Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 184 (15.7.1958)
- Date
- 1958-07-15
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8,- 'DAS ECHO" 15. Juli 1958 FEUILLETON ÜJUMii fllMMii fiil£Ji)i£ Wenn man den der American Chemical Society zeller entstanden? Wie hat der Glauben schenken darf, die sich1 ungeheure Sprung von leblosen in San Francisco auf ihrer dies-' “Dingen” zu lebendigen “Wesen“ jaehrigen Tagung getroffen haben,! stattgefunden, zu Zellen, die wakoennen die Chemiker alle Pro-] chsen, sich vermehren und aenbleme der Menschheit loesen, Gebt! dern? Zwei Gruppen von Wissens ihnen nur ein bisschen Zeit —und! chaftlern in ihren Laboratorien wir altern nicht mehr, Krankhei-i haben diesen Sprung nachgemacht, ten verschwinden, Nahrungsmittel! Die eine, an der Florida State Uniwird es in Huelle und Fuelle ge-1 versity, hat leblose Elemente, wie ben. Gebt ihnen noch ein bisschen j sie in der Ur-Erde enthalten wamehr Zeit— und wir werden unsj ren, in verschiedene Formen von sogar vernuenftig benehmen und1 Aminund Fettsaeuren verwandelt, einander weder vergiften noch in! indem sie elektrische Blitze hinedie Luft sprengen. Wenn man den Rednern aus aller Herren Laender zuhoerte, infeuerte. Diese Aminsaeuren nun sind die Bausteine, aus denen alles Leben aufgebaut ist. Die zweider in der Retorte zusammengebraute Homunkulus ist in den Bereich wissenschaftlich begründeter Moeglichkeit gerueckt. Die Schoepfungsgeschichte wird nun nicht nur chemisch erklaert, sondern sogar nachgemacht. Wir wissen, dass wir vom Affen abstammen und der wiederum von Reptilien; die aber von Fischen, und so weiter, bis zum primitiven Teilnehmern ^Einzeller. Aber wie ist dieser Ein-^sich primitives Leben entwickelt.- Das wissenschaftliche Verstaendnis primitiven Lebens ist von unschaetzbarer Wichtigkeit. Man be kommt eine Ahnung davon, wenn man den Bericht der Chemiker, vom Washington State College' hoert, die dank dieser Ursubstan-; zen primitives Leben in ihren La-j boratorien regulieren koennen. Sie j haben es zustandegebracht, Zellen wachsen zu lassen, ihr Wachstum zu hindern oder zu dirigieren. Das hat drei Moeglichkeiten zur Folge: Erstens die Aussicht, Krankheiten zu heilen, die, wie Krebs, auf dem anormalen Wachstum von Zellen beruhen. Man koennte gewisse Zellen im Wachstum stoppen, ohne benachbarte Zellen zu schaedigen. Es koennte sogar einmal die Zeit kommen, wo man amputierte Zehen, Finger oder gezogene Zaehne nachwachsen lassen kann. , Zweitens ist hier ein Weg angedeutet, Alterserscheinungen zu beseitigen, indem man alte, abgebrauchte Zellengruppen durch fris che ersetzt. Der Chemiker verglich den Menschen mit einem Automobil: man wirft einen Wagen nicht einfach weg, wenn etwa die Kuppelung versagt, sondern installiert einfach eine neue Kuppelung. Millionen Menschen sterben, weil bloss eines ihrer Organe oder, besser gesagt: einige Zellen dieser kam einem so richtig zum Bewuss-! te Gruppe gehoert zur Carnegie tsein, wie rasch die Welt in den’ Institution. Statt Elektrizitaet ver letzten 20 Jahren dahingesaust ist. ' wendeten sie ultraviolettes Lichf, Was wir in der Schule in Chemie j wie es von der Sonne kommt. Der gelernt haben, ist so veraltet wie| erste Schritt zum Leben kann also die Alchemie des Mittelalters; an-i durch Blitze oder Sonnenstrahlen dererseits wird der Unsinn, den! hervorgerufen worden sein, die Alchemisten erforschen woll-i Die Chemiker haben aber beten, nun zur Wahrheit: wir koe-j reits den naechsten, nicht minder nnen Gold aus Blei machen und: wichtigen Schritt nachgemacht; nachdem sie alle 18 Formen der Aminsaeure, die zum Leben notwendig sind, aus leblosen Elementen erzeugt hatten, mischten sie diese in einem “Lebensbraeu”. Unter Verhaeltnissen, wie sie vor Jahrmillionen auf der Erde herrschten — Hitze und eine Schicht von Kohlendioxyd — verwandelte sich der Braeu von 18 Aminsaeuren zu Proteinverbindungen, aus denen Organe, verbraucht sind. Der Greis der Zukunft wird chemische Ersatzteile bekommen, die in ihm selbst gewachsen sind. Die dritte Moeglichkeit, die diese Forschuangen erschliessen, betreffen die Herstellung von Nahrungsmitteln direkt aus den Urelementen, ohne Umweg ueber Pflanzen und Tiere. Was immer der menschliche Koerper zum Wachstum und Leben braucht, kann direkt chemisch erzeugt werden, ohne Essen und vielleicht sogar einmal auch ohne Schlaf. Das alles sind Zukunftstraeume, aber sie beruhen auf wissenschaftlichen Entdeckungen, die heute bereits vorliegen. In dieses Gebiet gehoeren auch die Superkraftewerke im Himmel — 100 Kilometer hoch. Sie wuerden alle Elektrizitaetswerke, Kohlengruben und Petroleumquellen ueberfuessig machen und genuegend Energie liefern, um den Anforderungen des Atomzeitalters nachzukommen. Verschiedene Gruppen von Wissenschftlern sind bereits dabei, einj solches Kraftwerk zu konstruieren, j das wie ein Satellit um die Erde kreisen wuerde. Zwei dieser Gruppen berichteten ueber ihre Versuche in San Francisco — die Aerojet General Corporation und Hughes Aircrait. Ein solches Kraftwerk wuerde doppelt so rasch 1 fliegen wie der Schall und wahrscheinlich 25.000 Kilometer hoch. Den Brennstoff wuerde es sich J selbst machen — aus Luft. Dieser i Brennstoff wuerde auch benuetzt! werden, um bemannte Weltraums-! chiffe hinaufzusenden und den , Brennstoff zurueck zur Erde zu! bringen. Das fliegende Kraftwerk wuerde auch als “Tankstelle” fuer Schiffe dienen, die weiter hinaus in den Raum fliegen wollen. “Die Schwierigkeiten sind betraechtlich”, gab der bedeutende Wissenschftler zu, “aber nicht unuebervvindlich”. Und was werden wir mit all der Energie, mit unserem langen Leben und mit der Freizeit, die wir durch Nichtessen und Nichtschlafen gewinnen, anfangen? Die Chemiker haben auch hier die Antwort. Chemikalien werden erzeugt, die unser Gehirn in jeder gewuenschten Weise modifizieren koennen. Manche machen uns frie dlich und zufrieden, andere ratlos und neugierig (zwei Eigenschaften, die angeblich fuer den Fortschritt noetig sind). Die Chemiker glauben sogar, dass auch Weisheit einer chemischen Reaktion zu verdanken ist und dass es eines Tages Pillen geben wird, die uns verfcuenftig machen! Peter Fabrizius (im “Aufbau”) Eine historisch beglaubigte Ane-® ekdote erzaehlt, der Gruender und erste Buergermeister von Tel Aviv Meir Dizengoff, sei hoechst befriedigt gewesen, als man seinerzeit den ersten Einbrecher in seiner Stadt zu fassen bekam. “Endlich werden wir wie alle Voelker”, soll er ausgerufen haben. In den seither verflossenen fast 50 Jahren haben war auch “unterweltlich" einen langen Weg zurueckgelegt. Heute gibt es in der ersten hebraeischen Stadt nicht nur einige 100 Prostituierte, vier bis fuenf Dutzend Zuhaelter, ein Dutzend Bordelle, die die Polizei stills chweigend duldet, etwa an 20 “Ho tels”, die Zimmer stundenweise vermieten, sondern wir haben sogar auch maennliche Prostituierte ... “MISUG GALUJOTH” Die Gesellschaft steht dem Problem passiv gegenueber. Wer nicht in einem Hause wohnt, vor dem der "Strich” vorbeifuehrt und wer nicht direkt durch diesen “Betrieb” in seiner Ruhe aufgescheucht wird, bleibt gleichgueltg. Fast taeglich kann man in der Zeitung Nachrichten lesen, wie: “Sechsz-j ehnjaehriges Maedchen aus Tel Aviv durch Polizisten arrestiert, als sie ihm in der Trumpeldorstrasse unsittliche Angebote machte”; oder: “Elf junge Maedchen, der Prostitution verdaechtig, von der Polizei bei der Durchkaemmung der dunklen Seitenstrassen rings um den Mograbi-Platz verhaftet”. Auch das ist Israel: . STRASSENMAEDCHEN IN TEL AVIV Es gibt auf dem Gebiet der Pros,, titution nicht nur einen Kibbuz: Galujoth, sondern einen vollstaen-; digen “Misug Galujoth”. Die Maed chen und ihre Zuhaelter, — denn jede von ihnen hat einen ‘Freund’, der sie beschuetzt und dem sie ihr Geld abliefert —, kommen aus allen Kreisen, aus allen Schichten, aus aller Her ren Laender. Man kann weder den frueheren Einwan derungswellen noch der neuen Alijah den Vorwurf machen, den “Aeltesten Beruf” der Welt“ bei uns eingefuehrt zu haben. Es gibt aschkenasische Dirnen mit sephar dischen Zuhaeltern und umgekehrt. Es gibt Neueinwanderinnen, die offen zugeben, sie haetten ihren “Beruf” aus dem Ausland hierher verlegt und es gibt auch Maedchen aus guten Familien, “bnot towim”, die aus Neugier oder Abenteuerlust auf die schiefe Bahn geraten sind. Was ferner aufaellt, ist die ausserordentlich geringe Zahl von Geschlechtskranken. Genau so wie “Juedische Ganowen” etwas beson deres sind, unterscheiden sich auch juedische Prostituierte von ihren Kolleginnen im Ausland. Wieaus Kreisen der Polizei versichert wird, wissen die Maedchen sich selbst und ihre Klienten gut zu schuetzen. Dagegen haben die Gof norrhoe Faelle unter den verheirateten Frauen zugenommen (203! im Jahre 1957 segenueber 166 im i Jahre 1956), waehrend es kaum Syphilis bei uns gibt. Obwohl die Prostitution in Israel in staendigem Steigen ist, wurden 1957 nur neun neue Syphilis - Faelle registriert genenueber 7 im Jahre 1956, und nur zwei von den neun neuen Faellen hatten sich in Israel angesteckt. NACH INDISCHEM GESETZ... Unsere veralteten Gesetze machen eine zweckmassige u. erfolgreiche Bekaempfung der Prostitution unmoeglich. Sie basieren auf den Bestimmungen aus der Mandatszeit, und diese wiederum wurden von Indien uebernommen! Es ist kaum zu glauben, aber Tatsache, dass das israelische Gesetz den Begriff der Prostitution als solchen gar nicht kennt. Prostitution kann nur als “chidul ledvar awera”, d. h. Verfuehrung zu einer Straftat, belangt, werden. Praktisch heisst das, dass einzig und allein der auf der Strasse von einem Maedchen angesprochene Mann als Zeuge in Betracht kommt. In 99 von 100 Faellen wird er j sich darum herumdruecken, vor J Gericht zu erscheinen, denn wie oft kommt es vor, dass ein solcher Mann verhei ratet und Vater von Kindern ist und Gefahr laeuft, nach einer Zeugenaussage in die Muehle der Sensationspresse zu geraten! Sein kleiner Seitensprung kann unter Umstaenden das Leben einer ganzen Familie zerstoeren. Ohne diesen Zeugen aber ist die Polizei machtlos. Die Polizei klagt ausserdem darueber, dass die Richter bei Sittlichkeitsvergehen viel zu geringe Strafen verhaengen. Oft kommen nicht nur die Dirnen selbst, son-j dern auch die sogenannten “Muminkes”, d. h. die Madames, die ein oeffentliches Haus fuehren, mit kleinen Gefaengnisstrafen davon. Die schwerste bisher gegen eine “Muminke” verhaeng te Stra fe betrug sechs Monate Gefaengnis und Geldbusse von IL 2000.—; sie hatte ein grosses Haus im Norden Tel Avivs unterhalten und be kannte Persoenlichkeiten des oeffentlichen Lebens zu ihren Kunden. Es gelang ihr schliess lieh, sich mit einer Persoenlichkeit des oeffentlichen Lebens zu verheiraten. Der Mann hatte aber keine Ahnung von den Geschaeften seiner Frau, und die Ehe wurde nach ganz kurzer Dauer geschieden. Wie lukrativ diese “Geschaefte“ heute in Tel Aviv sind, erhellt da- Nach Redaktionsschluss Nach Abschluss dieser Ausgabe (am 14.7.) erfahren wir von den sensationellen Ereignissen im Irak. Die revolutionaere Bewegung von Nasser darf einen neuen und starkem Erfolg verzeichnen. Es ist zu befuerchten, dass nun auch der Libanon neben dem Irak unter dem Einfluss von Kairo gesetzt wird. Die Waffen die die Getreuen von Nasser in Bagdad erbeuteten, bedeuten eine weitere Bedrohung fuer den Staat Israel, der sich heute einer kompakten Einheit fanatischer Israelfeinde gegenueber sieht.— In unserer naechsten Ausgabe werden wir versuchen diese Situation zu beleuchten, doch schon heute moechten wir an Washington die Frage richten: WIE LANGE NOCH DULLES? raus, dass ein einziges Zimmer, in einem kleinen “passend” gelegenen Hotel seinem Besitzer die run de Summe von IL 1.200.— monatlich einbringt... Unter diesen Umstaenden ist das Gewerbe der Prostitution und Kuppelei wesentlich lukrativer als viele andere Berufszweige... * Dr. E. FEUERSTEIN.