Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- (1905) Probeheft
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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11 JUNG ISRAEL. Dreyfus und Erzherzog Ferdinand in dem des Wolf Dreyfus Quartier nahmen. Michael Dreyfus war eine ehrwürdige Gestalt, hochgewachfen und ungeachtet seiner etlichen siebzig Jahre noch vollkommen aufrechter, gerader Haltung. Sein silberweißes Haar und fein schneeweißer, bis auf die Brust wallender Bart, feine treuen, lebhaften Augen, die rosenroten Wangen und Lippen und der freundliche Mund gaben der ganzen Erscheinung ein außergewöhnlich ehrwürdiges, imposantes Aussehen. Der Mann war auch wirklich von echt jüdischem Charakter nach altem Schlage, treu, offen und wahr. Sein Sohn Wolf, ein Vierziger, war dem Vater sehr ähnlich. Im Umgang mit den höheren Ständen Helvetiens und den adeligen Gutsbesitzern des Landes hatte er sich eine feinere Bildung angeeignet, so daß seine freie körperliche Bewegung, seine präzise, ausdrucksvolle Sprache, wie überhaupt seine ganze edle Haltung jedem Achtung einflößten. Wolf Dreyfus war daher dazumal schon der Vertrauensmann der helvetischen Regierung und von dieser zu manchem wichtigen Geschäft herangezogen. Dieser vielbeschäftigte Mann fand erst Freitag Mittag Muße, seinen Vater zu sprechen. „Ette! (Vater) wer, meinst Du wohl, logiert bei mir?" „Etwa ein hoher Offizier!" „Ja, ein sehr hoher Offizier! des Kaisers Bruder, Erzherzog Ferdinand." „Ei, so! und wer bei mir?" „Der Erzherzog Karl, Oberst-Feldmarschall. Ich habe meine Aufwartung bei ihm schon gemacht. Du mußt Deine Aufwartung auch bei Deinem Gaste machen. Zieh Dich an, um drei Uhr wollen wir hinaufgehen." „Aber ich weiß mit solch hohen Herren nicht zu sprechen." - „Je freier und ungezwungener man mit ihnen spricht, desto besser ist's. Benimm Dich nur so, wie wenn Du beim Landvogt in Baden wärst. Jetzt gehe ich nach Hause und komme dann nachmittags wieder." Zur festgesetzten Stunde war Michael festtäglich angekleidet. Haare und Bart waren fein geordnet, um den Hals ein weißer Schal mit Spitzen besetzt, eine prachtvolle weiße bordierte Atlasweste, schwarze Samthosen mit silbernen Schnallen an den Kniebändern, feine weiße Strümpfe, Schuhe mit silbernen Schnallen und zu alledem ein seiner schwarzsamtner Frack. Wirklich der ganze Mann — Wolf war zeitgemäß modern gekleidet — eine ehrwürdige, imposante Erscheinung. So stiegen Vater und Sohn,