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Der israelitische Bote · 1879-11-06 · 45 (6.11.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
45 (6.11.1879)
Date
1879-11-06
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausländ vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. t vv. Jahrgang. Leitender Artikel. Der sechste Tag der Woche gehört nunmehr den Christlich-Sozialen, sie haben das Wort. Dagegen hätte auch Niemand das Geringste einzuwenden: zeichnet sich ja der Mensch einzig und allein durch die Gabe der Sprache von der übrigen Thierwelt aus. Redefreiheit ist Menschenfreiheit, welche Freiheit selbst dann nicht eingeschränkt werden darf, wenn sie sich auch direkt gegen die Freiheit (einer bedeutenden Bürgerclasfe) auflehnt. Was uns bei den Freitag-Versammlungen der sich christlich-social Nennenden unerklärlich — um nicht zu sagen widersinnig — vorkömmt, das ist die bedauerliche Thatsache, daß sich Juden an ihnen betheiligen, daß sie aus purer Neugierde in Kreisen erscheinen, wo sie gewiß nicht nur ungern gesehen, sondern regelmäßig beschimpft werden. Wissen denn unsere Glaubensgenossen in Berlin ihre Zeit wirklich nicht angenehmer zu verbringen als gerade unter den Christlich-Sozialen? Jst's denn wirklich ein Bedürfniß für unsere Mitbrüder in der Hauptstadt, sich allwöchentlich ein Mal insultiren zu lassen? Oder denken dieselben vielleicht nicht mehr an die jedes Commentars entbehrenden Worte des Vorsitzenden der Christlich-Sozialen, der die vorgelegte Frage: ^Dürfen Juden Mitglieder der Partei werden"? dahin beantwortete: „Ja wohl, meine Herren, wenn die Juden Christen werden"!? — Daher Brüder, glänzet lieber durch eure Abwesenheit, da wo eure Gegenwart die Mißstimmung gegen Euch nur erhöht, und machet das Princip eines alten Weisen: »Wenn ich nicht dabei bin, kann ich meinetwegen geohrfeigt werden" zu dem curigen! Ahmet lieber dem Vorgehen eines tapfern wie großmüthigen Weibes in eurer Mitte nach, wir meinen: Frau Lina Morgenstern. Thut wie diese edle Frau: Euch „an maßge» bender Stelle unumwunden zu äußern"; schließet euch ihrer Erklärung an, verlieret jedoch nicht unnütze Reden im Kreise der Christlich-Sozialen! Freilich werden eure Feinde den angezeigten Schritt am meisten mißbilligen, aber nur aus dem Grunde, weil ihnen dieser mit Recht als der gefährlichste scheint. Haben sie ja in ihrer jüngsten Versammlung die motivirte Erklärung beschlossen: »Die Versammlung der christlich-sozialen Partei bezeugt dem Hrn. Hofprediger Stöcker ihre Verehrung, denjenigen Juden aber, welche denselben durch tägliche Beschimpfung (?) und Verleumdung (?) insultiren, ihre Verachtung, und giebt Frau Lina Morgenstern, welche sich erlaubt hat, sich um Hrn. Stöcker zu bekümmern und denselben lügenhafter Weise der Judenhetze zu bezüchtigen (???), den 7 guten Rath, fortan lieber sich um ihre eigene Wirth- Ei« Schächter als Bischof. Eine Sichre aus den Erinnerungen meines Lebens, von Brarmhart. (Fortsetzung siehe Nr. 43.) Ich dachte an mein vergangenes Leben zurück und an mein Schächteramt, das ich, ich muß es gestehen, nicht genau genug nach den strengen Vorschriften gehandhabt hatte, und that das Gelübde, nie wieder ein Schlachtmesser in die Hand zu nehmen. Ich machte mich über meine Kiste, ergriff sämmtliche Messer nebst Schleifstein und schleuderte sie in das aufgeregte Meers wie einst der Prophet Jona zur Sühne über Bord geworfen wurde. Gegen Tagesanbruch legte sich allmälig der Sturm, und wir schöpften neuen Muth. Ich fühlte mich^ sehr angegriffen; denn 9 Tage hatte ich von der quälenden Seekrankheit zu leiden, konnte während dieser Zeit weder Speise noch Trank zu mir nehmen, und als ich wieder gesund war, hatte ich nichts zu essen. Meine von Hamburg mitgenommenen Speisevorräthe waren theils verdorben, theils von meinen Reisegefährten aufgezehrt worden; und so mußte ich 13 Tage fast ganz oHne Lebensmittel existiren. Expedition: Petersstratze Nr. 8. Monn, «. Mvember 1879 (5640). schüft zu bekümmern. Die Versammlung beauftragt den Vorstand, diese Erklärung zur öffentlichen Kenntniß zu bringen." — Also, damit alle Welt es wisse: Herr Stöcker hat die Juden nie hetzen wollen. Gott bewahre. Er hat vielmehr aus Liebe zu den Juden seine Reden gehalten. Auch hat Herr Stöcker gar nie die Juden insultirt, sondern im Gegentheil, die Juden insultiren ihn und wenn sich Frau Morgenstern dennoch erlaubt, ein Wort gegen ihn zu schreiben, so wird sie darob ermahnt, von nun ab, um fremde Wirthschast sich nicht zu bekümmern. — Wahrlich, es gehört eine starke Dosis Verlogenheit dazu, um die Thatsachen in solchem Maße zu verdrehen; denn jeder unbefangene, vernünftige,' ob Jude oder Nichtjude, wird bald einsehen, wie es mit der Erklärung der Christlich-Sozialen beschaffen ist. Jeder aufrichtige und vernünftige Mensch wird ferner einsehen, daß Frau Lina Morgenstern, deren allbekannten philantropischen Bestrebungen die unglückliche Menschheit so vieles Ersprießliche verdankt, und die erst vor noch gar nicht langem, in Anerkennung ihrer Verdienste am Kaiserlichen Hofe ausgezeichnet, von Ihrer Majestät der Kaiserin von Deutschland mit einem besondern Handschreiben beehrt wurde, daß sich eine solche Frau berufen fühlt, das Wort für ihre gekränkten Glaubeusgenoffen zu ergreifen, denen anzugehören sie mit Stolz hervorhebt, und die gegen Angriffe zu vertheidigen in ihrem humanen wie edel angelegtem Charakter liegt*). *) Es durfte so manchen unserer Leser interessiren, wenn wir bei dieser Gelegenheit folgende Details aus den im »Jsr. Boten" veröffentlichten Correspondenzen ääto. 17. Juli l. I. reproduciren: Berlin. Frau Lina Morgenstern ist hier durch ihren Wohlthätigkeitssinn allbekannt. Sie hat in der deutschen Hauptstadt und in andern deutschen Städten eine Reihe wohlthätiger Anstalten in's Leben gerufen, sie war es, die in den Kriegen des letzten Dezenniums Hunderten und Hunderten von Verwundeten, hilfreiche Pflege verschafft, und noch heute dehnt sie den Rayon ihrer Thätigkeit unermüdlich weiter. Der Kaiser hat denn auch ihre Verdienste anerkannt und die in den besten Jahren stehende Dame erschien bei den letzten Hoffestlichkeiten mit den Auszeichnungen des eisernen Kreuzes und des Frauen-Verdienstkreuzes, die sie mit Anstand und Würde auf der bordeaux-rothen Atlasrobe trug.— Wie dem hiesigen „Tageblatt" geschrieben wird, hat die Kaiserin an Frau Lina Morgenstern folgendes Schreiben gerichtet: »Unter den zahlreichen erhebenden Kundgebungen zur Feier Unserer goldenen Hochzeit, hat Mich die vom Berliner Hausfrauenverein veranstaltete Sammlung zur Mithilfe am Neubau einer Kinderstation für ansteckende Krankheiten im Au- ”4 Mo gusta-Hospital tief gerührt. Es ist Mir Bedürfnißn es auszusprechen, wie dankbar Ich diese Spende anerkannt habe, die ich als Beweis verständnißvoller Theilnahme an der Fürsorge besonders hochschätze, welche die Mir nahe stehende Anstalt hilfsbedürftigen Kindern widmet." Berlin, den 19. Juni 1879. Augusta. Die lalmudische Tradition. (Fortsetzung u. Schluß, stehe Nr. 43.) Welch grausame Qualen, welch blutige Folter, welch' & satanische, fluchvolle Pläne ersannen die versteckten Feinde der Wahrheit für die Bekenner der reinen, von .X? der richtigen Denkkraft des Menschen so mächtig unterstützten Glaubens an die Einheit und Einigkeit des Jj ewig seienden, alles mit seinem mächtigen Willen umfassenden, leitenden und regierenden Gottes! Ach, es hüllt sich in tiefe Trauer Jeder der dieseMstorischen Beweise liest! Es erzittern die—ande des Herzens einem Jeden, der menschlich fühlt und denkt, so er jene Schandscenen — wahrlich sie sind nicht gering an Zahl, die von der Geschichte aufbewahrt wurden — liest! Wie verhielten sich dann aber unsere Ahnen zu jenen ihrer grausamen, unmenschlichen Feinde? Sie verhielten sich, wie es der Bund, den Gott am Sina geschlossen mit den Vorfahren, welche die großen Wunder, die er für sie gethan, gesehen hatten, erheischt. Sie bezeugten mit allem, was ihnen lieb und theuer war, daß ihnen die Liebe zu Gott und seiner Wahrheit theurer und schätzbarer sei. Das feindliche Feuer, dessen Flammen sie von der Bundestreue zu Gott erschreckend abführen sollten, wurde vernichtet und quasi gelöscht durch das heilige, himmlische Feuer der Feuersgluthreligion rnt^X, wovon unsere Glaubens-Märtyrer erfüllt und begeistert waren. Diese Heldenparole: 2)^2 IX vpirpIX" ward in der altern Geschichte und auch gar sehr in der Geschichte des Mittelalters leider gar allzusehr, im frequentem Maße zur Wirklichkeit. Wo standen nicht in den historisch schon seil ältesten Zeiten bekannten Welttheilen Altäre von den Bekennern des Judenthums errichtet, deren Opfer die Bekenner selbst waren, der dabei fungirende Gottespriester aber nur der religiöse Enthusiasmus war. Wofür aber führten diese unsere heiligen Glaubenshelden den heiligen Krieg? für die ihnen gebliebene Heiligkeit der mosaischen Lehre, der schriftlichen und mündlichen —, wodurch Israel überall, wo es war und ist, — wie es die Verheißung Gottes andeutet mit den Worten: „Und selbst im Lande ihrer Feinde werde ich sie nicht verwerfen und nicht verschmähen, ste zu vernichten, meinen Bund mit ihnen zu brechen, denn ich bin der Ewige, ihr Gott" Am 13. Tage nach unserer Abfahrt von Hamburg landeten wir in London. Erschöpft von der Seekrankheit und mit hungrigem Magen verließ ich das Schiff. Am Hafen wimmelte es von Menschen aller Klassen und Racen, und die Zudringlichkeit der Träger, Bettler und Diebe war so groß, daß ich genöthigt wurde, meine mitzebrachten wenigen Sachen nur noch fester zu halten und ich war froh, endlich unbeschädigt in eine Seitenstraße gelangt zu sein; doch vermißte ich meine Taschenuhr, die man mir im Gedränge gestohlen hatte. Ich wanderte nun in dem Labyrinth der Straßen Londons umher, um eine Herberge aufzusuchen, ich fragte darnach hunderte von Leuten, aber Niemand verstand mich. In einer Lane (Gäßgen) erblickte ich eine Truppe Musikanten, Männer und Frauen, in bairischer oder schwäbischer Landestracht, die vor den Häusern spielten, sangen, klang meinen Ohren, wie die meisterhafteste Bravour-Arie und entlockte mir fast Thränen der Rührung und der Freude. Frohen Herzens eilte ich auf sie zu und bat sie mir eine billige Herberge nachzuweisen, was sie auch bereitwillig thaten, nachdem ich sie auf ihrer musikalischen Wanderung durch eine Menge Straßen über eine Stunde begleitet hatte. Das Quartier war ziemlich gut und, was die Hauptsache war, billig. Ich erhielt für einige Pence Thee, Butterbrod, Eier und ein Nachtlager. Am nächsten Morgen machte * ich mich auf, um mich nach Landsleuten und Glaubensgenossen umzusehen, in der Erwartung, ein Sümmchen zusammenzubringen, um davon einen Hausirhandel beginnen zu können; denn meine ganze Baarschast bestand nur noch in vier preußischen Thalern. Ich begab mich zunächst nach Duk«-^ Place, woselbst gewöhnlich viele jüdische Leute zu stV den sind; allein ich traf keinen Landsmann, und daX ich fast nur armseliges Volk erblickte, so wagte Ich es ■ nicht, Jemanden um eine Gabe anzusprechen. Traurig und muthlos kehrte ich in meine Herberge zurück. Aus diese Weise hatte ich schon drei Tage trostlos die langen Straßen der Riesenstadt durchwandert. Meine 4 Thaler waren schon fast bis auf die Hälfte geschmolzen, und wenn auch der Rest zu Ende ginge — 1 was sollte in der wildfremden Metropole aus mir '—j werden! — Niedergebeugt vor Gram schlich ich umher | und gelangte zufällig auf die Ropal-Exchange (Börse), i Hier wimmelte es von Menschen. j (Fortsetzung folgt.) j

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