Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 5 (30.1.1879)
- Date
- 1879-01-30
- Page
- [Seite 5] (sequence 5)
- Language
- German
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Beilage z« Nr. 5 des Israelitischen Boten. unsere Leitender Artikel. Klage des Dnkel Chajim über die moderne Welt. Aus dessen schriftlichem Nachlasse herausgegeben von I. Herzberg. (Fortsetzung) Wie oft hört nicht daS Kind in seiner Umgebung die höchsten Güter bekritteln, wie oft die heiligsten Ideen seines VäterglaubenS mit kaltem Witze verletzen, wodurch jegliche Liebe und heilige Scheu gegen das köstliche Erbgut der Gemeinde Jakobs im Keime erstickt wird. Verscheucht ist aus den elterlichen Räumen jene Innigkeit und wahre Herzensfreudigkeit, mit welcher man selbst seinen geringfügigsten Obliegenheit als Juden nachgekommen ist. Nicht allein die höchsten Pflichten, die uns als Genossen der Gemeinschaft Israels zu erfüllen auferlegt worden, find Vielen durch ihre Nichterfüllung in Vergessenheit gerathen, sondern auch die Quelle jener Pflichten ist Vielen ein Buch, verschlossen mit sieben Siegeln. Die kostbarsten Schriften, in reichen, gar zierlichen Einbünden, finde ich so oft in vielen Häusern vertreten, aber das heiligste Buch, das Buch der Bücher, die Bibel, für sie weiß man kein Plätzchen zu finden. 3ozu jene Ammenmärchen aus grauer Vorzeit, wie man so gerne sich ausdrückt, lesen, wozu jenem Wahngebilde des Alterthums «och Beachtung schenken. Wir sind über solche Thorheiten weit hinaus! Und so schenkt man lieber einem Buche Beachtung, das nicht belehrend und erbauend, nicht Geist erhebend und Seelen erquickend, nein, das entsittlichend, zerstörend auf Herz und Gemüth wirkt, und den Geist mit antireligiösen Ideen erfüllt. Man will von diesem köstlichen Erbgute der Gemeinde Jakobs nichts wissen, scheuet ein mahnendes, belehrendes Wort, eben weil eS in gar grellen Zügen die Thorheiten und Verkehrtheiten jener modernen, erleuchteten Welt zeigt, weil eS ihr Sinnen und Rennen nach der Erde Gelüsten, ihre Lauheit und Apathie gegen alles Heilige und Göttliche mit gar scharfen Worten geißelt, und sie zur Einkehr und zur Umkehr von ihren Albernheiten eindringlich mahnt. Dahin ist die immer wankende Liebe für diesen köstlichen Schatz des Judenthums, dahin die innige Verehrung für das hochgeschätzte Kleinod, derem Erhaltung man gerne Gut und Blut, Ehre und Freiheit geopfert. An den Ort, wo eS unter Flammen den Vätern überliefert worden, möchte man eS wieder bannen, dieweil es mit seinem strahlenden Lichte die dunklen, krummen Wege zeigt, die man wandelt, zurückschleudern an die Stelle, allwo die Väter die Ausführung des darin ausgesprochenen Willens feierlich gelobten, dieweil es Entbehrungen auferlegt und das ungestörte Haschen und Jagen nach den Erdengenüssen nicht zuläßt. Die heiligsten Gesetze, denen nachzukommen es befohlen, werden darum auch aufls Schnödeste verletzt. Wer von diesen, vom Zeitgeiste Erleuchteten, jenen, die die reine Vernunft sich erkämpft, denkt noch an Mllw; —und — ein längst überwundener Standpunkt, die sinnigen, schönen Eeremonien — etwas Absurdes! Wer denkt noch an die Begehung eines SabbathS oder Festtages? Jammer und Schmerz erfasset mich, so ich eine Verletzung jener heiligen, ausgezeichneten Tage, besonders deS SabbathS gewahre, wie sie in meiner Jugendzeit nicht hätte für möglich gehalten werden können. Da wird im Haushalte gekocht und gebraten, gebügelt und gestriegelt, kurz alles, waS nach dem Gottesgesetze an diesem Tage zu vollführen verpönt ist, wird da auSgeübt. Nichts läßt erkennen, daß dieser Tag durch eine besondere Lebensweise hervorgehoben und vor den anderen Tagen der Woche ausgezeichnet wird. Alle Hände regen sich auch an diesem Tage, und keine Ruhe, keine Rast zieht ein in jene Räume, die eine heilige beseligende Weihe an diesem Tage ganz und gar erfüllen sollte. Verstummt sind die herrlichen Loblieder, die in traulichem Familienkreise allen Lippen entquollen, erloschen ist das heilige Sabbathweihelicht, dessen Schein so mächtig wirkte auf die Stimmung der Gemüther, vergeblich suchen wir da die auf jedem Antlitze sich ausprägende Herzlichkeit, die jedem Gesichte entstrahlende Freudigkeit. Kalt ist alles, was unsren Blicken entgegentritt, der Erhebung unfähig alles, was dem Familienkreise angehört. Kummer und Sorge füllt auch an diesem Tage das Herz, wodurch eine gar gedrückte Stimmung sich deS ganzen Familienkreises bemächtigt. So ist jegliche Begeisterung für den heiligen, entstammten Glauben, für dessen erhabene Quelle und seine heiligsten Institutionen aus dem Elternhause gewichen, jene Begeisterung, die jedes jüdische Herz ganz und gar erfüllte und den Familienkreis hoch erhob über den nichtigen Erdentand, jene Begeisterung, verbunden mit einer einigen Liebe zu dem entsprossenen Stamme, die die Schule auch in den zarten Herzen ihrer Zöglinge anzufachen und unausgesetzt zu nähren bestrebt ist. Erkaltet wird diese warme Liebe durch jenen eisigen Hauch des Spötter und der Verhöhnung» der so manches Haus zestörend durchweht. Wie vermag heute noch das Kind eine Begeisterung für seinen so mächtigen Stamm in seinem jungen Herzen zu bergen, wenn eS gewahrt, daß seine Umgebung sich schämt, das Bekenntniß abzulegen, diesem edlen Stamme entsprossen zu sein, wenn dieses Bekenntniß, Jude zu sein, eine Schamröthe auf eines Jeden Antlitz hervorruft, wenn man alles weit, weit von sich zu werfen trachtet, was an den Namen „Jude" erinnert! Der Sieg der reinen Vernunft. Das ist der Titel eine- Artikels, in welchem die in New-Dork erscheinende jüd. Zeitschrift, „The Reformer" unS einer Inconsequenz zeiht indem wir in Nr. 46 des vorigen Jahrganges, nachdem wir uns über die verderblichen Einflüsse deS Fortschrittes beklagt, eine Begeisterung für daS Wort Friedrichs des Großen, daß „ein Jeder nach seinem Fayon selig werden könne", gezeigt hätten. Wohl ist von unS dieser Satz, deffen sich auch Bismarck bediente, angeführt worden, doch hätte es füglich gänzlich fortbleiben können, da er in keinerlei Beziehung zu unsere« weiteren Ausführungen an jener Stelle steht. Die Worte die für uns besondere Bedeutung hatten und auch noch haben, sie sind breit gedruckt und auf diese-fußen unsere weiteren dort gebrachten Darlegungen. Wir haben schon zu verschiedenen Malen hier näher erörtert, was wir von „dem fortschreitenden Geiste der Zeit" und seinem Einfluß auf das Leben nicht allein in religiöser, nein, auch in socialer Beziehung halten und wollen eS uns versagen, dieses Thema hier einer näheren Erörterung zu unterziehen. UnS liegt nur daran, jenem unS gemachten Vorwurf entschieden entgegen zu treten. Wenn wir des Ausdruckes Religionsfreiheit uns bedient haben, so kann nur diejenige von uns gemeint sein, mit welchem der Staat die Bekenner aller Eonfessionen beglückt und in keiner anderen Weise wollen wir diesen Ausdruck angewendet wiffen. U«S ist es durchaus nicht klar in wiefern wir einer Intoleranz uns schuldig gemacht haben. Wir sind mit aller Entschiedenheit der Fälschung und Entstellung der heiligen Ideen des Judenthums, der Aufhebung der heiligsten, wichtigsten Institutionen desselben entgegen getreten und haben unfern gerechten Unwillen ob solchen Gebahrens unverholen Ausdruck gegeben. Wenn dieses unser Vorgehen nun auf Widerspruch auf einer gewissen Seite stößt und gar Manche sich getroffen fühlen, denen die Wahrheit ein bitteres Kraut ist, so kann dieses durchaus noch nicht alS Intoleranz, bezw. als Inconsequenz betrachtet werden. Wir hängen zu sehr an dem von unfern Vätern überkommenen Satzungen, als daß wir gleichgültig dabei bleiben könnten, wenn dieselben in unserer unmittelbarer Nähe verhöhnt, entstellt, in den Staub getreten werden, wenn sogar Institutionen, die allen Eonfessionen heilig sind, dem Verfalle preisgegeben werden. Wir überlassen gerne den Erleuchteten die „reine Vernnnft", uns sind aber unsere Ueberzeugungeu, denen unsere Vorfahren alles geopfert, zu köstlich, als daß wir sie so leichten Kaufs und ohne Schwertstreich dahingebcn sollten. Wir nehmen mit einer gewissen Genugthuung den Vorwurf entgegen, der „reinen Vernunft" (!!) uns noch nicht ergeben zu haben, denn er stellt uns gewissermaßen das Zeugniß aus, daß wir noch vollends auf dem Boden deS wahren unverfälschten Judenthums stehen und sollen keinerlei Angriffe uns von dem Standpunkte, den wir von jeher eingenommen, verdrängen, auf daß wir unserem Principe getreu die Liebe für den alten, unverfälschten, väterlichen Glauben in den Herzen unserer Brüder und Schwestern immer auf's Neue beleben und rege erhalten. Wir können es durchaus nicht als einen Sieg der „reinen Vernunft" bezeichnen, wenn die Neformsucht ihre zerstörende Hand an die heiligsten, geistigen Güter legt. Waren etwa unsere glaubensstarken Vorfahren jene Geistesheroen, die unsere Bewunderung und uns Staunen noch heute wachrufen, von einem düsteres Wehre erfüllt, daß sie eine so große Liebe zu ihrem; hl. Glauben und dessen Satzungen bethätigten? Sollten \ sie so „unvernünftig" gewesen sein, eitlem Tand Gut, Habe, Ehre, Freiheit, Leben mit Freuden zu opfern? Sollten wir grade in unserm Jahrhundert erst erleuchtet worden sein, und sollte es uns aufbewahrt geblieben sein, daß uns vorzugsweise die Sonne der Aufklärung leuchten und unsere „Vernunftreinigen" sollte? Welche Verdienste hätten wir vor jenen Glaubenshelden die nur für ihren Glauben lebten voraus, wir, die wir mehr am Materiellen hängen und wahrlich, nicht mehr solcher Opfer fähig wären. Wußten nicht die Koryphäen der jüdischen Religionswissenschaft ihre von Gott ihnen verliehene Vernunft anzuwenden, wenn die Religion ihrer Väter, wie sie ihnen unverfälscht ist überliefert worden, mit Ehrfurcht und Liebe und Treue erfüllte? Haben sic hierdurch unvernünftig gehandelt? Wahrlich, wir müssen es nur beklagen, wenn man behauptet, daß der „Sieg der „reinen Vernunft" nichts anderes im Gefolge haben müsse, als die Zerstörung der heiligsten Religionsgüter, deren Bestand durch die Jahrhunderte den Bestand des Glaubens bedingte und deren fernere Erhaltung auch dessen ferneren Bestand sichern." Nicht ist es die Reinheit der Vernunft, die die Reform hervorgerufen, nein, er ist die „Verwirrung der Geister", die in ihrem Kampfe um die irdischen Güter den wahren Weg aus den Augen verloren, die es in ihrem Rennen und Jagen vergessen, den Blick nach Oben zu lenken und nach dem Leitsterne zu schauen, der ein sicherer Wegweiser in dem Labyrinthe hienieden ist, die ihrer Bequemlichkeit, hervorgerufen durch den Mangel an einem Bedürfnisse, höheren Regungen Raum zu geben, das Heiligste opfern und so Das antasten und zerstören, daS sie hindert, ihren Gelüsten zu fröhnen. Denn die reine Vernunft ist eS eben, die unS f„^., daß wir Menschen gar so wandelbar, das Gesetz des Herrn aber niemals eine Umwandlung zu erfahren haben wird, daß wir unser wandelbares Wesen von diesem unwandelbaren göttlichen Gesetze be« einflussen lassen müssen, daß wir unsere Lebensweise seinem Willen gemäß einzurichten haben und daß wir nicht zur Befriedigung unserer irdischen Bedürfnisse, die im Laufe der Zeit in immer erhöhtem Maße an uns herantreten, seinen ihm eigenthümlichen Charakter ihm rauben, und ihn in einer, vom jeweiligen „Geiste der Zeit" hingestellte Form zwängen können und dürfen. Das Gottesgesetz läßt sich nicht von unS bestimmen, nein, wir müssen uns von ihm in unserm irdischen Schaffen und Streben bestimmen lassen. Darum ist eS nicht der „Sieg der reinen Vernunft", nein, es ist die „Verwirrung der Geister", die an das heilige, ewige beständige Gottesgut ihre zerstörende, zersetzende Hand gelegt. Des „Sieges der reinen Vernunft" hatten schon Andere, die Jahrhunderte vor unS wirkteu, sich zu erfreuen; trotzdem erkühnten sie sich nicht, das Heiligste anzutasten, vielmehr hegten sie eine hohe Verehrung gegen dasselbe. Obiges diene zur Richtigstellung des vielleicht obwaltenden Jrrthums. Zeitungsnachrichten und Horrelpondenzen. Deutschland. Berlin. Es hat sich hier ein Sabbathverein für Schüler gebildet, der von den Herren Dr. I. Hildesheimer, Dr. S. Cohen, Dr. S. Meyer, I. Spier und S. Bcrgel geleitet wird. Der Zweck dieses Vereines ist: „Die religiöse Gewissensfreiheit bei Schülern der Unterrichtsanstalten des Schreibens an Sabbat und Feiertagen zu wahren und die durch das Nichtschreiben entstehenden Lücken nach Möglichkeit durch Privatunterricht zu ergänzen. Wir können diesem Streben nur unseren lebhaftesten Beifall zollen. Breslau. Das hier erscheinende Missionsblatt, „Stimmen der Wahrheit" brachte kürzlich einen Bericht über das 69. Jahr der Londoner Missionsgesellschaft. Aus demselben entnehmen wir, daß die Gesellschaft nn abgelaufenerl Jahre 136 Missionäre unterhalten hat, was ihr nicht weniger als 720,000 Mark kostete. Und was haben diese Missionäre erreicht. Sie haben in der ganzen Welt 153 Judenseelen erhascht, darunter 94 Abyssinische! demnach kostet eine jede Judensee" ungefähr 4,800 Mark. Wahrlich, ein netter Preis'