Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 16 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Der Oreis nnd der NnaÜe. Ein armer Greis war in den Wald gegangen, um sich trockenes Holz ,;u sammeln; denn der Winter war vor der Thür Tief gebeugt schritt er jetzt unter der schwere,: Bürde nach Hanse, nnd sein ängstliches Stöhnen bei jeden: Schritte bezeugte, wie schwer es den, kraftlosen Stacken sei, so schwere Last zu tragen. Plötzlich überfiel ihn ein betäubender Schwindel: er strauchelte und sank, von der Schwere des Holzes zurückgezogen, am Wege nieder. Als seine Besinnung znrückkebrte. gewahrte er, das; seine weißen Locken mit Blut gefärbt waren, nnd die Schmerzen, die er empfand, bezeugten ihm, wie schwer er gefallen sei. Unfähig, sich von der Last zu befreien, blickte er mit ängstlicher Miene mnher, eine helfende Hand zu ent decken. — Endlich gewahrte er einen stattlichen Mann, der kam langsam des Weges daher: und als er nahe genug war, erhob der Greis alsbald seine Stimme und sprach ihn um Hülfe an. Prüfend betrachtete ihn der Reiche und warf ihn, endlich, von der Wahrheit seines traurigen Anstandes überzeugt, ein Goldstück zu; dann aber, als sei nun die gute Thal vollbracht nnd den, Alten geholfen, schritt er in stolzen, Selbstbewußtsein vorüber. Aber der Greis weinte und sprach für sich: Was soll nur das Geld, da ich nicht fähig bin, meinen schwachen Leib aufzurichtenWie wenige ver stehen, Wohlthatei, zu spenden: sie meinen das Gute sei vollbracht, wenn sie ein Scherflein ihres Reichtums den Arinen zukonunen lassen! llnd als er so klagte, siehe, da kam ein armer Knabe des Weges daher, der sang nnd trillerte und war voll fröhlichen Mutes. Da seufzte der Greis: Auch er wi:d vorübergehen ohne nur zu helfen! Ach, ,ver den Schlnerz nicht kennt, hat auch kein Ohr für freinde Klagen! Aber der Knabe kan, näher, und als er den Alten sah, blieb er mitleidig vor ihn, stehen: denn wo ein fröhlich Gemüt ist, da wohnt auch gewöhnlich ein gutes Herz, Ohne des Alten Bitte abzuwarten, befreite er ihn schnell von seiner schweren Last, trocknete ihn: das Blut voi, der Stirn nnd bedeckte die Wunde mit kühlenden Kräutern. Als er ihn so pflegte, begann er mit ftenndlicher Rede des Alten Herz zu erquicken und ihn mit milden Worten zu trösten, was dem verlassenen Greise noch wohlthuender war, als die Linderung der Wunde an, Kopse, Nachdem er ihn an Geist und Leib also gepflegt hatte, lud er sich den Holzstoß auf und geleitete den Greis hinab in das Thal, wo seine Hütte stand, Als sie aber dort angekonnnen waren, legte der Greis seine Hand auf des Knaben Haupt und sagte mit bebender Stimme: „Wahrlich, Du hast mehr an mir gethan als jener Reiche, der das Goldstück mir gegeben! Die stille That der Liebe ist das Schönste, was die Menschen zu bieten vermögen, darum laß Dir meinen Dank auch Wohlgefallen und teile mit mir das Geld!"