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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-04-01 · 4 (4.1931) · p. Seite 11

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
4 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Man mutz also den Tod in Rechnung stellen, wenn man über das Leben etwas zu sagen hat und sagen will. Ja, man mutz dem Menschen als dem einzigen Lebewesen, das durch Selbstmord sich vernichten kann, in der animalischen Welt eine Sonderposition einräumen. „Diese grauenhafte Fähigkeit zum Selbstmord" erlaubt dem Menschen, aus der natürlichen Gebundenheit an die Welt organisch-dynamischen Lebens herauszutreten und sich zu isolieren. Erst dann gewinnt er in seiner grenzenlosen Einsamkeit die Kraft, die Furcht vor dem Tode auf sich zu nehmen, erst dann wird er. dazu kommen, die Hegelsche Philosophie als Scheinlösung im Streit von Wissen und Glauben zu erkennen. Bereits Kierkegard bestritt die Hegelsche Einbeziehung der Offenbarung in das denkbare All. Schopenhauer und Nietzsche setzten an die Stelle eines Systembegriffs den Menschen selbst als Ausgangs- und Zielpunkt ihrer Weltansicht. Nietzsche war als erster der Philosoph, der wieder lebendiger Mensch wurde und als solcher auch einen lebendigen Gott sah. Gottes unendliches Sein, seine Physis kann nur bejaht werden, wenn der Mensch sich nicht selbst als ein Nichts ansetzen will. Das Ja ist also Anfang; es birgt in sich die Kräfte der Wirklichkeit. Gottes Wesen ist das unendliche Ja; seine Freiheit kommt aus der Vernemung des Nichts, ist daher selbst ein freies Nein. So birgt die Freiheit in sich die unendliche Macht, die in das Kraftfeld des göttlichen Wesens eintritt. Dieses Uebergehen bewirkt eine Wandlung, und es entsteht unendliche Bewegung, das bloße Ja und das bloße Nein verschwindet: Gott wird lebendige Unendlichkeit, der Einklang von Freiheit und Macht formt sich zum Gesetz des Lebens. In dieser Einheit des Lebens stehen die Götter, wie sie im mythologischen Weltbild des Altertums erscheinen, während die unmythischen Gottheiten Asiens die Freiheit nicht kennen, aus dem unfreien Nein kommen und zum Nichts führen. Im Nirwana und Tao gibt es kein Kraftfeld des Lebens, nicht einmal des gottfeindlichen. So reihen sich die Gottesvorstellungen und mit ihnen die Weltanschauungen im Geiste des Erkennenden sichtbar zur Folge. Gott, die Welt, der Mensch werden zu den Grundpfeilern eines großartigen Fundamentes, das die Erbschaft der Antike, des Heidentums, als Theogonie, Psychogonie, Kosmogonie übernimmt. Gott und sein Sein (Metaphysik), die Welt und ihr Sinn (Metalogik), der Mensch und sein Selbst (Metaethik) sind die Elemente des reinen Tatsächlichen, das sich in den Ursprung der wirklichen Bewegung verwandelt. Die Bahn kann nun gezeichnet werden: Sie führt vom Glauben an das Wunder zur Gewißheit über die Schöpfung als dem immerwährenden Grund der Dinge, wobei sich gleichzeitig das in der Erzeugung basierende idealistische Weltbild als unfähig entpuppt, die Gegenständlichkeit der Welt zu sichern. Weitere Wegstrecken sind die Offenbarung und als ihr Inhalt die Erlösung. Die Offenbarung garantiert der Welt die Erlösung, das Eingehen in die Ewigkeit. In mathematischer Anschaulichkeit stellen die drei Elemente Gott, Welt, Mensch sich als Dreieck dar, das von dem Dreieck, aus den Bahnstrecken Schöpfung, Offenbarung, Erlösung gebildet, überschnitten wird. Es entsteht das Symbol des Sterns. Von der Schöpfung her ist das Leben dem Tode als seinem Vollender verfallen, aber im ewigen Lobgesang der Erlösung wird das Leben unsterblich. Die Loslösung, die Beziehungslosigkeit gibt die Gewähr für ein ewiges Bestehen. Das Schicksal des jüdischen Volkes darf als hervorragendes Beispiel dienen. Der jüdische Mensch ist getrennt von allem, worin die Völker der Welt ihr Leben verankern; er ist wurzellos und doch tieser verwurzelt als irgend ein anderer; nämlich in seinem eigenen Leib und Blut. Während der christliche Mensch uranfänglich Heide ist und erst durch Selbstentäußerung Christ wird, wird der jüdische Mensch nur Jude, indem er sich auf sein Selbst besinnt und zu ihm zurückkehrt. Wie der jüdische Mensch formt auch die jüdische Welt und der jüdische Gott sich zu den Elementen lebendigsten Lebens, das aus der Verwurzelung ins tiefste Selbst hervordringt und in sich das Geheimnis der Ewigkeit des Wegs birgt. Der ewige Weg führt aber zur ewigen Wahrheit. Ihn geht das Judentum, indem es nach innen glüht, während das Heidentum die Elemente Gott, Welt, Mensch beziehungslos in sich trägt und das Christentum in seiner Entselbstung sich weiter vom göttlichen Kern der Wahrheit verflüchtigt. Bleibt der Jude im einfältigen, gegenwärtigen Vertrauen auf seinen Gott, wird er der ewigen Wahrheit teilhaftig. Die Wahrheit aber wird zur Erlösung, das Tor öffnet sich: Der Stern der Erlösung ist der Stern des Lebens. Diesen monumentalen Bau einer Weltansicht errichtete Franz Rosenzweig. In einfach-erhabener Gliederung rundet sich seine jüdische Weltschau zu einer symphonischen Triologie. Wir durchschritten hier den Bogen des Rosenzweigschen Systems, der sich vom Tode zum Leben hinüberwölbt und mit großartiger Sicherheit der kritischen Einsicht Kulturen, Philosophien und Religionen aller Zeiten und Räume in sich faßt. Klare Diktion und mystische Geladenheit der Sprache treten zu reizvoller Wirkung zusammen. Dr. Rens Hartogs. Carl Gebhardt, Das Lied der Lieder. Philoverlag Berlin. 1931. 79 Seiten. Gebhardt, der bekannte Frankfurter Spinozist, gibt eine Urbertragung und Kommentierung des „Liedes der Lieder". In einer ausführlichen Einleitung bringt Gebhardt zufammenfassende Bemerkungen über die Verfasserschaft, die Ueberlieferung, die Deutung, die literarische Stellung, den Aufbau des Gedichtes. Die mm

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