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Der israelitische Bote · 1879-12-04 · 49 (4.12.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
49 (4.12.1879)
Date
1879-12-04
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark. Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. v. Zaßrgang. Leitender Artikel. Unsere Optimisten oder Die Sorglosen in Israel. von G. R. rhv'cb 1-IW DK '1 7DK HD DKDK V)K DJ ntOD^ }>7K HD1D 11PW1 :'“i dk: w bs bv nt 722. (Jeremias XXXI. 37.) ^,So wenig Jemand den Himmel messen und die Stützen der Erde ergründen wird, eben so wenig werde ich je alle Nachkommen Israels verwerfen, ob dessen, Was sie gethan, spricht der Herr." U. nach Andern: (S. §aks, Paris.) „Wenn wanken würden (nDv oder Vm\,! die Himmel von oben und sich senken feie Pfeiler der Erde nach unten rc. ac." Der Forlwstand Israels für alle Zeiten ist ihm Von seinem Gone garantirt. Vergebens würden sich alle Mächte der Erde anstrengen, um die Urkunde zu vernichten, in der I raels ewige Existenz mit dem Namen Gottes unterfertigt verbürgt steht. Das Buch der Bücher hal's gelehrt, das der Weltgeschichte hal's bis auf den heutigen Tag bewiesen. Der Name Israels wird aus dem großen Völkerregister nie verschwinden, und das Geheimniß des auserwählten Volkes wird es auch dann bleiben „wenn der Himmel gemessen und der Erde Stützen ergründet sein würden," selbst dann, wenn Himmel und Erde aus den Fugen gerieth-m, so neue Naturgesetze einträten, würde noch lange der jüdische Stamm zu existiren nicht aufgehört haben. Israel bleibt ein historisches Gesetz im Lebender Völker. Alle die sich bemühen, es zu umst-Pen, vergeuden ihre Kraft, verlieren ihre Zeit. — Ob wir versammelt, zerstreut, in diesem oder jenem Klima, mit Andern oder separirt unser Dasein fristen, sind Rebeuumstände, bte die Sache selbst nicht alleriren. So unerschütterlich aber auch in diesem Punkte unsre Glaubenstreue aufrecht sich hält, so sehr wir andererseits auf den Geist des Jahrhunderts rechnen, den Geist der Aufklärung und des Menschenrechtes, der es vielleicht nimmermehr zulassen wird, in die alte Reaktion zu verfallen: so giebt es, was die Lage Israels inmitten der zahlreichen in Gesetzgebung und Sitten verschiededenen Völkerschaften bemfft, Bedenken genug, um uns nicht so ganz und gar in die Arme des Optimismus zu Wersen. — Die in jüngster Zeit gemachten Ausfälle auf Juden und Judenthum und das passive Verhalten der Ängegnff neu veranlaßte uns, in unserm jüngsten Leitartikel vorübergehend hiuzuweisen: auf die Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. Ganz in ihre Erinnerung versenkt, hatte sie nicht bemerkt, daß Borchardt mit immer gespannterer Aufmerksamkeit lauschte und ähnlich einem Nachtwandelnden, der plötzlich angerufen wird, fuhr sie auf, als er mit vor Erregung h-iserer Stimme fragte: „Wissen Sie, wie der Knabe hieß?" .,Löv," antwortete sie, „aber das hilft nichts, Sie finden ihn doch nicht," sagte sie traurig. »Hören Sie weiter." „Ja, erzählen Sie weiter," versetzte er, sich zur Ruhe zwingend, „ich will die Geschichte zu Ende hören." „Auch wir fuhren bald fort und während meine Schwester und ich ermüdet von den wechselnden Erregungen des Tages eingeschlafen waren, erzählte mein Bruder den Eltern von der schönen Trauung, die wir gespielt hatten, und wiederholte den Spruch, den er dem Bräutigam vorgesagt und den dieser wörtlich nachgesprochen. Tödtlich erschrocken fuhr mein Vater auf. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bon«, Expedition: Petersstratze Nr. 8. A onn, 4. Aezemöer 1879 (5649). Opportunisten, die Muthlosen. und auch aus eine dritte Klasse, zwar beredter unv für den innern Streit im Hause Israels ziemlich brauchbarer Kämpfer, die sich jedoch für die Verthe-digung ihres Volkes gegen feindliche Augrisse von Außen wenig bewährt befunden haben. Diesen Dreien schließt sich nun, an Ruhmlosigkeit würdia, jene Categorie von Männern an, die wir „unsere Optimisten" nennen. Und an Letztere erlauben wir uns das Wort zu richten. Der Fortbestand Israels ist ihm von seinem Gotte garantirt. Das haben wir aus dem Munde des Propheten gehört. Auch hat die Geschichte die Prophetie, der Vorsehung sei Dank, nicht Lügen gestraft. Das wissen nnsece Optimisten nur allzugut. Mit diesem verbrieften Rechre in der Hand und mit einem Sicherheitsgefühle indem sie, Dank dem humanen Geiste der Zeit, nur selten erschüttert werden, gelingt es ihnen, sich durch nichts beunruhigen zu lassen, um so als müßige Zuschauer der Dinge Ende adzuwarten. Doch fragen wir, wäre es vernünftig, mehr zu glauben, als wie man uns versichert? Wäre es vernünftig, in dem Wahne eines blinden Glaubens sich der Erfahrung zu verschließen, die uns mahnr, stets auf unserer Hut zu sein? — Der Fortbestand der Gattung ist wohl garantirt, verhält es sich auch dermaßen mit dem Bestände des Jndividiums, der Generation? Konnten etwa all' die Männer, Weiber und Kinder Israels, die zu verschiedenen Zeiten des Alterthums, des Mittelalters eines unnatürlichen Todes gestorben, qualvolle Leiden erduldet, Hab und Gut eingebüßt und zu den elendsten Geschöpfen der Welt erniedrigt worden sind, konnte diesen Unglücklichen, fragen wir. das Bewußtsein von dem Fortbestände ihrer Gattung Trost gewähren? Kann sich etwa eine Mutter den Schmerz des Verlustes ihres einzigen Kindes damit stillen, daß andere Mütter sich freuen? Oder derjenige, der Hab und Gut verloren, sich damit trösten, daß seinem Nachbar der Erde Freuden lächeln? — Kann sich etwa das heutige Israel, da wo es leidet, seine Existenz bedroht sieht, mit einer spätem iüdischen Geschlechtern verheißenen Zukunft trösten? rprp HDt dvd in mm rnßna wt rnn wm.n dk (na) ImiDa n:nn 18271. »Kann es mir nicht gleichgültig sein, ob die, welche nach mir kommen, eine geringe Anzahl Schasvieh in einer Wüste, oder lausend Rinderheerden auf üppigen Fluren weiden?" Kann die Zukunft unsre Gegenwart retten? — „Ich werde nie verwerfen alle Nachkommen Israels" lautet Gotteswort. Die Erhaltung des Stammes bleibt Sache der Vorsehung, bieder einzelnen Generationen bleibt ihrer eigenen Sorge überlassen. Merket doch dies, Sorglose in Israel! — „Haben nur keine göttliche Garantie, so bürgt uns ja der Geist der Zeit, der Schutz der Gesetze für unsre Existenz." So saget Ihr. Doch lasset Euch warnen vor diesem gefährlichen „War der Knabe confirmirt?" fragt? er. Mein Bruder bejahte dies, nach Kinderart hatten Beide natürlich nichts Eiligeres zu thun gehabt, als sich darüber zu belehren, daß sie confirmirt wären und also zu den Erwachsenen gehörten. „Und der Rüben und der Selig, die den Cantor und den Gemeindediener gemacht haben, sind auch confirmirt, jammerte mein Vater, „die Esther ist richtig vor Zeugen getraut!" „Ich mar von dem lebhaften Sprechen aufgewacht und wurde von meinem Vater nochmals förmlich in's Verhör genommen. Ich konnte nur die Mitheilungen meines Bruders bestätigen. Meine Mutter schalt mich, aber der Varer, so aufgeregt und unglücklich er auch über die Entdeckung war, verwies es ihr und sagte: „Was kann das Kind dafür, Friedchen, es hat gethan, wie es klug ist. Gott hat uns ein Unglück geschickt, wir wüsten es tragen." „Auf der Stelle ließ er umkehren, um womöglich den Vater des Löb noch in L. anzutreffen und ihn zu vermögen, daß sein Sohn gegen eine Abfindungssumme den Scheidebrief für mich schrieb. Eine schüchterne Frage der Mutter, ob es nicht gerathener sei, über die ganze Sache zu schweigen und sie für das zu nehmen, was sie doch im Grunde sei, ein kindisches Spiel, wies er mit Entrüstung zurück; nach dem Gesetze war ich Inserate: Die Petltzeile oder'deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. 49 Jrrthum: D rß Aufklärung vor Judenhaß nicht schützt, das habt Ihr leider erst erfahren; wollet Ihr nun auch die traurige Erfahrung machen, daß auch „der Schutz der Gesetze", auf den Ihr bauet und trauet, sich als trügerische Hoffnung erweise? Sind politische Gesetze etwas mehr denn menschliche Convention? Kann nicht das, was h?ute Gesetzeskraft besitzt, morgen außer Geltung erklärt werden? — Hat doch erst vor Kurzem ein politisches Organ (die in Bonn erscheinende Deutsche Reichs-Zeitung) darauf hingewiesen, daß „statt der heutigen neuen Gesetze die Einführung neuester Gesetze zur Beseitigung der Gleichberechtigung der semitischen Nation" verlangt werden müsse. — Von den neuesten Gesetzen der Beseitigung der Gleichberechtigung aber bis zu den allerneuesten der feindseligen Verstoßung ist nur ein Schritt. Doch wie? erwidert Ihr ferner: Sollten je wieder die Errungenschaften der Eivilisation aufgegeben werden müssen? Werden da nicht alle Anstrengungen der so gefürchteten Reaktion scheitern müssen an der Macht des von Licht und Wahrheit durchdrungenen öffentlichen Gewissens? Wäre es möglich, daß die Söhne des neunzehnten Jahrrunderls je wieder in die alten Sünden und Vorurtheile der Väter verfielen? doch o, Ihr Chachamim der Neuzeit! Wisset Ihr denn nicht, daß auch die neue Wissenschaft von einer neuesten entthront werden könne? von einer alt-neuen Wissenschaft, die anstatt zu untersuchen unv zu beweisen, zu verheimlichen und zu b.h upien sucht, die nur solche Wahrheiten für wahr gelten läßt, die ihr angenehm und nützlich sind?—Aber selbst zugegeben, daß die Wissenschaft nie und nimmer mehrumkehren werde, und wenn auch ~ was wir gerne zug den — der Einfluß der beiden Factoren der Eivilisation: Licht und Wahrheit, auf Israels Geschick nicht weggeleugnet werden kann, müßten wir, Juden, angesichts der Ausbrüche in der neuesten Zeit politischer Leidenschaften gemeinster Art gerade gegen Juden uns Judenthum nicht an den Fortschritt — nicht etwa den iutellectuellen, sondern den moralischen — der Menschheit zu zweifeln anfangen? — Freilich sind wir dabei mit dem Schrecken davongekommen und keinem von uns ist auch nur ein Haar gekrümmt worden. Aber sind die Angriffe aus unsere Ehre, auf unser Menschenrecht nicht noch gefährlicher, unausstehlicher gewesen, wie Ausschreitungen handgreiflicher Natur, die die vollziehende Gewalt des Strafgesetzes alsbald unterdrückt und nach Gebühr geahndet haben würde? —Daher Brüder, auf der Hut! Fahren wir zu reden und zu schreiben fort, bis einmal der Ausdruck Judenfrage aus der Sprache gänzlich geschwunden sein wird. Reden wir aber so, daß es vernommen werde, schreiben wir so, daß es verbreitet und gelesen werde. Und letztere Sätze sind es, die wir hier besonders das rechtmäßige Weib jenes Knaben, denn er war c on firmirt, ich über elf Jahre alt und cr hatte mir vor Zeugen den Ring aufgesteckt und mich nach dem Gesetz? Mose zum Weibe genommen. Rur der in aller Form von ihm selbst ausgestellte Scheidebrief konnte mich von ihm befreien. — „In L. bestätigte man dem Vater, was wir bereits wußten. Der alte Pole mit seinem Sohne waren schon lange fort; außerdem konnte man ihm weiter keine Auskunft geben, als daß der Alte Baruch heiße und sein nächstes Ziel Breslau gewesen sei. Er hatte m L. nur einen Tag rasten wollen und war, da er gehört hatte, daß eine Hochzeit dort gefeiert würde, noch einen Tag länger geblieben, um die dabei üblichen Spenven mit in Empfang zu nehmen. „Man rieth meinem Vater, er möge sich nur an die Breslauer Gemeinde wenden, die werde den Polen bald ausfindig machen und dieser gewiß sehr froh sein, aus so gute Manier zu einem Stück Gelbe zu kommen, also ohne Weigerung seinen Sohn den Sclnidebries geben lassen. Mein Vater reiste selbst nach Breslau — Baruch war nicht dort gewesen. „Er schrieb, forschte ließ einen Ausruf in die Zeitungen setzen — es war und blieb alles vergeblich.

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