Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Bote · 1879-05-08 · 19 (8.5.1879) · p. [Seite 1]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
19 (8.5.1879)
Date
1879-05-08
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9620169-9625151-9624030--154-9624031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstallen entgegen. V. Iayrgang. Leitender Artikel. (Fortsetzung.) Bonn im Mai. Sie sehen, meine Herren Doctoren, jenes Factum beweist nichts für Sie, wohl aber sehr viel für uns. Aber noch von einem andern Gesichtspunkte wäre dieses der Fall. Denn wenn die allgemeine Schädlichkeit der niP¥B durchaus anerkannnt wäre, dann bedürfte es wahrhlich nicht der Aufzählung dieser einzelnen Fälle als Merkwürdigkeit, und grade weil die so schädlich einwirkende Ursache angegeben, (die indeß hier kaum in Erwähnung kommen, da man sich einerseits durch gehörige Untersuchung und Vorsicht bei der Anstellung der b^PHB dagegen sichern *), andererseits der Arzt, in mannigfachen vorzüglich chirurgischen und geburtshülstichen Operationen nicht minder durch seine körperliche auf die körperliche Beschaffenheit des Kranken einwirken kann) beweist das nicht zur Genüge, daß von einer allgemeinen Schädlichkeit der eigentlichen n^¥B nicht wohl die Rede sein kann? Und jetzt, nachdem die Frage einmal angeregt, und mit vorbedachter Beflissenheit an die Oeffentlichkeit gedrängt wird, wo man überall mit Medicinal CoUegien, Gesundheits-Räthen rc. drohet, wo hätte als Folge jener Denunciation ein christlicher Gelehrter von Namen sich gegen die ni^B, deren Wesen man ihm aufs schwärzeste und Nachteiligste darzustellen bemühet war, ausgesprochen? Wel- *) Hier in Altona bestand schon seit langer Zeit eine von den Behörden eingesetzte Beschneidungs-Commission, bestehend aus dem Oberrabbinen, dem ersten der hiesigen B^mB und Dr. Steinheim, als medicinischem Mitglieds. Aufgabe dieser Commission ist es, sowohl neue B^NIB gehörig zu prüfen, ob sie in religiöser und mevicinischer Hinsicht den Anforderungen als B^HIB genügen, weshalb auch kein fremder ^NIB gegen die Einwilligung jener Commission einen vornehmen darf, wie auch jede einzelne Beschneidung, soweit als thunlich, zu überwachen. Wie kam es, daß Steinheim, eine medicinische Autorität, die Bergson, Collin, Salomon jun. und noch ein Paar Dutzend solcher Aerzte hinlänglich aufwiegt, und der zumal hier von Amtswegen besonders für diesen Fall angeftellt war, wie kam es, daß Steinheim, in dessen Gegenwart mehr als Tausende von Malen die ntt^B hier vorgenommen wurde, nie ein medicinisches Bedenken dagegen zu äußern hatte? War es Pflichtvergessenheit oder war auch er nicht tief genug in die Geheimnisse der allerneuesten Medicin eingedrungen? Hat Steinheim's Nachfolger, der tüchtige Dr. Samson sich bereits veranlaßt gesehen, eine Einwendung gegen die Vornahme jener Operation zu machen? Fortsetzung und Schluß. Petersburg. Zu diesen beiden Osterblutgeschichten gesellt sich noch eme als dritte im Bunde: Vor längerer Zeit consultirte ein europäisch gebildeter, vielgereister Jude, Pergament, einen russischen Arzt in der Kreisstadt Tula: Inzwischen harrten im Vorzimmer des Arztes ein Russe mit einem kleinen Kinde auf dem Arme und eine Russin. Als ersterer zum Arzte gerufen wurde, ersuchte er letztere, einstweilen das Kind zu halten. Als der Jude das Haus des Arztes verließ, folgte ihm die Frau mit dem Kinde, in der Meinung, den Vater desselben vor sich zu haben. Der Jude dagegen, der die Frau für die Mutter des Kindes hielt, gestattete ihr gern, in seinem Wagen Platz zu nehmen. Als der Russe sein Kind vermißte und auf weitere Recherchen erfuhr, daß der Jude in Gesellschaft der das kleine Kind haltenden Frau sich entfernt habe, verbreitete sich blitzschnell das Gerücht, der Jude habe des Osterblutes wegen ein Christenkind schlachten wollen. Rach entsetzlichen Mißhandlungen von Seiten des aufgeregten Pöbels wurde der Jude eingekerkert, mußte aber bald, da seine Unschuld sich erwies, entlassen werden. Die judenfeindlichen russischen Blätter ließen diesen Vorfall nicht ruhen. Sie hetzten so lange, bis die Sache zur gerichtlichen Entscheidung kam. Zweimal hat auch bereits das Gericht die Un¬ Verantwortlicher Redacteur MoritzIBaum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Monn, 8. Mai 1879 (5639). cher Professor an irgend einem chirurgischen Klinikum hätte bei irgend einer Veranlassung sich öffentlich gegen Vornahme dieser Operation erklärt? Die Medicin ist eine Wissenschaft, die zuvörderst der Thatsachen bedarf, und dann diesen Stoff durch das Medium der rationellen Auffassung, physiologischer und andere Hülfswiffenschaften, zur Kunst der Gesundheits- und Lebenserhaltung verarbeitet. Wo sind aber jene Thatsachen, die auf unfern Fall angewandt, die Grnndbasis der ganzen Schädlichkeits-Annahme bilden sollten? Man beruft sich auf einzelne Fälle, deren ^Vollgültigkeit nie bewiesen worden ist, bewiesen werden kann, deren Nachtheil, wie wir gerne zeigen werden*), gänzlich zu beseitigen ist, die immer als einzelne Fälle und Ausnahmen dastehen, und welche, wie bekanntlich, in der Medicin am Allerwenigsten als maaßgebend betrachtet werden können. Aber warum vergiß! man, zu erwähnen, wie seit Tausenden von Jahren bei Millionen jüdischer Kinder n^B vorgenommen, ohne je den geringsten Nachtheil bemerkt zu haben? Warum achtet man Mcht des Zeugnisses alter erfahrener B^niB, die zumal in großen Gemeinden Tausende von Kindern beschnitten, ohne je in ihrer Praxis einen Fall erlebt zu haben, wo positiv durch die ntt^B dem Leben oder nur der Gesundheit des Kindes wirklicher Schaden erwachsen sei? Alle und jede Competenz wird man diesen erfahrenen Männern doch wahrhaft nicht abstreiten wollen, im Gegentheil läßt es sich viel eher annehmen, daß Aerzte, sobald sie einmal von einer vorgefaßten Meinung befangen, einer fixen Idee verfallen, gänzlich unfähig find, eine gehörige Diagonese vorzunehmen, daher Fälle mit jener vorgefaßten Meinung in Connex bringen, d:^ nichts weniger, als das sind. Wie käme es auch sonst, daß jene statistischen Mortalitäts-Tabellen, die so lange schon überall unter Aufsicht des Staates von medicinischen Behörden oder Privaten ausgenommen, noch nie des Resultates gedacht hätten, daß unter jüdischen Knaben etwa eine größere Mortalität herrsche, als unter jüdischen Mädchen und christlichen Knaben? Nichts von Allem, ein gleiches Gesundheits-, ein gleiches Sterblichkeits-Verhältniß waltet ob, die Gefahr existirt nur in der Destructions-Wuth einiger jungen jüdischen Aerzte. Freilich ist man jetzt gewöhnt, des Verdienstes der Alten zu spotten und es zu bekritteln, und Hippokrates, Galenits und Celsus würden in den Augen unserer jungen Kraft-Genies kaum noch Gnade finden. Aber nichts desto weniger wollen wir noch, Beispiels halber schließlich unsers Maimonides gedenken. Was nützt es ihm, dem hochbegabten, tiefblickenden Naturforscher, dem geistreichen Denker, dem kein Wissen ohne strenge philosophisch-kritische Prüfung galt, was nützt es dem Leibarzt des Sultans Saladin, zu einer Zeit, wo die *) Und wir bereits gezeigt haben. schuld des Juden promulgiren müssen. Nunmehr soll zum dritten Male vor dem Bezirksgericht in Tula in dieser unblutigen Blutgeschichte verhandelt werden. Wie aus jenen Affairen, die uns vollständig in's Mittelalter zurückversetzen, zu ersehen ist, ist die Stimmung des russischen Volkes den Juden gegenüber eine durchaus feindliche und werden aus den kleinlichsten Vorgängen Münzen geschlagen, um den Haß und die bittere Feindschaft zum Ausdruck zu bringen. Aber auch die Regierung macht seltsamer Weise in jüngster Zeit gegen die Juden Front und läßt die größten Lieblosigkeiten ihnen gegenüber sehen. Dieses ist besonders in den nordöstlichen Gouvernements Rußlands der Fall ist. Dort wohnen schon seit langer Zeit Juden, ohne je Anlaß zu Beschwerden gegeben zu haben. Plötzlich erinnerten sich die Behörden einer alten Verordnung aus dem vorigen Jahrhundert, derzufolge Juden nur dann in jenen Gegenden sich aufhalten dürfen, wenn sie irgend ein Gewerbe betreiben. Mit Beginn dieses Jahres wurden deßhalb sämmtlichen, blos handeltreibenden Juden^die Magazine gewaltsam gesperrt und den Inhabern bedeutet, binnen einer bestimmten, aber sehr kurz bemessenen Zeit ihr Domicil zu verlassen. Alle Reclamationen der Betroffenen blieben ohne Erfolg. In vielen Ortschaften erhielten die Telegraphenbeamten vom General-Gouvernement aus Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum KT-Pf. iZahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbqigpC Mo. 19. galenisch-arabische Medicin in Spanien und im Morgenland ihren Höhepunkt erreicht, daß er ausdrücklich im Geiste der pBt£>B und der mB3 behauptet, die iWBB sei unbedingt nöthig, um Gefahr vorzubeugen, wird er doch dafür von praktischen Wundärzten und modernen Aeskulap-Jüngern derb abgekanzelt, und ihm gesagt, er habe sich nicht auf den Höhepunkt der Medicin erheben können, denn damals gab es noch kein — modernes Judenthum. Ein Lorbeer für diese Kritik. — Doch gehen wir jetzt auf die einzelnen, gegen die Vollsührung der N2^B vorgebrachten Einwände etwas näher 'ein. Hier wird vorzüglich geltend gemacht, daß durch das Äussaugen der Wunde von Seiten kranker B^mB leicht eine Ansteckung für das Kind, seltener umgekehrt, eintreten könne, um so mehr, da man jetzt immer häufiger darauf hinwirke, die Beschneidung durch ärztliche Personen vornehmen zu lasten, bei deren Lebensweise solcher Befürchtung um so mehr Raum zu geben sei. Wir müssen den ganzen Einwand entschieden zurückweisen. Vor Allem haben wir mit vereinten Kräften dahin zu wirken, daß die Beschneidung nicht in die Hände der Aerzte gerathe, und zwar nicht etwa, weil wir jene Befürchtungen, die ein Arzt selbst gegen seine Mitcollegen vorgebracht, im Allgemeinen von dem ganzen Stande hegen, sondern, weil die Beschneidung ihrer hohen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit im Judenthume wegen, nicht zu einem Akte operativer Chirurgie, aller religiösen Elemente baar, herabsinken darf. (Wissen wir doch schon heute, daß einem Arzte für jede vorzunehmende Beschneidung ein gerichtliches Honorar fixirt worden ist). Wie in den guten alten Zeiten sollte der ^iTlB noch heute durch ein besonders religiöses, gottesdienstliches Leben sich auszeichnen, nur innerer Beruf, die große rn^B zu vollführen, Mittler zu sein zwischen der Gottheit und dem neu in den Bund eintretenden Israeliten, die Priesterstelle zu vertreten an des Vaters Statt, eigentlich zur Vornahme desselben befähigen. Fortsetzung folgt. Bonn im Mai. Aus mehrfachen Gründen, insbesondere, wegen der in jüngster Zeit aufgetauchten Reformbestrebung im Rheinlande und wegen der seit kurzer Zeit so vielfach erneuerten resp. aufgewärmten Rischus-Artikel, sowohl in Broschüren, als auch in Zeitschriften wollen wir, ohne selbst aus jene Fabrikate näher einzugehen, zeigen, wie es seiner Zeit mit Männern bestellt war, die sich nicht scheuten, offen zu reden, offen zu handeln und offen zu schreiben, denn zu allen Zeiten, gab es Widersacher der Religion. Lange Jahre sind verflossen, seitdem die neugesinnte jüdische „DoctorenGesellschaft", keine Spur von sich gab, und eben weil die neologische Stimmung durch blinden Zufall in einer Provinz sich einzunisten sucht, ist es nach unserm sogar Befehl, telegraphische Beschwerden der Juden zurückzuweisen. Jene lächerlichen Blutanklagen veranlaßten den gefeierten Schriftsteller Dr. B. Auerbach in der Gegenwart folgende „Warnung" zu veröffentlichen: Warum sich über Derartiges erhitzen? — Wer nimmt solchen Unsinn noch für Ernst? Diesen Einwand höre ich im Voraus gegen das, was ich hier zu sagen habe, und zuletzt heißt es noch: Glauben Sie denn, daß durch ein öffentliches Wort dem Elend abgeholfen wird? Ja, das glaube ich. Wer könnte sonst im Dienste der Wahrheit ausharren. Es ist nur eine kleine Notiz und steht in den Zeitungen unter „Verschiedenes" oder „Vermischtes". Sie soll herausgehoben werden, damit die Schamröthe denen ins Gesicht steige, die noch erröthen können. In Kutais (Rußland) wird vor dem Kriegsgericht in diesen Tagen gegen sieben Juden verhandelt, die unter der Anklage stehen, ein Christenkind getödtet und dessen Blut zu Osterkuchen verwendet zu haben. Also geschieht im Jahre 1879 nach Christi Geburt, vor Richtern, die sich zu Christi Lehre bekennen. Möglicherweise nehmen die Richter die Anklage nur auf, um den diabolischen Wahnwitz am offenen Tage zu entlarven. Denn die Freisprechung muß erfolgen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.