das Zeitalter des Nihilismus ist heraufgekommen. in memoriam Nietsches. * * Kultur: das ist Feuer, das ist Prometheus. Der Historiker. * * Sie ist nur im Kollektiv zu erreichen. — Der Marxist. * * Kultur ist eine zu verwertende Mitgift des homo sapiens. Der Naturwissenschaftler. erklaeren. Ich genoss als Vorzugsschüler einen gewissen Respekt in der Klasse. Meiner schaebigen Kindereitelkeit schmeichelte es, dass diesem grossen, kraeftigen Burschen so viel daran lag, sich vor mir zu rechtfertigen. Ich wurde hochmütig, antwortete ihm kaum mit ein paar Worten und sagte ihm schliesslich, er habe sich blamiert. Robert war verbittert. Eines Tages rief er mich im Schulhof zur Seite und machte mir Vorwürfe, dass an der ganzen Sache ich schuld sei. Unter der “ganzen Sache” verstand sich, dass er dem Spott und Hohn ausgesetzt war. Unbewegten Gesichtes hoerte ich ihn an, mit dem gewissen “Mir-kannstdu-lange-reden” — Ausdruck ,der der aergste ist. Schliesslich verlor Robert die Geduld. Er sagte mir, ich sei ungerecht und niedertraechtig. “Robert!" mahnte ich ihn ruhig. Sein Mund verzog sich bitter, voller Ueberzeugung erklaerte er.- “Ein unverschaemter Hund bist du!" Dieser Esel wagte es, mir ins Gesicht zu sagen, ich sei unverschaemt!: In mir kochte die Wut auf. Ich versetzte ihm eine Ohrfeige. Gleich darauf lief es kalt über meinen Rücken: ich erwartete den Tod. Robert stand vor mir und schaute mich an. Er schaute und schaute und schlug immer noch nicht zurück. Etwas traurig stand er da und sah fast entschuldigend drein. Da würgte ein Schluchzen meine Kehle. Nicht die Ohrfeige bedauerte ich. Meinem Gefühl nach war ich in einer ungerechten Sache oben geblieben, hatte über die Gerechtigkeit triumphiert, über einen dummen, aber braven Buben. Ich stand da wie der Held des Lebens, des boesen, grausamen Lebens. Ich war fünfzehn Jahre alt, in einem Alter, in dem ein solcher Triumph noch schmerzhaft, im Herzen sticht. Robert ging ganz still davon und liess mich stehen. Eine Woche spaeter lief er aus der Schule weg. Jenoe, der neben mir sass, sagte mir, Robert habe ihm den Grund mitgeteilt: Einer von uns habe ihm eine Ohrfeige gegeben, aber er sei ein Mensch von Charakter und habe ihn nicht -angezeigt. Da er aber nicht in eine Schule gehen koenne, in der einer sitzt, der ihn ohrfeige, so bleibe er eben aus. Er wolle sich in eine Gewerbeschule einschreiben lassen, das Gymnasium passe nicht für ihn. Ich sah Robert nie mehr wieder. Aber er war es, der aus mir einen gerechten, verstaendnisvollen und verzeihenden Menschen gemacht hat, der auf die billigen Triumphe des Lebens verzichtet. (Aus dem Ungarischen von Emeric Roboz). “FORMEN AUS ISRAEL” MÜNCHEN. — In den Raeumen der Münchner Handwerkskammer wurde soeben eine Ausstellung “Formen aus Israel” eroeffnet, die erste israelische Ausstellung auf deutschem Boden. Der bayerische Ministerpraesident Dr. Hans Ehard hat die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen und sie selbst eroeffnet. “Ich stelle mit grosser Genugtuung fest”, sagte er dabei, “das mit dieser Ausstellung der Kontakt zum israelischen Staat, an dem uns allen so viel liegt, auch aeusserlich gefunden wurde”. Die Ausstellung, die nahezu 200 Arbeiten umfasst, lenthaelt Arbeiten von Julia Keiner, die Leinengewebe und einen sehr schoenen Knüpfteppich ausstellt, und von Menachem Bergmann, der Sillberschmiedearbeiten zeigt. Die Werkstatt Yaad ist mit Plexiglasarbeiten von Zahara Schatz vertreten, waehrend Bezalei und Louise Schatz ihre Arbeiten in Kupfer und Eisen zeigen. Ruth Sternschuss steuerte Puppen, Finy Leitersdorf künstlerisch gestaltete Gebrauchsgegenstaende bei. Interessant sind auch die (Teppiche der yemenitischen und marokkanischen Einwanderer und die Wüsten- und Schafhirtenmaentel, die aufgrund alter Vorbilder entwickelt wurden. Ueber den Ausstellungsgegenstaenden haengen Photographien uralter Gegenstaende aus den Ausgrabungen in Hazor und Photos der israelischen Landschaft. Die Austeilung, die den ganzen Juli über geoeffnet bleibt, hat in Münchea ausserordentlich starkes Echo gefunden. Taeglich finden sich zahlreiche Besucher ein, unter ihnen besonderere viele junge Afenschen. Das berechtigt zu der Hoffnung, dass mit dieser Ausstellung ein erster Schritt zu einem besseren Verstaendnis zwischen den beiden so schicksalhaft verbundenen Voelkern getan worden ist. Herbert Liebmann ■■■ M:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.