Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 14 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620171-9626617-9622906--1693-9622916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
214 JUNG ISRAEL Braut das Roß besteigt, ihre Gewehre ab. Eine Schwester der Braut oder eine andere Verwandte mit einem brennenden Lichte in der Hand besteigt gleichfalls ein Pferd nnd folgt der Brant, deren Pferd der Bruder führt. Die übrige Jugend folgt zu Fuß und geleitet die Braut bis zum Hause des Bräutigams. Unterdes bleibt der Bräutigam noch unter dein Baldachin, während der Rabbiner mit den Gästen ein Hochzeitslied fingt. Nach Beendigung der Zeremonie geleiten der Rabbiner ltnb die Gäste den Bräutigam nach Hause. Die Gebete sollet: bei den kaukasischen B,ergjudeu dieselben sein wie bei uns. Sie verrichten: ein Morgengebet bei Sonnenaufgang, ein Abendgebet bei Sonnenuntergang, sobald die Sterne sich an: Hinnnel zeigen. Die Synagogen sind durchweg nach demselben Plan in tatarischen: Stil gebaut. Die Frauen pflegen die Synagoge nicht zu besuchen, doch stellen sich einzelne unter die Fenster der Synagoge, bis der Gottesdienst beendigt ist. Während der Rabbiner mit seinen Schülern laut vorbetet, hören die übrigen Anwesenden :ncist schweigend zu. Der Rabbiner hat sein Antlitz nach der Richtung zum heiligen Tempel in Jerusalem gewaudt. Die Schriftzeichen der kaukasischen Bergjuden sind die quadratischhebräischen. Ihre Sprache ist ein Jargon, eine Mischung aus Altpersisch, Althebräisch und den zahlreichen Dialekten der sie umgebenden Volksstännne. Tie Kenntnis des eigentlichen Hebräischen ist bei den kaukasischen Bergjuden wenig verbreitet. Selbst mit den Rabbinern konnte unser Glaubensgenosse Juda Tscherny sich nur :uit Schwierigkeit verständigen. Als Lehrer der Jugend walten, sobald sie kein Fleisch zu schächten haben, die Schächter. Sie nmchen die Knaben mit dem Inhalt der Bibel bekannt, jedoch nicht mit dein hebräischen Text, sondern mit einer farsisch-tatischen Uebersetzung. Auch lernen die Kinder diesen Jargon lesen und schreiben. Was die eigentliche Landessprache anbelangt, so wird in den Dörfern ein inuselmännischer Mulla (Geistlicher) dafür bezahlt, in den kleinen Städten ein kundiger Tatare, daß sie für die Einzelnen Briefe schreiben und Urkunden aufsetzen. Wenn man bedenkt, wie diese sonst ganz in den Sitten der kaukasischen Bergbewohner aufgegangenen Juden für den Unterricht in der Bibel sorgen, so muß man ihre Pietät für das Judentum bewundern. Auch findet man in jeder jüdischen Genreinde im Kaukasus Männer, welche die Bibel im Urtext lesen können. Wer bei den Bergjuden Schächter oder Rabbiner werden will, begibt