Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 18 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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274 JUNG ISRAEL Geblendet ward das Auge fast durch des Tempels Glanz, Wenn ihn die Sonne krönte mit ihrer Strahlen Kranz. — Nun ist dahingeschwunden längst jene Herrlichkeit, Es folgte Schmerz der Freude, dem Glücke folgte Leid. Wie viele Herzen trauern ob Deines Tempels Fall, Wie viele Thränen flössen! Du kennst, Herr, ihre Zahl. Beinah zweitausend Jahre, sie schwanden drüber hin, Nicht schwand sein Angedenken aus Deiner Treuen Sinn! Könnt ich die Lippen drücken an seine Trümmer fest, Die Stirn, die heisse, kühlen an seiner Mauern Rest, Mit meinen Thränen netzen das heilige Gestein, Das würde meine Freude in meinen Schmerzen sein. Wenn einst des Schofars Dröhnen zu Rosch ha-Schanah klang, Und wenn die Schaar der Priester die Segensweihe sang, Dann flammte auf zum Himmel der Opfer Feuerschein, — Heut können wir dem Höchsten des Herzens Glut nur weihn. Einst legte am Jom Kippur der Hohepriester ab Der Goldgewande Zierde, die fürstlich ihn umgab. In schlichtem, weissem Kleide, mit demutvollem Sinn, Trat mit dem Opferblute vor Gottes Thron er hin. Es stand der Priester einsam vor Gottes Majestät, Das Blut der Sühnung sprengend, von Weihrauchduft umweht; Und durch der Allmacht Wunder das Purpurband erblich, Zum Zeichen, dass vom Volke die Schuld der Sühne wich. Die grosse Zeit der Väter, sie ist nun längst vorbei, Und statt der Opfer haben wir nur der Busse Schrei. Doch der den Jizchak hörte, das Opfer, Ihm geweiht, Wird dessen Söhne hören in alle Ewigkeit!