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Der israelitische Bote · 1879-01-30 · 5 (30.1.1879) · p. [Seite 6]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
5 (30.1.1879)
Date
1879-01-30
Page
[Seite 6] (sequence 6)
Language
German
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gsberg Ein eigenthümlicher Fall ist von jti verzeichnen. In der Druckerei des Herrn ^by und im Selbstverläge des Redakteurs R. er« ,eint hier eine russisch-israelitische Zeitschrift: „Die Stimme." (b’lpn). Dasselbe Blatt erscheint auch in populärer Form und sührt als solches den Titel: Die Volksstimme (DJ^ irip). EineS Tages erschien bei dem Redakteur dieses BlatteS ein Polizeibeamter, erklärte ihn für verhaftet und legt seine Bücher und Manuscripte mit Beschlag. Auf der Polizei fand eine genauere Durchsuchung statt und darauf wurde R. in das Polizeigefängniß gebracht. Nachmittags wurde er dem Richter vorgeführt. Hier stellte sich bald heraus, daß R. daS Opfer eines Mißverständnisses geworden war. Weder der Richter, noch der Verhaftete konnten Aufklärung darüber geben, warum überhaupt die Verhaftung stattgefunden habe. Dieser wurde vorläufig wieder abgeführt und bald darauf mit dem Bemerken in Freiheit gesetzt, daß hier ein Versehen obwalte. Darmstadt. Auch die Zustände in hiesiger Gemeinde haben eine Spaltung hervorgerufen. So haben am 3. Dec. v. I. 49 Mitglieder ihren Austritt aus dem Gemeindeverbande beim Stadtgerichte erklärt, obgleich ihnen verschiedene Anerbietungen gemacht wurden, die sie dazu bewegen sollten, von ihrem Vorhaben abzulassen. Würzburg. Die hier bestehende Hayen-Buchholz'sche Stislüng für Pharmacie und Chemie ertheilte unserem Glaubensgenossen, Herrn Provisor Oskar Adler, unter 30 Bewerbern die goldene Medaille nebst 50 Mark Kostenentschädigung. Der Verfasser hatte für seine vorzügliche Arbeit das sehr bezeichnende Motto gewählt: „Der Grund, daß im Leben Die Kraft Nicht erschlafft, Ist forschendes Leben." Posen. Kürzlich verschied in Jaratschewo der Giasermetster, Herr Josef Cohen. Der Verstorbene war der älteste Bürger hiesiger Stadt und erreichte das seltene, hohe Alter von 108 Vs Jahren. Dessau Der leipziger israelitische Vereinsbund hat das in hiesiger Stadt belegene Geburtshaus des Philosophen Moses Mendelssohn angekauft und beabsichtigt darin ein Asyl kür verdienstvolle und betagte jüdische Gelehrten zu errichten (wahrscheinlich doch für bedürftige Red.) Berleburg. (Priv. Mitth.) Herr Kaufmann I. Wolff wurde fast einstimmig in den Stadtrath gewählt. Es ist dieses das erste Mal, daß hier ein Israelit zu einem solchen Amte gelangte. Oesterreich. Pest. Eine höchst schätzenswerthe Einrichtung ist an der hiesigen Landes-Rabbinerschule getroffen worden. Es ist nämlich an derselben eine Abtheilung zur Ausbildung von musikalisch geschulten Cantoren errichtet worden, und wurde der hiesige Obercantor Friedmann vom Cultusminister zum Professor dieser Abtheilung ernannt. Preßburg. Eine uralte, aber eigenthümliche Sitte hat sich hier bis in die neueste Zeit erhalten. Es werden nämlich alljährlich am 11. November von einer Deputation der hiesigen jüdischen Gemeinde die üblichen „Martinigänse" überreicht. Ueber den Ursprung dieser Sitte ist man getheilter Meinung. Nach einer Angabe soll sie von Karl V. herrühren. Als dieser einst den Martinstag hier feiern wollte, geriethen die Hofleute in die größte Verlegenheit, da es ihnen unmöglich war, eine Gans aufzutreiben. Die Preßburger Judenschaft rettete sie aber aus der Verlegenheit und lieferte für die kaiserliche Tafel sechs schöne, fette Gänse, die den Beifall des Kaisers hatten. Die Juden erhielten außer andern Gerechtsamen auch noch das Privilegium, den Martinsbraten für die kaiserliche Tafel zu liefern. Die Deputation erhält zu diesem Zwecke eine große, silberne Platte aus der Schatz-, kammer des Kaisers, und hierauf werden die Martinsvögel, mit Bändern geschmückt, präsentirt. Rosdol Es herrschen hier traurige Zustände in unserem Gemeindeleben. In unserer Gemeinde haben sich nämlich zwei Partheien gebildet, von denen jede ihren eigenen Rabbiner und Sckochet hat. Die eine Parthei erklärt das von dem Schochet der anderen Parthei Geschlachtete für IB, nnd die eine Parthei erklärt den Rabbiner der anderen für einen Dy. Auch etwas Erfreuliches ist von hier zu berichten. Unser Glaubensgenosse. Herr Cal man B rüstig er ward wieder zum Bice-Bürgermeister gewählt. Ragusa. Von einer Gewalttaufe wird von hier berichtet, die an einem jüdisch-bulgarischen Flüchtlinge ist vollzogen worden, der Anfangs vorigen Monats hierher kam. Dieser erkrankte und mußte, da die hiesige isr. Gemeinde unbedeutend ist, ins städtische Spital ausgenommen worden. Hier starb er und nun behaupten die im Spitale angestellten barmherzigen Schwestern, der Verstorbene habe sich vor seinem Hinscheiden taufen lassen, obgleich festgestellt wurde, daß er während seiner Krankheit fast immer bewußtlos war. Die isr. Gemeinde hat sich bei der Behörde wegen dieses Gewaltaktes beschwert und einen energischen Protest dagegen erhoben. Sar-Bogard (Ungarn). Vor einigen Monaten wurde hier eine neue Synagoge eingeweiht und hat sich der erste Vorsteher der Gemeinde, Herr Isaak Frank, sich um deren Erbauung verdient gemacht. Neutra. In dem Dorfe Menhe brach vor wenigen Tagen Feuer aus. Unter den vielen Bauern eilte auch der Jude Leopold Weinberger auf den Schauplatz des Brandes. Kaum dort angekommen, sah er sich von den Bauern umringt welche schrieen: Werft den Juden ins Feuer, er ist der Anstifter desselben. Mit großer Mühe gelang es ihm zu entkommen; doch seine Verfolger ergriffen ihn, schlugen den Armen mit Holzknütteln und schleppten dann den ohnmächtigen, blutenden Juden zum Feuer, um ihn zu verbrennen. Zum Glück kam der Richter rechtzeitig herbei und gelang es ihm, den unschuldigen Weinberger vom schrecklichen Tode zu befreien. Gegen die Bauern wurden die geeigneten Schritte eingeleitet. (W. I.) Bukarest. Große Freude herrschte hierorts am ersten Tage Chanuckah und am Tage vorher. Am Freitage hat nämlich die Kammer die Adresse einstimmig angenommen, in welcher die Emanzipation der Juden ausgesprochen ist. Die Kammer war an diesem Tage überfüllt. Juden und Nichtjuden waren bei der Abstimmung zugegen und erwarteten mit höchster Spannung den Ausfall derselben. Um */a4 Uhr schlug für die Juden Rumäniens die Stunde der Freiheit. Mit freudigen Herzen konnte man jetzt zweifach das Fest der Freiheit begehen. Am folgenden Tage schon hob Herr Dr. Jellinek in seiner Rede hervor, daß mit dem Beginne des Chanukahfestes die Juden Rumäniens freie Bürger geworden seien. So ist denn endlich das errungen, für das so heiße, schwere Kämpfe sind geführt worden. Italien. Florenz Der hiesige neue Tempel erhielt von einem edlen Wohlthäter ein Geschenk von sechs Leuchtern im Werthe von 12000 L. Der Spender hat sich auch verpflichtet, für deren Beleuchtung jährlich 5000 L. zu geben. Schweden. Stockholm. Bei Gelegenheit der jüngsten Pariser Weltausstellung ward Herr E. Fränkel, Vorsteher der Gesellschaft „Atlas", welcher die Maschinen für die Staatseisenbahn liefert, mit dem Ehrenlegionenorden ausgezeichnet. Türkei. Soste. Auch den hiesigen Großrabbiner finden wir in dem Verzeichnisse der dritten und höchsten Gruppe der Bulgarischen Kammerdeputirten aufgeführt. Es ist dieses bemerkenswerth, da nur Bischöffe nnd andere hohe Geistliche hierzu gewählt werdet!. Salonichi. Anläßlich der Beförderung des bisherigen hiesigen, griechischen Erzbischofes zum Patriarchen in Constantinopel überreichte demselben eine jüdische Deputation eine Adresse, worin Glückwunsch und Dank für die den Israeliten allezeit gegebenen Beweise des Wohlwollens und der Tolerenz ausgesprochen wurde. Bei der Ueberreichung war der höhere Clerus und andere Notabeln gegenwärtig. Nachdem der Patriarch seinen Dank ausgesprochen hatte, bemerkte er: Möge der Jude in der Synagoge, der Grieche in seiner Kirche zu Gott beten, jeder nach seinen Glauben, aber außerhalb des Tempels und der Kirche sollen sie unter einander Brüder sein. Dies sind die Gefühle, welche ich in meinem neuen Amte immer weiter zn verbreiten suchen werde." Eine derartige Gesinnung wünschen wir auch bei viele nicht griechischen, höheren Geistlichen zu finden! Rußland. Petersburg. Kürzlich wohnte der berühmte fessor der Chirurgie an der Medico-Chirurgischeu A demie einer in der Klinik vorgenommenen Milo (Beschneidung) bei und sprach sich höchst anerkennend über diese Operation und deren medicinischen Nutzen aus. Auch bemerkte er nebenbei, daß nach der Erfahrung, die er gemacht, die jüdischen Mohelim die Operation sehr geschickt vornähmen. Es ist dieses eine recht erfreuliche Erscheinung gegenüber den Angriffen die vor einigen Jahren von gewiffen Seiten die Beschneidung zu erleiden hatte. Holland. Amsterdam. Auch jetzt hat wieder unsere Regierung von ihrer humanen Gesinnungsweise Zeugniß abgelegt. Sie gab die Erklärung ab, daß sie nicht eher irgend welcher Handels- oder Schifffahrtsvertrag mit Rumänien abschließen werde, als bis dasselbe den Bestimmungen des Berliner Friedens nachgekommen sei und die Gleichstellung der Juden in ihre Verfassung ausgenommen habe. Egypten. Kairo. Unser Glaubensgenosse, Herr Julius Blum ist zum Pascha und Staatssecretär (Minister- Stellvertreter) im Finanzministerium Egyptens ernannt worden. Es hat diese Thalsache unter den Juden Egyptens die größte Freude hervorgerufen. Am Tage der Ernennung Blums zum Pascha begab sich eine Deputation der hiesigen Gemeinde zu demselben, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Vermischtes. — Eine Nuß zu knacken. Der alte Jahn hatte zwei Töchter erster Ehe, von denen die Aeltere an einen gewissen Schmidt, die Jüngere an dessen Sohn verheirathet war. Der ältere Schmidt hatte eine Tochter erster Ehe, welche der alte Jahn heirathete. Aus diesem Grund sagte des alten Schmidts zweite Frau (eine geborene Jahn): „mein Vater ist mein Sohn und ich bin meiner Mutter Mutter, meine Schwester ist meine Tochter und ich bin meines Bruders Großmutter;* ist das richtig? Allgemeine Regel! 1. Mit Gott fang an, mit Gott hör' auf! Wer auf Gott vertraut, ist schon aufgebaut. 2. Beleidigungen, die Dir widerfahren sind, schreibe in den Sand! r. Eine Unze Frieden, ist besser, als ein Pfund Sieg. 4. Gescheidt sein ist große Kunst, Gescheidt scheinen ist großer Dunst, Gescheidt werden großes Glück, Gescheidt bleiben — Meisterstück. 5. Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? Sich recht tapfer wehren! 6. Zu Gott hinkom' die Leut', Zum Teufel laufen sie. Diese Worte sind nicht gelogen; Wer Gott betrügt, der ist betrogen. 7. Es ist nichts so fein gesponnen, Es kömmt endlich an die Sonne. 8. Heutzutage wird das Genie verspottet und der Charakter mit Füßen getreten. Doch sag lieber Leser! Wer ist besser: ein ungebildeter Biedermann, oder ein gelehrter Schuft? — 9. „Milch-Fieber" wird nicht durch Bouillon gelindert, auch nicht durch Caffee gehindert! Druck von I. F. CarthauS in Bonn.

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