Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 10 (1959-1960)
- Issue
- 210/211 (28.9.1959)
- Date
- 1959-09-28
- Page
- [Seite 11] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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11. 28, September 1959. DAS ECHO ROSCH-HASCH AN AH-FEUILLETON: Der Fuhrmann Sische als Schofarbläser Die ganze Woche vor Rosch-ha Scharia hat der Fuhrmann Sische schwer geschafft; Faesser mit Petroleum geladen, Zuckersaecke und andere schwere Lasten gefahren. — Am Erew Rosch-haSchana ist er erst am spaeten Nachmittag heimgekehrt. Er hat kaum so viel Kraft aufbringen koennen, die Pferde auszuspannen, sie in den Stall zu führen und ihnen Futter und Wasser zu geben. In die Stube zurückgekehrt, hat er sich hingelegt und ist vor Müdigkeit sofort eingeschlafen. Er schllaeft bis in den naechsten Morgen hinein, ohne an den heiligen RoschhaSchana zu denken. |Sein treues und frommes Eheweib Chaja wagt es nicht, ihn zu weckfcn. Als aber der naechste Tag — der erste Rosch-haSchana anbricht, sieht sie durch das Fenster, dass die Juden in die Schul eilen; die Strasse wird immer leerer und leerer. Alle Maenner und Frauen verschwinden in das breite Tor der grossen Schul des Rabbi L«yi Jizchak. Die fromme Chaja weckt ihren noch schlaftrunkenen Mann: “Steh auf” sagl sie sanft —, “alle Juden sind schon in der Schul, nur wir sind noch zu Hause”. Mit grosser Mühe hat sie ihn endlich munter bekommen. Sie reicht ihm Tallit und Machsor, und so sind sie bereit, in die Schul zu gehen. '“Warte noch ein Weilchen” — sagt der Mann —, “ich muss noch den Pferden und dem anderen Vieh Futter und Wasser geben!” “Nein” — sagt die Frau —, “heute ist Rosch-ha¬ Schana, ein heiliger Tag, und es ist schon sehr spaet. Wir koennen uns der Tiere wegen nicht noch mehr versaeumen! Komm, wir wollen gehen!” Als sie in die Schul kommen, ist man schon weit im Schacharit fortgeschritten. Sische schleicht leise zu seinem Betpult in der letzten Bank, hüllt sich in seinen abgeschabten Tallit und bemüht sich, dem Vorbeter zu folgen. Jedoch seip Herz und Sinn sind nicht bei den Gebeten; seine Gedanken sind bei dem hungernden Vieh im Stall. Seit gestern abend haben die Pferde kein Futter bekommen; woher sollen die Pferde die Kraefte haben, die schweren Lasten zu ziehen; gerade jetzt, da die Regenperiode beginnt und die Wege aufgeweicht sein werden. Bis zur “stillen Schmone Esrep haelt er es noch aus. Aber dann gleich, als er gflaubt, unterbrechen zu dürfen] eilt er schnell zu seinen Tieren Er füllt ihre Futtertroege, gibt ihnen Wasser, bereitet Haecksel für sie, legt* Heu zwischen die Leitersprossen und macht ihnen noch ein frisches Strohlager. Hastig schüttelt er das Stroh von seinen Feiertagskleidern, aber etwas Von Ch. D. Armón (Kestenbaum) Heu ist noch in den, Haaren seines schon ergrautn Bartes geblieoen. Schuldbewusst, dass er diesen heiligen Tag entweiht hat, eilt er zurück in die Schul. Er kann sich zuerst schwer zurechtfinden, aber schliesslich merkt er zu seinem Schrecken,' dass er schon nach der “Keduscha” gekommen ist, dass er das Heiligungsgebet versaeumt hat. Der Vorbeter spricht: “So lass doch kommen, Ewiger unser Gott, Deine Furcht über alle Deine Geschoepfe”. — “Was für ein Sünder bin ich doch! Gestern habe ich gewogen werden, begangen hat. Schon zum dritten Male hat der Rabbi den Schamasch geschickt, nach Reb Michels Befinden zu sehen. Seit Jahren war dieser fromme Thoraschreiber seinSchofarblaeser. Sein Schofarblasen ist stets ohne Zwischenfall verlaufen, woraus man erkennen konnte, dass sein Schofarblasen im Himmel Eindruck macht, und dass es ihm immer getlingt, den Widersacher zu verwirren und dessen Anklagen zunichte zu machen. Diesmal bleibt er wegen Erkrankung aus. Der zurück¬ DIE ERLOESTEN Aus dem Mussaf von Rosch Haschana Und icilles stroemt herbei und will Dir dienen Und preist den Abglanz Deiner Herrlichkeit; Und ferne Inseln künden Deine Werke. Und fremde Voelker fragen deinen Weg,. Am letzten Erdenrand singt man Dir Lieder Und immer toent es: gross ist Gott der Herr! Darm werden ihre Goetter sie zertrümmern. Dann flammt nur Dir allein der Opferbrand. Vor Dir allein sinkt jedes Knie zum Staube. Dann wird Dein Antlitz schauen, wer Dich suchet. Erkennen wird er Deines Waltens Kraft, j Dann werden Toren Weisheitskunde lernen Und Lieder singen Deiner Hochgewalt, Ob tollem Irdischen Dich seh'n als Haupt Im Sternenglanze Deiner Majestaet; Und alles wird in Andacht zu Dir beten. Und aus den Bergen toenen Jubellieider, Eilande jauchzen Deiner Herrlichkeit Und tragene willig Deines Reiches Joch: Denn alles Volk erkennet Deine Macht. Die Fernsten hoerens an und draengen nahe Und bringen Dir die Krone Deiner Welt. Uebersetzt von Bertha Badt- Strauss. die Abendgebete verschlafen, die Einweihung des Feiertages versaeumt, und heute sogar die “Keduscha”. Wenn das meine fromme Chaja wüsste, wenn das der heilige Rabbi Levi Jizchak wüsste...” Qualen erfüllen seine Seelle wegen der grossen Sünden, die er an diesem heiligen Tage, dem Tage des Gerichtes, wo die Taten des Menschen kehrende Schamasch flüstert dem Rabbi zu, dass er nicht zu warten braucht. Es ist schon nach der Thoravorlesung. Die Gemeinde wartet. Wer soll Schofar blasen? Wer, wie Reb Michel, hat so viel Macht im Himmel, durch sein Schofarblasen den Widersacher abzulenken, seine Anklagen zunichte zu machen und für die Juden m aller Welt ein gutes Jahr zu erflehen Ploetzlich sieht man, dass der Rabbi den Tallit vom Kopfe streift, auf die Schultern legt, vom Almemor heruntersteigt und dem Ausgang zustrebt Sische, der Fuhrmann, zittert am ganzen Leibe als er sieht, wie der Rabbi direkt auf ihn zukommt. Kaum kann er sich noch auf den Beinen halten Er stützt sich am Pult, um nicht zu fallen. Sicher hat der heilige Rabbi durch seinen hellseherischen Blick erkannt, dass er ein grosser Sünder ist. Dass er gestern das Abendgebet versaeumt hat, an diesem heiligen Tage die Schul verlassen hat, zu dem Vieh ging, und noch mit der Haekselzubereitung den Feiertag entweihte. Dabei hat er sogar die “Keduscha” versaeumt. Wehe! ¡Wehe! Womit kann er sich denn rechtfertigen? Ihm wird noch unheimlicher zumute, als er sieht, dass alle Beter von ihm abrücken; ihm wird dünke] vor den Augen und er faellt in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kommt und die Augen oeffnet, sieht er, dass der Rabbi vor ihm steht, ihn mit Essig einreibt und ’ der Schamasch ihn mit Wasser bespritzt. “Verzeihung, heiliger Rabbi” — stammelt er —, “ich Sünder, bin ein einfacher Fuhrmann, hatte Mitleid mit den Tieren und habe dabei die Keduscha versaeumt. Gott moege mir verzeihen, um der Verdienste meines Weibes Chaja willen, um ihre vielen Guttaten...” “Naerrisches Kind! Herzchen meins! —erwidert der Rabbi — “ich muss um Verzeihung bitten, weij ich dich so erschreckt habe. Gottlob bist du wieder zum Leben erwacht, und wenn du dich schon kraeftig genug fühlst, dann folge mir auf den Almemor, Schofar zu blasen. Denn Reb Michel ist erkrankt. Keiner ist im Himmel so angesehen wie du. Du mit deinem Mitleid für die stumme Kreatur wirst gewiss auch im Himmel das Mitleid für uns erwecken, dass die Anklagen des Widersachers verstummen und wir alle zu einem guten Jahr eingeschrieben werden”. Spaeter, am Tische, erz.aehlte der Rabbi, dass im Himmel eine schwere Anklage gegen die Juden war und dass fromme Reb Michel gerade vor Rosch-haSchana erkrankt sei, sei nur das Werk des Widersachers, damit er ihn durch sein Schofarbllasen nicht verwirren solle. Aber durch das grosse Mitleid des Fuhrmanns Sische m:t den Tieren seien die boesen Anklaeger verscheucht worden, die guten Engel haben die Oberhand bekommen und wir koennen zuversichtlich sein, dass der AUmaechtige uns zu einem guten Jahr einschreiben werde. DAD ISRAELITA DE TARDA DE TARDA 1 GRATULIEREN AUF DAS HERZLICHSTE DER JUEDISCHEN WELT ZUM BEGINN DES JAHRES 5720.