Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 12 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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kaum wenrger getan als die französische Revolution für die Frankreichs. Er hatte sie durch seine persönliche Geistesmacht aus einer unwürdigen äußeren und inneren Lage befreit und dem jüdischen Geist die Tore der deutschen Bildung geöffnet. Damit hatte er zugleich das Doppelschicksal des deutschen Judentums besiegelt. Ihm selbst gelang für seine Person noch die Versöhnung von deutscheiu und jüdischem Geist; er blieb orthodoxer Jude; freilich keineswegs mehr im alten streng ausschließlichen Geist, sondern im Sinne der erwählten Hochhaltung des einen ererbten der drei gleichwertigen Ringe. Obwohl er noch ganz an den alten Gebrauchen festhielt, und seine Kinder im jüdischen Glauben erzog, war doch schon das Judentum Mendelssohns im Grunde eine reine Vernunftreligion, in der die verpflichtende geschichtliche Basis sich aufgelöst hatte. Der nahe Freund Lessings, das Urbild seines Nathan, der Mann, der aus Liebe zur deutschen Sprache sein Leben in Gefahr brachte, indem er Friedrich den Großen öffentlich wegen seines Gebrauchs der französischen Sprache tadelte, war gewiß mehr Deutscher als Jude. Seine Weisheit war nicht die dunkel glühende des alten Testaments, noch die ganz im Gesetz wurzelnde Geistigkeit des Talmuds — sie war vielmehr die farblos durchsichtige, für alles Menschliche durchscheinende Weisheit, wie sie in solcher Reinheit einzig aus der Vermischung des jüdischen mit dem abendländischen Rationalismus in verschiedenen Formen entsprungen ist. Und so war der dennoch sieghafte, in ihnen allen wieder aufschlagende religiöse Funke, den Moses Mendelssohn seinen Kindern weitergab, nicht so sehr Judentum als vielmehr eine in der Flut jüdischer Religiosität und deutschen Geistes klar gewaschene Menschlichkeit, die die durchdringende Kraft und Verpflichtung zum Gebrauch der persönlichen Vernunft und den lebendigen Anschluß an das Bildungsleben der Zeit in sich schloß." Weißmann. „Die Judenfrage". Süddeutsche Monatshefte; 12. Heft. Sept. 1930. München. Eine ganz eigenartige Sammlung von Aufsätzen, über das brennende Problem unserer Tage, die Judenfrage! Neben ausgezeichneten Aufsätzenvon Jsmar Elbogen über „Wanderungen der Juden", Leo Baeck über „Die jüdische Religion in der Gegenwart", neben Darstellungen über den Zionismus und über den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, stehen friedlich nebeneinander, aber ohne jeden Zusammenhang Aeußerungen, wie tue des als völkischen Agitator bekannten Grafen Reventlow über „Deutsche — Juden" und des oft wegen Beleidigung der jüdischen Religion angeklagten und verurteilten Theodor Fritsch über „Zur Geschichte der antisemitischen Bewegung". Da hören wir aus dem Munde des Grafen Reventlow, daß „Selbstbewußtsein und Anspruch des Juden mit seiner Macht in Deutschland und in der ganzen Welt zur Unerträglichkeit gestiegen" sind oder „ein Teil eines jüdischen Gesamtvolkes lebt innerhalb des deutschen Volkes, bildet mithin für den, welcher das Volk als Zeinen lebendigen Organismus sieht, einen Fremdkörper in diesem." „In Deutschland gibt es nichts vom pazifistischen Internationalismus bis zum Film und Schmutz, was nicht von Juden benutzt und beherrscht und psychologisch berechnet angewendet würde, um das, was wir Deutschtum nennen, zu zersetzen, zu vernichten und zu verfälschen. Es gibt nur eine einzige Antwort: Trennung um jeden Preis." Daß Theodor Fritsch in ähnlichen Gedankengängen sich bewegt, ist ohne weiteres klar. Und Ernst Jünger, ebenfalls ein völkischer Schriftsteller, meint: „Die wirksamste Waffe gegen ihn (den Juden), der der Meister aller Masken ist: ihn zu sehen.. „Im gleichen Maße jedoch, in dem der deutsche Wille an Schärfe, und Gestalt gewinnt, wird für den Juden auch der leiseste Wahn, in Deutschland Deutscher sein zu können, unvollziehbarer werden und er wird sich vor seiner letzten Alternative sehen, die lautet: In Deutschland entweder Jude zu sein oder nicht zu sein." Schon diese einfache Gegenüberstellung zeigt, daß Männern gegenüber, die, wie wir wissen, nicht belehrt sein wollen, auch der beste und feinste Aufsatz eines jüdischen Gelehrten wertlos ist, noch dazu, wenn es sich wie hier nicht um eine Auseinandersetzung mit antisemitischen Gedankengängen handelt, sondern nur um Beiträge, die ein jeder unabhängig von dem anderen über ein von ihm selbst gestelltes Thema zu bieten hat. Daran ändern auch die guten und gedankenreichen Ausführungen von Monsignore Carl Maria Kaufmann und des bekannten Breslauer freisinnigen Pfarrers Moering über „Katholizismus im Judentum" bzw. über „Evangelische Kirche und Völkische Bewegung" nichts. Interessant ist noch Joseph Hofmillers Aufsatz über „Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst", der von dem auch in diesem Blatt besprochenen und äußerst wertvollen und gleichnamigen Büchlein von S. Müller ausgeht, sowie die Artikel „Faschismus und Judentum" und „Die Juden im Sowjetstaat". Sicherlich ist die Absicht der Schriftleitung der Süddeutschen Monatshefte, die schon im Jahre 1916 ein Sonderheft „Ostjuden" herausgebracht hat, begrüßenswert und anzuerkennen, Juden und Antisemiten einmal zusammen über die Judenfrage schreiben zu lassen, aber es will scheinen, daß der Versuch im vorliegenden Falle nicht geglückt ist, weil das Ganze eben nur ein „Sammelsurium" darstellt ohne jeden, inneren Zusammenhang. Trotzdem sei das Heft zur Lektüre empfohlen. Tr. Paul Lazarus, Wiesbaden. Ravage, M. E. Glanz und Niedergang des Hauses Rothschild. Avalun-Verlag, Hellerau. Schade, daß der Verfasser seine Quellen nicht angegeben hat. Man möchte wissen, woher ihm diese Art der Wertung kommt, die einen so gründlichen, sachlichen und kritischen Eindruck macht, die alle bengalische Beleuchtung ausschaltet; die aber doch, wenn im gewöhnlichen Tageslicht das Ganze sich einmal günstig präsentieren will, diesen günstigen Eindruck mit einer beinahe ironisierenden Zurückhaltung registriert. Weißmann. Der „Heinebund", diese Gemeinschaft, die sich die Herausgabe guter jüdischer Bücher zur Aufgabe gemacht hat und seit einigen Jahren an der Verwirklichung dieser Aufgabe gewissenhaft arbeitet und dafür eigentlich noch viel mehr Förderung von Seiten des jüdischen Lesepublikums verdiente, hat soeben zwei neue Bücher herausgebracht: „Juden in der deutschen Wirtschaft" und „Denkwürdigkeiten des Aron Jsak". Wir lassen die Anzeigen über diese beiden Bücher hier folgen und können unseren Lesern nur raten, auch die übrigen Veröffentlichungen des Heinebundes zu lesen und nach Möglichkeit zu erwerben. Juden in der deutschen Wirtschaft von Kurt Zielenziger. 288 S. Großoktav. Acht Bildnisse aus Tafeln. Echtes Alfapapier. In Ganzleinen gebunden. — Der Heine-Bund, eine jüdische Buchgemeinde, Berlin W 57, Pallasstraße 10/11 (Mitgliedsbeitrag jährlich RM. 12.—, wofür die Mitglieder 3 Bände jährlich nach freier Wahl erhalten; Interessenten erhalten kostenlos ausführliche Prospekte). Eine Parallelausgabe des Buches für Nichtmitglieder ist im Welt-Verlag-Berlin erschienen und durch jede Buchhandlung zu beziehen. Preis RM. 7.— in gleicher Ausstattung wie oben. Aus dem Handel und dem Geldgeschäft hervorgegangen — haben sich die Juden innerlich der deutschen Volkswirtschaft zur Zeit von deren höchster Entfaltung nur als Händler und Bankleute betätigt? Haben sie nicht an dem großartigen Aufschwung der Industrie teilgenommen? Waren sie nur Mittler, Zwischenglieder oder haben sie Leistungen von schöpferischer Kraft vollbracht, von phantasievollem Erfassen neuer Aufgaben, vom Ahnen „kommender Dinge"? Des Verfassers Antwort ist eine indirekte Er behandelt eine Reihe von typischen Wirtschaftsführern jüdischen Geblüts: die alten Bankfamilien: die Bleichröders, Mendelssohns u. a., die Leiter der modernen Bankkonzerne: Wassermann, Goldschmidt u. a., die Warenhausdynastien der Tietz, den Kupfer-Hirsch, den Flinten-Loewe, den Stickstoff-Caro, den Tiefbau-Berger, den größten aller Reeder Ballin, den Schöpfer der AEG Emil Rathenau, und andere Größen. Man sieht, was sie geleistet, aber nicht minder die Voraussetzungen des Aufstiegs: Begabung, Bildung, Familie, das Milieu, die gesamten Zeitverhältnisse. Im Verein mit der Einleitung „Vom Ghettohändler zum Wirtschaftsführer" und dem „Ausblick" am Schluß ergeben diese Porträts im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft von 1800 bis 1930 ein Bild von den Sozial- und Wirtschafts- MAINZER WERKSTÄTTEN FÜR HANDWERKSKUNST F5 SCHNORRENBERGER © MÖBELFABRIK ® EMMERICH-JOSEFSTR. 13 MAINZ FERNSPRECHER Nr- 478 Geschäftsprinzip - Lieferung von NUR Qualitätsware zu niederst gestellten Preisen 11