Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 4 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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50 JUNG ISRAEL. VON MARCEL WEISMANN. (Schluß.) Doch als er aufstehen wollte, trugen ihn die Füße nicht, und er mußte auf allen vieren kriechen wie ein Tier. Dabei war der Weg sehr schlecht, und er verwundete sehr oft in der finstern Nacht seine halbnackten Glieder an manchem Dorn-Gesträuche, an dem er vorüberkam. Nack langen, langen, mühseligen Stunden war er an die Hütte gekommen, deren Lichtstrahl er gesehen hatte. Er richtete sich mit Aufgebot allelfeiner Kräfte auf und klopfte leise ans Fensterlein. Man fragte, wer er sei, und er sagte stille: „Ich, der Königssohn." Der Bewohner der Hütte eilte rasch mit seinem kleinen Lichte hinaus und war nicht wenig erstaunt, als er statt eines Königssohnes ein erbärmliches, halb erfrorenes, mit Lumpen bekleidetes Wesen fand, das zusammengekauert und mit den Zähnen klappernd dastand. Nichtsdestoweniger hieß ihn der Bauer, der ein gutes Herz hatte, eintreten. Er ließ ihn in der Nähe des Feuers sitzen, gab ihm friscke Kleider und lud ihn zum Essen ein. Dabei erzählte der Prinz dem Bauer seine Leidensgeschichte in beredten Worten. Der Bauer, der ihn anfangs für einen Verrückten hielt, der sich einbilde, ein Königssohn zu sein, erkannte aus seinen Neben, daß er bei Sinnen sei, wenn er ihm auch nicht alles glaubte. Er wollte ihn daher auch als Knecht aufnehmen, als der Prinz darum fußfällig bat. Der Bauer erkundigte sich sodann, ob er die Landwirtschaft verstehe, ob er mit dem Pstuge umzugehen wisse. „Mit dem Pfluge umzugehen," antwortete der Prinz, „ja, ein wenig, glaube ich; allerdings habe ich noch nie geackert." Dann bist du dazu nicht fähig," entschied kurz der Bauer. „Aber hast du vielleickt ein Handwerk gelernt? Kannst du Schuhe flicken, Kleider nähen, bist du vielleicht Schmied?" „Nein," antwortete kleinlaut der Prinz, „aber ich bin gebildet, ick spreche 7 Sprachen und habe eine schöne Handschrift." „Das kann ick nicht brauchen," erwiderte verächtlich der Bauer, „mein Sohn kann fick unterschreiben, und meine Töchter haben dies nicht nötig. Ich sehe, mein Lieber, du hast nichts ordentliches gelernt; ich kann dir infolgedessen keinen Lohn geben. Aber wenn du bleiben willst, so wirst du im Stalle bei den Pferden schlafen können und auch zu essen haben, mußt aber dafür die groben Hausarbeiten verrichten, die man dir auigeben wird."