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Der israelitische Bote · 1879-05-08 · 19 (8.5.1879) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
19 (8.5.1879)
Date
1879-05-08
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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schwachen Dafürhalten nicht ganz und gor am Platze, zu schweigen, wenn auch das Sprichwort sagt: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold". Wir wollen lieber das Gold entbehren und nicht schweigen, denn es gibt eine Zeit zum Schweigen, es gibt aber auch eine Zeit zum Reden. Aber nicht allein reden und schreiben, sondern auch handeln muß der Mensch, um seinem Streben einen Erfolg zu sichern. That auf That muß mindestens den Beweis des aufrichtigen Ernstes liefern. Es sei uns gestattet aus der Zeit der Reformbewegung resp. eine das Thun und Lassen der Reformer aus den Mer Jahren beleuchtende Abfertigung von Herrn Dr. H. Auerbach*), 'fe'tf'T damals in Darmstadt, gestorben in Halberstadt hier vorzuführen. Wir thun dies um so lieber, als wir damit den Beweis liefern, wie es sich die Männer in Israel stets angelegen sein ließen, aufzutreten, wenn es galt, schädlichen Schriften entgegenzutreten. Wir wünschen nichts sehnlicher, als daß sich heute Männer vom Fache, welche das Judenthum zu lehren und zu führen anvertraut erhielten, finden mögen, die auch das Ihrige auf den Altar der Rechtansprüche nnseres alten anerkannten Glaubens legten, um diesen zu schützen und zu wahren. Wir stellen gerne unfern Raum, soviel als möglich zur Verfügung. Wir lassen nunmehr aus dem „Zionswächter" einen Brief des in Frieden ruhenden Rabbiners folgen:! Die schülerhafte RathlosigKeit des Herrn Ar. S. Hol-heim im Gebiete talmudifchen Wissens. Schreiben des Dr. Auerbach in Darmstadt an den Rabbinats- Landidaten L. in B. Den 14. August 1845. In Ihrem Schreiben vom 6. d. fragen Sie mich, ob ich die von talmudischer Gelehrsamkeit strotzende Broschüre des Herrn Dr. Holdheim, betitelt: „Die Auflösbarkeit der Eide, von S. L. Rappoport, beleuchte: von Holdheim", gelesen, und wünschen mein Urtheil darüber zu vernehmen. Bevor ich darauf antworte, erlaube ich mir, Sie zu fragen: Haben Sie denn diese Schrift gelesen, mit wissenschaftlichem Ernste gelesen, Wort für Wort gelesen, oder nur flüchtig hineingeblickt? Ist Ersteres der Fall, so bewundere ich Ihre Geduld, Ihre stoische Ueberwindung, beneide sie aber keineswegs. Die widerlichen Zickzacke, die kleinlichen Silbenstechereien, welche, wie beim ersten Blick sich zeigt, drei Viertel der Schrift einnehmen, haben mich beim Empfang derselben veranlaßt sie noch an demselben Tage der Buchhandlung zu remittirrn, in der gewiß auch von Ihnen getheilten Meinung, die Muße eines Rabbinen sei am wenigsten in unfern Tagen geeignet, solchen Katzbalgereien prüfend zu folgen, und sich darüber zu moquiren. Haben ja überhaupt die meisten polemischen Reibungen auf diesem Gebiete gar wenig Folge für die Wissenschaft, geben sie ja bloß den Halbgelehrten und Pansophen des Tages Gelegenheit, mit ihrem Scheinwisfen zu ostentiren, und ziehen gar oft den Nachtheil nach sich, daß das größere Publikum die ganze jüdisch-theologische Wissenschaft für ein Aggregat von lauter Verdrehungen und bodenlosen Ideen erklärt. Auch vermuthete ich, es werde Herr Rappoport, gegen den die Schrift gerichtet ist, falls ein Gesichtspunkt wissenschaftlicher Bedeutung darin enthalten fein sollte, es nicht unter seiner Würde halten, den hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen und mit solchen Waffen in den Schranken erscheinen, welche ohne mühsames Balanciren und listige Quinten die Schwäche des Gegners bloßstellen. Ich hielt mich darum um so weniger verpflichtet, hier bv HyriD "6 zu sein. Da Sie indessen darauf bestehen, *) Bruder des hiesigen Oberrabbiners Herrn Dr. Aron Auerbach. Aber warum schweigen die tausend und tausend Wissenden? Ist es nicht Sünde, eine Unthat geschehen zu lassen und nicht Zeugniß dagegen abzulegen? Sämmtliche christliche Theologen, vom Popen im Kaukasus, vom Professor Beyschlag in Halle bis zum Papst in Rom, wissen, müssen wissen, daß zu keiner Zeit und in keinem Lande dieser Beschuldigung gegen Die Juden auch nur ein Atom von Wahrheit zu Grunde lag. Mit wessen Blut waren etwa die Osterkuchen gebacken, die Jesus als Jude beim Abendmahle brach und unter die Jünger vertheilte? Alle Geistlichen wissen, daß es den Juden verboten ist, Blut eines Thieres zu genießen; sie wissen, daß eine Vertilgungswuth durch die ganze Welt rasen müßte, wenn der genannte religiöse Kanibalismus irgendwo stattfände; sie wissen das und warum legt Niemand ein öffentliches Wort der Verwahrung ein? Warum müssen wir Juden das Wort ergreifen? Haben denn christliche Theologen keine Pflicht, gegen unschuldig Angeklagte fremder Confession, und keine Pflichtt der sichtlichen Verwahrlosung christlicher Ankläger zu steuern? Es gibt auch eine große Genossenschaft zur Bekehrung der Juden, die ihre Missionäre in alle Welt aussendet. Unter diesen Missionaren sind viele Judgeborene, die gläubig sich zur Lehre Christi bekennen. diese Schrift nach meinem geringen Wissen zu beurtheilen, — wahrscheinlich weil Sie von Herrn Holdheim's talmudischer Gelehrsamkeit, allerdings der größten in der frankfurter Rabbiner-Versammlung, eine hohe Meinung haben, — so glaube ich allerdings schon in diesem Wunsche eine nicht zurückzuweisende Aufforderung zu finden, diese Schrift prüfend zu lesen und mich darüber unumwunden zu äußern. Dieses geschieht mit folgenden Zeilen, wovon Sie jedoch keineswegs erwarten dürfen, daß sie in's Detail aller Plänkeleien und sophistischen Theoreme, selbst wenn Erstere den Schein der Ruhe, Milde und des Anstandes, und Letztere ein wissenschaftliches Colorit haben sollten, Angehen werden, sondern nur eine gründliche Beurtheilung derjenigen Stellen geben, welche Herr Holdheim als die Quintessenz seiner ganzen Production bezeichnet, als die Kraft, womit er sich gegen das talmudische Judenthum stemmt und ihm ohne Pardon den Stab zu brechen droht. Sie werden aber sehen, mit eignen Augen sehen, daß je mehr Herr Holdheim dem ralmudischen Judenthume gegenüber nach dem Ruhm eines Herostratm strebt, und je größere Triumphe er als solcher im Locutorium der s. g. Rabb.-Vers. feiert, desto augenfälliger seine schülerhafte Rathlosigkeit auf talmudischem Gebiete sich zeigt, desto weniger sein Jünger und Lobhudler, der Quasi-Israelit des 19. Jahrhunderts, trotz allen seinen gemeinen Sarkasmen über die Altrabbinen es vermag, die Blöße seines bei rauschten Vaters zu decken. Fortsetzung folgt. Die Ultramontancn Md das Judenthum. °o° In einer Buchhandlung eines polnisch-deutschen Städtchens siel mir eine Broschüre in die Hand: „Broschüren-lsyclus für das katholische Deutschland". 11. Jahrgang. 1. Heft. Jüdisches, betitelt: Im „Wanderschein zum zweiten'Jahrzehend". In dem Vorwort des Schriftchens wird gesagt, daß der Cyclus für „Wahrheit und Freiheit" streite. — Ich bin immer ein Freund der Freiheit und Wahrheit gewesen, und war neugierig, welcher Meinung die Redaktion des „katholischen Cyclus" sei. Die 24 Seiten umfassende Schrift hat mich neue Begriffe über Wahrheit fassen gelehrt. — Hätte ich doch nie geglaubt, „wie klug die Nasse'sche Verlagsbuchhandlung (A. Ziegler) in Münster ist". Ich kann jedem das löschpapierne Heftchen empfehlen, der kennen lernen will, was Unwahrheit und was Unfreiheit ist. Daß Gutzkow Jude war, wissen wohl nur wenige, Erleuchtetete; unter diese gehört aber die Nasse'sche Buchhandlung; sie sagt: Endlich erklärte vor ein paar Jahren in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung" der Jude Gutzkow klipp und klar: „Die eigentlichen Gründer des neuen deutschen Reiches seien die Juden". Mit mir wird sich wohl mancher Glaubensgenosse wundern, daß er und seine Confession es gewesen, die das deutsche Reich geschaffen. Kaiser Wilhelm hat das Vaterland nicht geeinigt, nein, die Juden waren's. Es muß wohl wahr sein, denn Nasse sagts und Nasse ist ein ehrenwerther Mann. Jedoch, noch andere historische Jrrthümer hat Nasse entdeckt, die sich bisher durch die Weltgeschichte geschleppt, „die Judenschaft genoß keine vollen Bürgerrechte, wie sie keine vollen Bürgerpflichten erfüllte". Mich wundert's, daß Herr Nasse-Ziegler von der Universität seiner Vaterstadt nicht zum Doctor philosophiae honores causa ernannt worden ist; ich kann mir es nur durch die Erfahrung erklären, daß Propheten in ihrem Vaterlande Warum erheben sie nicht ihre Stimme und sagen: Wir kennen die Gebräuche unserer vormaligen Glaubensgenossen und betheuern, daß nie und nimmer auch nur eine Spur eines solchen Brauches stattfand? Verlangt nicht die Religion der Liebe, daß man seine Nebenmenschen vor Ungerechtigkeit schütze? Ein Spinoza, ein Moses Mendelssohn, der eine lebenslang, der andere zeitweise von fanatischen Glaubensgenossen verfolgt — wäre es möglich, daß sie doch nicht aus der Confession geschieden wären, wenn solcher Kannibalismus in ihr nur denkbar war? Es ist eine der bittersten Erfahrungen, daß Ungeheuer im Reiche des Gedankens tausendmahl getödtet immer wieder auferstehen. Aber so oft sie sich erheben, und sei es im entlegentsten Winkel der Erde, muß aufs Neue mit der Waffe der Wahrheit gekämpft werden. Berlin, Ende März 1879. Berthold Auerbach. Wir erlauben uns bei dieser Gelegenheit dem gefeierten großen Schriftsteller den Dank vieler Millionen Juden auszusprechen, daß er für die Unschuld seiner Glaubensgenoffen eine Lanze brach. Einem Manne, wie Herrn Dr. B. Auerbach wird es um so leichter sein, nicht anerkannt werden. — Ferner sagt der Eyckr^ „Gehet nach Wien oder nach Berlin und befraget 4-, nach den Redakteuren der Weltblätter". Allemal werdet Ihr auf semitisches Blut treffen. Selbst im heiligen Köln machen „unsere Lait" die große „Tant"e zurecht. Wunderbar! Herr Nasse weiß besser, als die „Kölnische Zeitung" ob ihre Redakteure Juden oder Nichtjuden sind. Wenn es Nasse-Ziegler sagt — so glaub ich's, denn ec hat ein Patent für die Entdeckung neuer Wahrheiten genommen. Doch wie ec seinen Lesern räth, gehet nach Wien oder Berlin, so rathe ich: „Nasse'sche Verlagsbuchhandlung (A. Ziegler) in Münster, gehet nach Berlin und fraget Siemens und Halske, ob sie Euch erleuchten könnten mit elektrischem Licht!" ich glaube schwerlich. — Von einer mehr als Busch'schen Freiheit ist die Nasse'sche Verlagsbuchhandlung beseelt. Sie erzählt: die Kreise der hohen Finanz, welche zu mehr als fünf Sechsteln aus Juden bestehen, suchen thätig ihren Einfluß soweit als möglich geltend zu machen, um in die entscheioenden Stellen solche Männer hineinzubringen, welche eine dem jüdischen Bankgeschäfte und Börsenbetriebe möglichst günstige Handlung einzunehmen versprechen. — Die intimen Beziehungen des Herrn von Bleichroeder zum Fürsten, dürften, mindestens indirekt, schon an die vorministerielle Zeit des Fürsten anknüpfen. Der frühere Präsident des Reichskanzleramts, Vetter des Bankhauses Delbrück, „Leo u. Co." verdankt vorwiegend dem Rathe gewiegter Freunde aus der hohen Finanzwelt diese Stellung. — Noch mehr schöne Dinge stehen im genannten Büchlein, so daß ich es jedem Dummen empfehle. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn. Aus Berlin ging uns eine Einladungsschrift zu der bereits stattgefundenen öffentl.Prüfung der Religionsschule der Gemeinde „Adaß-Jisroel" vom Direktor, Herrn Rabbiner Dr. I. Hildesheimer zu. Die Schrift eröffnet eine Abhandlung von Dr. D. Barnaß, die wir, ihres interessanten Inhaltes wegen und der darin ausgesprochenen beherzigenswerthen Worte, nächstens zur Kenntniß unserer gesch. Leser bringen werden. Es wird in derselben der geschichtliche und literaturgeschichtliche Unterricht in der Religionsschule behandelt. Dem Berichte entnehmen wir Folgendes: Die Religionsschule zählte im verflossenen Schuljahre 295 Zöglinge, und sind auch für das kommende Schuljahr für die untersten Klassen Separatcurse für Knaben und Mädchen in Aussicht genommen, wodurch eine Erweiterung des Schülerkreises ermöglicht wird. Wie aus dem Lehrplane zu ersehen ist, wurde Erfreuliches geleistet. Die Barmizwah-Knaben wurden in den Vorschriften über und rTCPü unterwiesen und bot auch ein vom „Talmudverein" suüventionirter Talmud- Cursus den reiferen Schülern Gelegenheit, außerhalb der Schulzeit, diese für die Kenntniß der jüdischen Religion unerläßliche Disciplin zu pflegen. Breslau. Der bisherige Privatdocent an der hiesigen Universität, Herr Dr. Freudenthal, wurde zum außerordentlichen Professor ernannt. Gelsenkirchen. Die hiesige Synagogengemeinde hatte die Wahl von Repräsentanten und deren Stellvertreter zu vollziehen. Von den 68 wahlberechtigten Mitgliedern haben 57 abgestimmt und wurden die Herren Nathan Wolff, L. Posner zu Gelsenkirchen und Bernhard Ferse zu Braubauerschaft zu Repräsentanten, und die Herren Simon Steinberg, H. Koppel und auch bei Nicht-Juden für folgenden Vorschlag zu wirken: Wer erinnert sich nicht des Mannes, der schon sieben Jahre wegen Brandstiftung als Verurtheilter im Zuchthause zu gebracht hatte, als sich erst seine Unschuld erwies, aber auch dessen, wie man für diesen Unschuldigen, dem sein ganzes Hab und Gut inzwischen verloren gegangen war, durch eine Collecte, welche von allen Confessionen unterstützt wurde, reichlich Schadenersatz gefunden. Hier sind es nicht sieben Jahre, aber es sind sieben Juden, meistens Familienväter, die aber fast ein ganzes Jahr in Haft gehalten waren. Herumgedreht macht dieses auch sieben Jahre. Wir wollen und können es allerdings nicht untersuchen, ob die sieben Juden arme oder bemittelte Leute find oder waren. Jedenfalls erscheint es uns gerathen, ebenfalls eine Sammlung zu veranstalten. Natürlich vor Allem möge man in Rußland an den Wohlthätigkeitsstnn für die Hartbetroffenen appelliren. Das empfundene Unrecht würde dadurch in etwa gemildert, das geschehene Unrecht, von welcher Seite es auch herrührt, würde um so mehr gebranntmarkt werden.

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