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Das Echo · 1959-02-18 · 197 (18.2.1959) · p. [Seite 1]

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Journal
Das Echo
Volume
9 (1958-1959)
Issue
197 (18.2.1959)
Date
1959-02-18
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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DAS EC REVISTA DEMOCRATICA CULTURAL EN V Die unabhaengige Halbmonatsschrft Boliviens in deutscher Sprache tuer Politik, Kultur und Wirtschaft Direktor und Chefredakteur: Dr. Ludwig K. Stargardt Verlag: Editorial “El Progreso”, Empresa de Propaganda y Publicidad, La Paz - Obrajfö - Buero«: La Paz, CaUe Yungas 36 und Cochabamba, CalleBaptista 429. - Casilla 2217 La Paz, oder Casilla 748 Cochabamba. - Druck: Editorial Kotlasuyo , Loayza 3<)4. DAS ECHO erscheint am 15. und 30. eines jeden Monats. Anzeigenpreis: 1 komplette Seite Bs. 500.000.—; kleinere Flaechen entsprechend weniger. — Sprechstunde der Redaktion: Mittwoch 6-7 Uhr nachmitags. Nummer 197. In dieser Ausgabe: * Zum Tode von Sprinzak * Ueber Reformgemeinden - % Seite der Frau J Wiedergutmachung j Technik und Wissen * Oesterreich-Echo j Lieber, guter Chaplin! * Die Freie Meinung i Anekdoten J -—-—- *- ( J rß. Februar 1959. Preis: Bs. 500.— Die Deutschen, die Juden und das Wunder i In unserer vorigen Ausgabe brachten wir die (dem “Bulletin” der Bundesregierung entnommene) Meldung, dass der Bundeskanzler vor dem Bundestag, die . in letzter Zeit in Deutschland stattgefundenen antisemitischen Aktionen geisselte, ferner brachten wir die Nachricht, dass Nahum Goldmann dem Bundeskanzler gegenueber seine Besorgnisse ueber die vorgekommenen antisemitischen VorfaelSj ausdrückte und endlich erhielt diese Ausgabe die ITA-Me’dung, dass die deutsche Regierung ein Gesetz verabschieden wird, welches den Antisemitismus und den Rassenhass unter Freiheitsstrafe stellen soll. Die Kausalitaet diesler drei Meldungen sind in Ursache und Wirkung innig ineinander verflochten und beweisen eindeutig, dass der Antisemitismus in Deutschland in einem emstzunehmenden Umfange existent ist II Juden sind eigenartige Menschen; sobald sie sich einigermassen sicher fühlen, vergessen sie vorangegangene Schrecken. Als Hitler an die Macht kam, gab es viele luden, die der festen Meinung waren, “dass es sicher nicht so schlimm werden würde”; diese apolitische Kurzsichtigkeit hat diam jüdischen Volk Millionen Tote gekostet. Man erinnert sich sehr wohl daran, dass drakonische Massnahmen der Nazis ergriffen werden mussten, bevor die Mehrheit der deutschen Juden den Todesemst des nazistischen Antisemitismus begriffen haben. Jetzt sehen wieder viele Juden die Bahn frei für die Rueckkehr “da ja Heuss und Adenaular wirkliche Demokraten sind, diie keinen neuen Antisemitismus dulden werden”. Auch hier sprechen die ewig Unbelehrbaren, die leiden mussten, ohne etwas gelernt zu haben. Wenn von nach Deutschland rückkehrwillige Juden der Name Adenauer als Garant für eine philosemitische deutsche Politik genannt wird, so koennen wir hierzu leider nicht unbedingt “ja” sagen. Solange der Bundeskanzler einen Dr. Globke, den famosen Kommentator der “Nürnberger Rassengesetze”, als seinen Intimus und seine. Rechte Hand bezeichnet, solang» die Administration unter Adenauer von echten Nazis durchsetzt ist, solange im Adenauer-Staat die “Wiedergutmachung” schleppend und unfreundlich behandelt wird, solang1,' kann unse>- Vertrauen zu der aktuellen Bonn-Regierung nur ein bedingtes BmII, Im fiebrigen kann man die Feststellung machen, dass immer mehr Minister und Parlamentarier Wert darauf legen, dass ein Schluss-Strich unter der nazistischen Vergangenheit gezogen wird. So macht man den teutonischen Antisemiten frischen Mut, zu judenfeindlichen Aktionen, die als Praeludium für groessere faschistische Handlungen zu werten sind. HI Es bleibt ein erfreuliches Faktum, dass die deutsche Regierung ein “Gesetz gegen Volksverhetzung" erlassen will. Dieses Gesetz aber wird nicht im Mindesten die antisemitische Haltung von braunen Helden aendem, sondern hoechstens steigern, die dieses Gesetz als Provokation gegen den “deutschen Geist” propagieren würfle- Weimar ist ein Beispiel dafür, dass man durch gesetzliche Massnahmen keine Ideologien unterdrücken kann, man kann wohl gafaehrliche Keime eine.. Zeitlang sterilisieren, aber nicht dauernd in ihrer Entwicklung paralysieren. So wie die meisten deutschen Revolutionen verfehlt waren, so war es der “demokratische Umbruch von 1945”, der einige Nazinester aurottete, aber die nazistischen Bazillen in ihrer Entwicklung nicht stoerte. Diese Bazillen haben sich nun entwickelt, und es dürfte heute eine Sysiphus-Arbeit sein, die Unterlassungssuenden von 1945 zu eliminieren. IV Das nationale Klima in Deutschland waechst bedrohlich ins Nationalistische. Der Militarismus, die Grossindustrie und junkerlicher Feudalismus, sargen für eine Atmosphaere, die den Revanchegedanken gegen den “FeindF naehrt. Der Amerikanismus, der heute Deutschland voellig beherrscht, ist fruchtbarer Humus, für einen Sozialismus in Gaensefüsc hen. Die deutsche sozial-demokratische Partei traegt viel an Schuld, an dem Verlfall sozialistischer und humanistischer Gesinnung in Deutschland. Weite Arbeiter. und InfelVektuellen-Kreise bezeichnen den Ollenhauter-Kurs als Verrat gegen die Grundlagen sozialistischer Prinzipien. Die SPD halette die gewichtigte Aufgabe, kraftvolle Opposition gegen das sich neu entwickelnde Nazigift zu treiben; aber die kaempferische Kraft dieser Partei ist so minimal, dass die Faschisten von dieser Seite kaum etwas zu befürchten haben. In den Reihen der heutigen SPD MIT VERSPAETUNG zirkuliert diese Ausgabe; Grund: die Karneval-Feiertage Wir bitten unsere Leser den Lieferungsverzug zu entschuldigen. Verlag das Echo. herrscht ejn sattes und zuirtcderJes Bürgertum, welches politisch gleichgültig in den Tag lebt, und Augen und Ohren geschlossen haielt, um konmendem Unheil auszuweichen. Diese Vcgel-Strauss-Politik kann nicht gut ausgehen. V Das “deutsche Wirtschaftswunder” kann sehr leicht zum politischen Grabhügel für die Bundesrepublik Deutschland werden. Dieses Wohlleben bringt eine geistige und moralischt Verflachung, die das Verantwortungsbewusstsein des deutschen Bürgers abtoetet. Der Durchschnittsdeutsche kennt keine Rückschau, er haelt auch keine Ausschau; er lebt nur in der Gegenwart und ihm ist alles Riecht, was sein persoenliches Wohlbefinden naehrt. Die deutsche Kultur i bgleiten .immer mehr hochwertige Verlagsobjekte verschwinden (so hat jetzt auch die hervorragende demokratische, philosemitische frankfurter Zeitschrift “Die Gegenwart” ihr Erscheinen eingestellt), dafür entwickeln sich in Millionenauftegien amerikanisierte Sensationsblaetter. Die politische Wachsamkeit wird mehr und mehr entschaerft, man trollt hinter eirfem gleissenden Etwas her, einem Phantom, welches das deutsche, Volk an den Abgrund führen kann. VI Nach Meinungsforschungen ist der Grossteil des deutschen Volkes nicht mehr an der jüdischen Tragoedie in Deutschland interessiert, ein Drittel der Btevoelkerung neigt offen zum Antisemitismus. Der oeffentliche Antisemitismus waere in Germanien viel oeinlicher, wenn die antisemitischen Barbaren, nicht Angst vor einer Strafverfolgung haetten. Aber der Antisemitismus gedeiht deshalb nicht weniger üppig _ und diese schleichende Wirkung dürfte weit gefaehrlicher sein als wie es beim Feld-und Wald- Antisemitismus der Fall ist. Deutschland wird von einer Unmenge antisemitischer Schriften unterspült, in unzaehligen Kanaelen fliesst das volksverhetztetnde Gift, anonyme Autoren und Verleger sind unermüdlich taetig, immer weitere Volkskreise fuer den Antisemitismus zu gewinnen. So war es damals - so faengt es heute wieder an. VII Eine ernste anti-antisemitische Bewegung. °ibt es in Westdeutschland ni-ht. Die schoenen Leistungen emifire>- humanitaerer Organisationen, sind mehr eine aesthetische' Angelegenheit als eine wirksame politische Aktion: die Aktivitaeten der Vereine fuer “Chirstlt'ch - jüdische Zusammenarbeit” bleiben im intimen Kreis beschreenkt. Das I mus, an Umfang und Schlagkraft gewinnt. Es gibt noch allzuvtele Leute in Deutschland, die sich mit Wonne an di» Tagen ihrer braunen Herrlichkeit erinnern, und di: als ausgesprochene Feinde der Demokratie und der Toleranz, gern Vergangenes (?) wieder zum Leben erwe:ken rnc chten. Die Indolenz der Bürgermassen, die offiziellen Erklaerungen “es gibt heute keine Nazis in Deutschland mehr!”, macht es der politischen Unterwelt leicht, wichtiges Terrain zu gewinnen. Die deutsche Staatsleitung buhlt um jede Waehlerstfmme, sie hat Angst davor, durch ein wirklich hartes und rücksichtsloses Zugreifen in das Nazi-Nest an Popularitaet zu verlieren. Viele deutsche vterantwortEdhe Persoenüchkeiten tragen ein zwei-seitiges Gesicht: das eine weist die Nazis zurueck mit dem andern winckt man den Nazis freundlich zu. Diese wenig charaktervolle Politik muss in das Chaos führen. VIII Deutschland ist nicht irgend ein Land, dessen Innen- und Aussen-Poliitik nur am Rande interessiert In Deut hland ist heute das Zentrum der Dinge, die die politische Zukunft der Welt bestimmen. Deutschland ist heute der europaeische Vorposten der USA; was in Washington heute weltpolitisch bestimmt wird, kann morgen das europaeische Bild gravieren. Es dürfte daher sehr zweckmaessig sein, nicht nur dem demokratischen Deutschland zu applaudieren, sondern auch kritisch und mit Besorgnis die nationalistische Entwicklung in diesem Europa-Raum zu beobachten. Im Interesse einer gesunden demokratischen Entwicklung in Deutschland, haben sozialistische und demokratische deutsche Parlamentarier, und eine demokratische und sozialistische Presse die Pflicht, immer wieder hinzuweisen auf den nazistischen Unrat, der den Fortschritt demokratischer Entwicklung in W-Deutschland behindert. Die Welt kann nur ruhig bleiben, wenn Deutschland sich zur echten Demokratie entwickelt. Daher ist immer wieder Kritik an deutschen Verhaeltnissen zu üben, die freiheitlichen und liberalen Prinzipien widersprechen. LUDWIG K. STARGARDT Anwachsen der militaeri- I sehen Potenz und des damit verbundenen Nationalismus begründet die j Gefahr, dass der von vielen (oft juristisch nicht fassbaren) Gruppen in i Deutschland organisierte Antisemitis- :-Cj ÜlV l i’üTE YORK

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