Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 12 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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ifi das Anschwellen der antisemitischen Bewegung. Das Judentum ist der Friede. Das Aufslammen der Gewalttriebe ist unvereinbar mit dem Frieden; die Anti-Friedens-Bewegung wird naturgemäß zur antijüdischen. Nur durch Förderung der Strömungen, die den inneren und äußeren Frieden anstreben, können wir sie überwinden. Unter der Einwirkung dieser Momente haben wir uns zu einer „Jungjüdischen Friedensgemeinschaft" zusammengeschlossen. Bruder und Schwestern! Euch Allen rufen wir zu: Schließt Euch uns an! Was wir gemeinsam mit Euch erreichen wolleii, laßt sich im Nahmen der vorhandenen Jugendbünde und Studentenkorporatwnen nicht durchführen. Unsere Arbeit ist so umfassend und so lebenswichtig, daß sie einer eigenen Organisatioii bedarf. Eine jungjüdische Friedenshewegung muß entstehen. Jeder junge jüdische Mensch, der offene Augen hat für unsere Zeit, wo immer er auch stehen mag, wird sich in diese Bewegung einreihen, ähnlich wie er auch einer sozialen Partei oder einer Sportvereinigung angehört, obwohl er bündlich organisiert ist. In diesem Sinne rufen wir jeden Einzelnen auf. Bildet überall Stützpunkte der Jungjüdischen Friedensgemeinschast! Setzt-Euch ohne Verzug mit uns in Verbindung, damit die Früchte unserer Arbeit baldigst reifen, i. A. Dr. Joachim Schendel, Kurt Jacobowitz, Dr. Manfred Swarsenskh, Hansi Borchardt, Heinz Kalwelt, Erwin Lewin, Erwin Scheftelowitz, Herbert Selig, Robert Zion. Adresse für Zuschriften: Geschäftsstelle der „Jungjüdischen Friedensgemeinschast" Berlin SO 16, Michaelkirchstraße 12 (Kurt Jacobowitz). Bücherschau. Mit Rücksicht darauf, daß jetzt in der Winterszeit die Menschen, junge und alte, mehr an das Haus gefesselt sind und infolgedessen auch reichlicher Zeit finden für die Lektüre eines guten Buches, bringen wir in dieser Nummer eine umfangreiche Bücherschau. Wir empfehlen unseren Lesern, auch die Besprechungen und Hinweise in den früheren Nummern zu Rate zu ziehen, wenn sie Auskunft über Inhalt und Wert eines Buches suchen. Die Schriftleitung. Roth, Joseph Hiob. Die Geschichte eines einfachen Mannes. Berlin, 1930. Gustav Kiepenheuer. Um es von vornherein zu bekennen: Was hier mit den schlichtesten Farben hingezeichnet ist, erschüttert bis zur Wehrlosigkeit. Ein einfältig Frommer, dient dieser Mendel Singer seinem Gott, nimmt die Enge und die Mühsal des Lebens, von Ihm geschickt, hin als seinen Teil. Niemals in einer vorüber huschenden Empfindung nur ein Hauch von Ungeduld; auch das kranke jüngste Kind — Gottes Wille, dem man sich beugt, ohne zu fragen. Weil er so still ist, hört man viel mehr die Frau. Aber in ihm ist das tiefere Leben. Als der Sohn aus Amerika ihnen Schiffskarten schickt, fahren sie hinüber, denn Mirjam, die Tochter, „geht mit einem Kosaken". Was soll daraus werden? Muß man nicht hinüber? auch wenn Menuchim, das kranke Kind, Zurückbleiben muß? denn nie würde man ihn hinein lassen ins „Land der Freiheit." Was diese Trennung bedeutet, zeigt sich nach außen in den Verzweislungsausbrüchen der Mutter. Mendel Singer ist still; aber der Jammer hört nicht auf, an ihm zu nagen. Wenn es sich auch gut anläßt im fremden Land: der Sohn und die Schwiegertochter nehmen ihnen die Sorge ums Brot ab; Deborah, Mendels Frau, x)t schon in der Untergrundbahn gefahren und im Kino gewesen, sie hat ein seidenes Kleid und eine goldene Kette — wenn Mendel sie so sieht, mutz er an die Lustweiber denken, von denen die Psalmisten reden. Und Mirjam ist bei dem Bruder im Geschäft, das schönste „girl" sagt Sam. Aber er selbst — „Was gehen mich", fragt Mendel Singer, „was gehen mich diese Leute an? Ist das noch meine Familie? Bin ich noch Mendel Singer? Wo ist mein Sohn Menuchim?" Es war ihm, als wäre er aus sich selbst herausgestoßen worden, von sich sebst getrennt, würde er fortan leben müssen. Es war ihm, als hätte er sich selbst in Zuchnow zuruckgelassen, in der Nähe Menuchims. Und während es um seine Lippen lächelte, und während es seinen Kopf schüttelte, begann sein Herz langsam zu vereisen, es pochte wie ein metallener Schlägel gegen hartes Glas. Schon war er einsam, Mendel Singer, schon war er in Amerika ..." Ach nein, er ist nicht in Amerika. Er ist bei Menuchim, seinem Jüngsten, und bei Jonas, seinem Aeltesten, der im Heer des Zaren dient. Ob nicht einmal Nachricht von ihnen kommen wird? keinen Tag verläßt ihn diese flehende Erwartung, und als ob seine demütige Frömmigkeit ihn herbeizöge: eines Tages ist der Brief aus dem Heimatstädtchen da, und sie erfahren, daß Menuchim in Petersburg ist bei großen Aerzten, daß er laufen und sprechen kann und daß er ganz gesund werden wird. Und Jonas lebt, es geht ihm gut, er dient dem Zaren gern, er liebt die Pferde, und vielleicht werden sie sich einmal Wiedersehen. Aber dann bricht der Weltkrieg aus, und sogar Amerika schickt seine Leute ins Feld. Auch Mendels Sohn Sam meldet sich freiwillig, denn „Amerika ist eine Heimat, dafür muß man känipsen". Ja, er zieht fort — kommt nicht zurück. Nur seine Uhr legt man vor Vater und Mutter hin. Deborah stirbt daran. Und Mendel sitzt nun und hält die Trauertage, für wen? für Sam? — für Deborah? — er weiß es nicht — er denkt nicht mehr — es wird finster in ihm. Und als Mirjam wahnsinnig wird — eine häufige Erscheinung in diesen Kriegsjahren, sagen die Aerzte — da ist die Nacht für ihn undurchdringlich. Er kann Gott nicht mehr finden. So weit wird er von ihm abgetrieben, daß er schon kein Verlangen mehr nach Gott hat. Er, Mendel, lebt ja nicht mehr. Er fegt nur die Läden für die anderen Juden, er besorgt Botengänge, er wiegt fremde Kinder — und immer muß er an Menuchim denken. Das ist das Letzte, was ihm bleibt: verlassen, geschlagen, ein einsamer Bettler mit Groll im Herzen gegen Gott, hegt er dieses Kind in sich, und wie der Ruf nach ihm in seinem verwüsteten Herzen tönt und tönt, weckt er den Widerhall: er findet das Kind — wie hatte doch der Rabbi verheißen: „Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark." So, genau so, findet Mendel Singer sein Kind wieder, und bei ihm ruht er aus „von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder." Vielleicht ist es unwahrscheinlich, daß Mendel den Sohn, als er vor ihm steht, nicht sofort erkennt. Vielleicht. Aber was will das bedeuten. Unter dem Eindruck der schlichten Innigkeit, mit der die jüdische Atmosphäre wiedergegeben ist, fällt es überhaupt schwer, irgend ein „Wenn", irgend ein „Aber" aufzuzeigen. Daß Joseph Roth ein so tief jüdisches Buch in deutscher Sprache schreiben konnte, ist eine ganz unerhörte Erscheinung. Nicht zu reden von der außerordentlichen Einfachheit und Plastik der Darstellung, die rein künstlerisch ergreift, darüber hinaus offenbart sich in dem Werk eine Verschmelzung jüdischer und deutscher Wesenheit, so, daß die eine von der anderen getragen und erhöht wird — ein Phänomen von allergrößter Seltenheit. Weißmann. Susman, Margarete. Frauen der Romantik. Jena. 1930. Diederichs. Frauen der Romantik — wie viel ist über euch schon geschrieben worden! Und immer wieder ist man erfreut, von euch zu hören, die ihr den Mut hattet zum eigenen Leben. Auch Margarete Susman läßt sie wieder vor uns erstehen: Caroline, Dorothea, Rahel, Bettina und die Günderode, und wenn sie mit klarem Blick und feinstem, behutsamstem Takt ihr Wesen deutet aus den Quellen, die sie genährt und aus den Kreisen, die sie getragen, spürt man den Rhythmus der ganzen Zeit und diese einzelnen in ihrer Besonderheit als wesentlichsten Ausdruck uns entrückter Möglichkeiten. In einem eigenen Kapitel spricht Margarete Susman von der Weltanschauung der Romantik, und es offenbart sich diese Erscheinung in der Hingerissenheit ihrer Darstellung als das große Einmalige. Als Probe ihrer tiefen Deuterfähigkeit und Gestaltungskraft sei vor allem darauf hingewiesen, wie sie Moses Mendelssohn und das Phänomen seines Einflusses erklärt: „Moses Mendelssohn hatte als einziger Mensch für die deutschen Juden UND SODEN BELAGE Adam Kadel, Darmstadt Pallaswiesenstrasse 45/47 Fernruf 3063 Baumaterialien Wandu. Bodenplattenbeläge 9