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Das Echo · 1959-01-15 · 195 (15.1.1959) · p. [Seite 8]

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Journal
Das Echo
Volume
9 (1958-1959)
Issue
195 (15.1.1959)
Date
1959-01-15
Page
[Seite 8] (sequence 8)
Language
German
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8. ‘DAS ECHO 15. Januar 1953. FEUILLETON Goethe: “Juden, das beharrlichste Volk” von Dr. ARTHUR GALLINER ln seinem Alterswerk, den “Wanderjahren”, ist Goethe, der Dichter, zum Weisen geworden, zum belehrenden, erziehenden Weisen, zum praktischen Paedagogen, der weniger in poetischer Konzeption als in didaktischer Formulierung die Probleme zweier grosser Lebensprinzipien eroertert, die Probleme der Arbeit und der Entsagung, zugleich aber auch Mittel und Wege zu ihrer Verwirklichung im menschlichen Dasein aufzeigt. In die Welt praktischer Taetigkeit wird das Religioese organisch eingebaut, alles Tun und Treiben, alles Schaffen und Wirken, das ganze Dasein in diesem Erziehungswerk empfaengt seinen tieferen Sinn, seine Wertung und Weihe von Anbeginn bis zum Abschluss durch Beziehung zur Religion. Es ist jedoch keine einzelne der historischen Religionen, die als erziehende^ Macht eingesetzt wird, sondern ein System aller Menschheitsreligionen, überhaupt aller der Religionen, die sich auf “Ehrfurcht” gründen, denn sie erst, die Ehrfurcht, bewirkt, dass “der Mensch nach allen Setten zu ein Mensch sei”. Zu diesen Ehrfurchtsreligionen zaehlt auch die israelitische Religion und auf seltsam anschauliche Weise werden die Zoeglinge mit ihr bekannt gemacht: “Der Aelteste, der Wilhelm Meister in die Erziehungsformen, die von Geheimnissen umhüllt erscheinen, «inführt, oeffnet ihm eine weite achteckige Halle, geleitet ihn in eine Galerie, deren Wand mit Gemaelden bedeckt ist. Und bald erkennt der Schauende, dass der Stoff zu diesen Bildern den heiligen Büchern der Israeliten entnommen ist. Zum Hauptgegenstand dieser Darstellungen ward aber die israelitische Geschichte gewaehlt. Diese hohe Ehre ward dem Volke zuteil — so erklaert der “Aelteste” dem Fragenden — weil unter allen heidnischen Religionen, denn eine solche sei die israelitische gleichfalls, diese grosse Vorzüge habe. “Vor dem ethnischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhle des Gottes der Voelker werde nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur ob sie dauere, ob sie sich erhalten habe”. Das israelitische Volk habe ,so bemerkt der Aelteste weiter, niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben, es besitze wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Voelker, aber an Selbstaendigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zaehigkeit, sucht es seinesgleichen. “Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch .alle Zeiten zu verherrlichen”. Wilhelm Meister, der immer Lernende, nimmt ohne Widerrede diese Deutung hin, es zieme sich für ihn nicht, mit dem zu rechten, der ihn zu belehren imstande sei. Wir aber dürfen dazu die Anmerkung machen, dass schon die Auffassung der israelitischen Religion als einer ethnischen, einer heidnischen Volksreligion —selbst im hoeheren Sinne— nicht dem entspricht, was als religioese Schoepfung aus dem Volke Israel hervorgegangen, nicht dem, was die Propheten gefordert, was die Gesetzlehrer gelehrt, wass das Volk tiefstens empfunden, was jeder betende Jude im Innersten fühlt, was der Dichter der Psalmen und der Hymnen des Mittelalters gleicherweise verehrt, besungen und verherrlicht: “den Schoepfer des 1 Himmels und der Erden, den Welten- : gott, den Einen, den Einzigen!” I Der absolute Monotheismus musste konsequenterweise die Grenzen der Nation sprengen, musste die Volksreligion zur W'eltreligion werden lassen. Dafür haben die Propheten gekaempft und ihr Leben eingesetzt ,von Elia bis Jeremia, freilich oft im Gegensatz zu Fürsten und Volk, aber sie sind doch schliesslich selbst aus dem Volke hervorgegangen, sind seine hoechsten Repraesentanten, wie all “die Anführer, Richter, Vorsteher und Propheten”, die dem Volke seine Missetat kündeten. In ihnen gipfelt die Entwicklung des Volkskoerpers, nach ihnen, den Besten, muss letzten Endes Wesen und Wert des israelitischen Volkes beurteilt werden, wie immer und überall bei den Voe'lkern der Welt Kraft und Groesse einer Nation nach den Hoechstleistuni gen, Geist und Kultur nach den Vor- I trefflichsten, die Moral nach den Edel-! sten gemessen wird. Und es ist schliesslich auch nicht 1 so, dass “vor dem Richterstuhl des ■ Gottes der Voelker nicht gefragt wird, I ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur, ob sie “dauere’ : Dies ist keineswegs jüdische Vorste- ‘ älung. Die Frage liegt nahe — Wilhelm i Meister stellt sie nicht — die Frage, wodurch denn ein Volk dauere, wodurch denn dieses Volk sich! erhalten habe. Der “Aelteste” j erwaehnt w'ohl noch andere Vorteile; der israelitischen Religion: “dass sie : ihren Gott in keine Gestalt verkoerpert : und uns also die Freiheit lasst, ihm eine Würdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die schlechte Halbgoetterei durch Tier und Untiergestalten zu bezeichnen”. Nein, es ist doch nicht so! Die Freiheit, Gott eine würdige Menschgestalt zu geben, ist hier nicht gelassen; nach biblischem Gebot ist jegliche, auch menschliche , Verkoerperung des reingeistigen Gottes strengstens untersagt. Nicht an eine; sichtbar geforme Gottesgestalt war die Dauer dieser Religion geknüpft, eben- ] sowenig wie an den Bestand eines Tem- | pelbaues. Auch als die durch die Bil- | dergalerie Wandelnden auf ihrem; Weg zu den Darstellungen “der traurij gen, verworrenen Zeiten und endlich | zu dem Untergang der Stadt uncLdes I Tempels, zum Morde, zur Verbannung, | zur Sklaverei ganzer Massen dieser be- | harrlichen Nation gelangten, ja selbst nachdem sie ihre nachherigen Schiksale — auf eine kluge Weise allegorisch vorgestellt— gesehen”, erhebt sich nicht die Frage: woher diese Beharrl-! ichkeit, diese ewige Dauer? Und doch haette der “Aelteste” wohl eine, Antwort geben koennen, da er als einen “Hauptvorteil” des israelitischen Volkes "die treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher” rühmt. Doch was rühmt er an ihnen? “Sie stehen so glücklich beisammen, dass aus den fremdesten Elementen ein taeuschendes Ganzes entgegentritt. Sie sind vollstaendig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch genug, um anzureizen, hinlaenglich barbarisch, um aufzufordern, hinlaenglich zart, um zu besaenftigen, und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an die- I sen Büchern, an diesem Buche zu | rühmen”. Von diesen anderen Eigenschaften ist keine Rede. Nur von der Seltsamkeit der Komposition, von der mannigfaltigen Faerbung, dem bunten Reichtum des Inhalts, von der künstlerischen Form — aber nichts von dem sittlichen Gehalt dieses Buches. Und doch ist dies das Entschei-! Í dtnde. Gute und boese Handlungen werden berichtet, boese und gute Menschen werden geschildert, aber immer unter dem Blickpunkt einer absoluten Sittlichkeit, einer goettlichen Gerechtigkeit! Sie waltet immer und überall, nicht wie ein sinnloses Schicksal, sondern wie eine allem menschlichen Dasein Sinn und Wert gebende Macht; sie waltet über Tun und Treiben der ersten Menschen im paradiesischen Urzustand ebenso, wie über Leben und Taten des Volkes im ganzen w'echselvollen Verlauf seiner Geschiccte bis zum Zusammenbruch des Staates und zur Zerstoerung des Tempels. Und dennoch blieb dies Volk, blieb diese Religion! Dadurch, dass es dieses fordernde Buch, dies Buch mit dem ewigen “Du sollst” sich zu eigen machte, dadurch, dass es dessen ewig gültige Sittlichkeit und damit die Gottheit selbst aufnahm in seinen Willen, verschmolz seine Existenz mit ihm in alle Ewigkeit. Hier enthüllt sich das tiefe Geheimnis des Wunders! Niemals hat ein Volk in Unmoral und Ungerechtigkeit sich auf die Dauer zu erhalten vermocht. Israel aber ist auch ohne staatliche Form und ohne aeussere Machtmittel geblieben seit Jahrtausenden! Es müssen also wohl die sittlichen Kraefte von ungeheurem Ausmass in ihm lebendig sein und dies Wund eitder ewigen Dauer bewirken die Kraefte, die es aus seiner Bibel, aus seiner Religion, aus seinem unerschütterlichen Glauben an die goettliche Gerechtigkeit schoepft, die Kraefte ferner, die ihm aus seiner Aufgabe stroemen, an sich selber zunaechst das grosse Erziehungswerk zu vollbringen, das in jenem erhabenen Bibelwort vom Sinai her von ihm gefordert ward: “Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich, derEwige, euer Gott”! — Eine Aufgabe, aus der die zweite sich ergibt:. Prophet der Voelker zu sein, Für den Sieg des Guten auf Erden zu wirken, zu leben und — zu leiden! Eine ewige Aufgabe, die auch ihrem Traeger ewige Dauer verleiht! Das ist der Sinn unserer Existenz! Goethe mag diesen Zusammenhang iyon dem Traeger und seiner Aufgabe in der ganzen Tiefe doch empfunden haben, da er den “Aeltesten” in geradezu prophetischer Gewissheit es aussprechen laesst: “Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen”. Jehova aber ist für Israel der Namenlose, der ewig “Seiende, der Eine Gott der Welt, der Gott aller Menschenkinder, der Gott der Gerechtigkeit ,des Erbarmens und der Gnade”. Leistungsfähigkeitunbegrenzt Unter den Grossen der Geschichte sind Wunderkinder selten, wenn auch Mozart mit fünf Jahren nicht nur ein gefeierter Pianist war, sondern auch senie ersten Klavierstücke komponierte und mit zehn Jahren schon Symphonien schrieb, gleich ein Dutzend dai von. Anderseits wird nicht jedes Wunj derkind spaeter ein berühmter Mann;! niemand weiss etw'as von den spaetei ren Leistungen des Johann Baidung, i des seinerzeit den Jugendrekord der! deutschen Studenten aufstellte und wohl auch bis heute haelt: Am 6. : Maerz 1872 wurde dieser gelehrte Knabe — gerade sieben Jahre alt — an der Universitaet Freiburg immatrikuliert. 17 ist zum Beispiel ein besonders gutes Alter für Feldherren: So alt war die Jungfrau von Orleans, als sie Reims befreite, und im gleichen blühenden | Alter gew'ann Alexander der Grosse i für seinen Vater die Reiterschlacht von Chaeronea. Etwas aeltere Leute wandten sich mit Erfolg gesetzteren Dingen zu: Mit 23 entdeckte Isaak Newton den binomischen Lehrsatz, und ebenso alt war Guglielmo Marconi, als er die von ihm erfundene drahtlose Telegraphie voirführte. Auch 25 Lenze sind kein schlechtes Omen: Lindbergh flog über den Atlantik, Dickens schrieb die “Pickwickier” Beethoven eroberte Wien mit seinem Klavierkonzert in C-dur, Goethe wurde weltberühmt mit den “Leiden j des jungen Werthers”. Ist man rund! ein Dutzend Jahre aelter, dann hat man vielleicht Erfolg mit manchem Abenteuer: 39 war Ämundsen, als er den Südpol erreichte, 39 Mussolini, als er das Steuer Italiens ergriff, und 39 Lenze lang waren die Reize der Klleopatra herangereift, ehe Marcus Antonius ihretwegen den Kopf verlor j und damit einen unsterblichen Biihnenstoff lieferte Mit 41 entdeckte Kolumbus Amerika, hatte Mohammed die. Vision, die ihn zum Propheten macht und siegte Napoleon bei Wagram und zog als Herr Europas in Wien ein. Weniger .dominierende Charaktere konzentrierten sich auf stillere Unternehmungen: Dante begann mit 41 die Niederschrift der “Goettlichen Komoedie”, und Grimmelshausen die des “Simplizissimus”. Mit 46 malte Leonardo da Vinci das “Abendmahl”, ebenso alt war Benjamin Franklin als er den Blitzableiter erfand, und auch die schoene Helena war 46, als ihr Seitensprung mit Paris den Trojanischen Krieg ausloeste. Die Fünfziger sind Jahre reifster Leistungen: Darwin schrieb den “Ursprung der Arten”, Cervantes dichtete “Don Quijote”! Defoe die “Erlebnisse Robinson Crusoes” Jonathan Swift beschrieb “Gullivers Reisen” ins Land der Riesen und der Zwerge, Graf Zeppelin nahm mit 52 seinen Abschied und beschloss, den Rest seines "Lebens dem Luftschiff zu widmen, und mit 59 erst veroeffentlichte Theodor Fontane den ersten seiner vielen grossen Romane. Und die Grossvaeter-Jahrgaenge? Mit 69 vollendete Richard Wagner den “Parsifal” mit 71 komponierte Verdi den “Othello” mit 72 schrieb Tolstoi seinen Roman “Auferstehung” mit 73 siegte Blücher bei Waterloo, mit 78 schrieb Richard Strauss die Oper “Capriccio”. Der Japaner Hokusai schuf seine berühmtesten Werke zwischen 85 und 90, mit 96 führte der Doge Enrico Dandolo die venezianische Flotte gegen Konstantinopel, 98 Jahre alt war Tizian, als er die “Seeschlacht vor Lepanto” malte. In weichem Lebensjahr man also auch steht, — gerade mit diesem Jahr kann das beste Alter beginnen! FLUGKARTEN nur durch die Agencia COPACABANA!

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