Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 1 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9620171-9626617-9622593--1390-9622613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 JUNG ISRAEL. (Zu unserer Kunstbeilage.) „Wo du hingehest, dahin gehe auch ich," tont es uns von den Lippen der Ruth aus alter, unvergessener Zeit entgegen. Wir sehen sie in ihrer bitteren Armut über das Feld gehen, Ähren zu lesen. Es ist eines reichen Mannes Feld, aus dem seine Knechte und Mägde in fröhlicher Arbeit die Ernte zusammenraffen. Ruth kann nicht mit ihnen fröhlich sein trotz ihrer Jugend. Sie muß ihnen nachgehen und sich nach den Ähren bücken, die sie liegen gelassen haben. Sie ist aus freiem Willen mit der Mutter ihres verstorbenen Galten aus der Ferne hierhergekommen, um die Not der alten Frau zu erleichtern. Es kommt ihr nicht der Gedanke, daß das Leben ihr freundlicher sein könnte. Sie fühlt nur, daß überall derselbe Himmel ist und Regen und Sonne und ein Mensch, der ihrer bedarf. Sie hatte sich nicht gefragt: „Welcher Weg würde für mich besser sein?" sondern sie hatte nur an die alte Frau gedacht, die eine Stütze wohl schwer entbehren müßte. So ging sie nun wie eine Bettlerin und war der Gefahr ausgesetzt, daß sie rohe Worte der Leute träfen. Aber keiner kränkte sie. Alle wußten, was sie getan hatte, und das schmückte sie vor ihnen. Denn was ein Mensch tut und was ein Mensch denkt, und hielte er es noch so geheim, das legt sich über sein Gesicht, das umgibt seine ganze Gestalt; das macht ihn schön oder häßlich, und jedes kundige Auge kann ihn erkennen. So kam es, daß Ruth dem Besitzer des Feldes wohl gefiel, als er sie erblickte und daß er sie ihrer Armut enthob, indem er sie zum Weibe nahm. BRESLAU. MARTA WIENER. - AUS ALLER WELT. - Adolf von Sonnenthal, der bedeutendste deutsche Schauspieler, feierte in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß wurden ihm in Wien große Ehrungen bereitet, und alle Zeitungen rühmen seine hervorragende schauspielerische Begabung und seinen Edelsinn. Vom einfachen Schneidergesellen hat er es zu seiner jetzigen Berühmtheit gebracht, er, der immer ein treuer Jude geblieben ist, der dem Judentum bei jeder Gelegenheit gebührende Würdigung migedeihen läßt. So kann man ihn öfters in der Synagoge sehen, wo er, in den Tallis gehüllt, den Segen über die Thora mit lauter Stimme spricht. Möge dem greisen Künstler ein heiterer Lebensabend beschieden sein! Vom Hebräischen. Liebe Kinder, nicht wahr, wenn ihr in der Schule hebräisch lernt, oder '.wenn ihr die hebräische Bibel aufschlagt oder das Gebetbuch oder zu Peßach die Hagada, so meint ihr gewiß, die hebräische Sprache sei eine von den sogenannten toten Sprachen, ebenso wie das Lateinische und das Altgriechische.