Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 18 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 276 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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276 JUNG ISRAEL Die freier des JVeujabrsfeftes in früheren Zeiten. Wie man sich zum würdigen Empfang eines bähen Gastes lange vorbereitet, so wurde anch der Monat Elnl als Vorbereitnngs- oder als Rüstmonat für das Rosch Haschono, Neujahr, betrachtet. Während des ganzen Monats wurde täglich durch laut schmetternde Schofartöne, in der letzten Woche auch noch durch Selichoth, Bußgebete, vor dem Morgengrauen angekündigt, daß der hohe gottgesandte Gast nun bald ankommen werde. Endlich ist es da, das langersehnte Fest. Heller Lichterglanz in den Synagogen und Wohnhäusern erstrahlte zu seinem Empfange. Tie erste Bitte, die an der Schwelle bei der Begrüßung an den Ankömmling gerichtet wurde, ward auch sofort erfüllt. Beim Genüsse des süßen Apfels wurde ein süßes Jahr erbeten, und wer gesund war und sich bei der Abendmahlzeit, der allerersten des neuen Jahres, den Magen nicht überladen hatte, erfreute sich auch eines süßen Schlafes. Doch kaum graute der Morgen, beeilten sich schon Mann und Weib, zeitlich in „Schul", die Synagoge, hineinznkommen. Nicht Regen, nicht Wind noch Wetter konnten am Rosch Haschono eine jüdische Seele von der Synagoge fern halten. Familien, die in den Orten als Inden vereinzelt wohnten, legten noch zur Nachtzeit einen Weg von zwei Stunden zurück, um nur mit Tagesbeginn in Schul zll sein. Tenn mit Rosch Haschono waren die Jomim Nanroim, die ehrfurchtgebietenden Tage eingetreten. Ter Volksgeist nannte jeden der Tage, Jom Haddin, Gerichtstag, an dem der Weltenrichter den Gang und Wandel seiner Erdenkinder prüft, beurteilt und verurteilt, über Lohn und Strafe, Tod und Leben beschließt. Mußte da nicht jedes Herz bange zwischen Furcht und Hoffnung schwanken. Ist es daher nicht erklärlich, daß sich jeder Sohn, jede Tochter Israels gedrängt fühlt, so früh als nur tunlich in Schul zu gehen, um durch Inbrunst und Andacht Gunst und Gnade von Gott, dem Richter, zu erflehen?