Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 11 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau. Söerfcl, Franz. Verdi, der Roman der Oper. Berlin-Wien. Paul Zsolnay. 2,85 RM. Der Verlag Paul Zsolnay bringt eine ungekürzte Volksausgabe von Franz Werfels Verdi-Roman heraus und schafft damit viel werteren Kreften als bisher die Möglichkeit, d:e tragische Größe dieses Künstlerlebens, so wie Werfel sie erkannt und gestaltet hat, nachzuerleben. Wenn Werfel Verdi und Wagner gegeneinander stellt, so bedeutet das den immer wieder notwendigen Verzicht der älteren Generation, ihr Stillewerden und Zurückweichen angesichts der Aufsteigenden, die unbekümmert nun den Platz für sich verlangen; die- Gehör fordern für ihre Botschaft, auch wenn die früheren Propheten dadurch möglicherweise vorzeitig zum Schweigen gezwungen werden. Deutlich spürbar, wie ungeheuer schwer Verdi dieses Zurücktreten von sich erzwingt; wie er kämpfen mutz, um sich selbst, damit sein Menschliches kerne Trübung erfahre dadurch, daß er sich selbst untreu wird. Derrn ums Treusein geht es ihm vor allem/ ihm, der nicht fertig werden kann „mit der wahnsinnsträchtigen Erkenntnis, daß unser Sein kein seliger Stand ist, sondern ein grauenvolles Entfernen vom geliebten Andern, vom geliebten Selbst, daß wir allabendlich nicht nur alle Gefahren begraben, sondern unser eigenes abgeschiedenes Ich, daß jeder Atemzug auf Erden eine gräßliche Untreue ist." Doch er wird an: Ende damit fertig. Der Sieg seines Lebens, hart und bitter erkauft, zeigt ihn auf sich selbst zurückgezogen, und „welche Zeit die große Uhr auch schlug, immer blieb er der Mann seiner Zeit, niemals ein Mann von gestern, niemals ein Mann von morgen, stets der Mann von heute, und als solcher frei und einsam aus dem Gipfel des Tages. Weißmann. Sensinoff, Vladimir. Die Tragödie der verwahrlosten Kinder Rußland. Leipzig-Zürich. 1930. Orell Füßli. Von antisowjetistischem Standpunkt her gibt der Verfasser einen kritischen Ueberblick über das Erziehungswesen in USSR., soweit es die verwahrlosten Kinder umfaßt. Er benutzt offizielles Material: Zeitungsberichte, Statistiken und. Aeußerungen von führenden Sowjetleuten, und seine Resultate sind sehr bitter. Er weist nach, daß unter dem zaristischen Regime der Etat für Erziehungswesen bedeutend höher war als er jetzt ist, obgleich nach der Verwilderung der Kriegsjahre, der Bürgerkriegsuiid der Hungerjahre die Kiiiderfürsorge viel umfassender sein, viel tiefer greifen müßte. Davon, das gibt er zu, sind die leitenden Stellen auch überzeugt; er überiiimmt von ihnen die Feststelluiig, daß Rußland nicht wie früher 7 Millioiien, sondern 20 Millionen Analphabeten hat, und daß die Verwahrlostenschulen mit 370 Proz. belegt sind. Das Bild, wie Sensinoff es entwirft, zeigt ausschließlich finstere Farbeii. Er sieht Wohl keine anderen. Was er sagt, begründet er auch; aber es gibt neben den Berichten, die er anführt, noch andere, die auch eineii durchaus aufrichtig gewillten Eindruck machen, und bei denen Licht und Schatten wesentlich anders verteilt sind; z. B. bei Lydia Seysullina, die er selbst mehrfach erwähnt, und die anzuhören, schon lohnt. Weißmann. Jellinek, Oskar: Das ganze Dorf war in Aufruhr. Novelle:!. Berlin-Wien-Leipzig. 1930. Zsolnay. Die Anfangsworte der ersten Novelle sind als geureinsarner Titel über den ganzen Novellenband gesetzt, und das :st symptomatisch für Jellineks Werk überhaupt: ein scheinbar Aeußerliches, wie zufällig herausgehoben und hingestellt, zeigt sich als wesentlich, oftmals als Grundmelodie, die immer wieder durchklingt, als Charakteristikuui, ans dem Wirrnisse und Lösungen sich erklären. Das Dorf, das ist der fruchttragende Boden, Schöpfer und Diener des Menschen, den es im Atmen und Schaffen festhält — das Dorf mit feinen weiten Aeckern, das ist die Quelle, die über alles Leben ringsum seine geheimnisvollen Kräfte verströmt. Wer außerhalb dieses Kräftenetzes steht, der kann sich stemmen soviel er will: am Ende wird er niedergezwungen und zerstampft, wenn es ihm nicht doch noch gelingt, irgendwie hineinzuschlüpfen in den elementaren Stromkreis. Das ganze Dorf, das ist der Boden mit allem, was erträgt, an Menschengewächs und anderen: Gewächs, eine Macht, derma:: bis zur Empfindungslosigkeit verhaftet ist, und die :nan u:n so rnehr spürt, je weniger natürlich die Verbindung ist. Aus der geringeren oder größeren Natürlichkeit des Verbundenseins entstehen alle Konflikte. Denn es ist nicht so, daß sie eines ihrer Geschöpfe losläßt; das geschieht nie. Sie lockert zuweilen die Verbindung bis der Entspannte die Lockerung als Entwurzelung empfindet, und wenn er sich dann i:n Gefühl der Heimatlosigkeit ihr eutgegenwirft, dann nimmt sie ihn auf oder verstößt ihn; auf Gnade oder Ungnade ist er ihr ausgeliefert. In diesen Novellen wirkt eine elementar-naive Mystik, -die das Unfaßbare als notwendig und folgerichtig erscheinen läßt; und ein strenges, künstlerisches Verantwortungsgefühl umgreift Spannungen, Lösungen und Verknüpfungen in meisterhafter Sicherheit. Weißmann. Jüdische Kunst. Das Kunstauktionshaus Hugo Helbing, München, Wagmüllerstraße 15, bringt Mjitte November d. I. eine Sammlung alter Kunstgegenstände für das jüdische Ritual zur Versteigerung, wohl eine der reichsten und interessantesten, d:e seit langen: geschlossen auf den Markt gekommen ist. Die Sammlung ze:gt verschiedene ganz hervorragende Einzelstiicke, darunter einen Aron Hakodesch von besonders reicher Ausführung, in SUber und Vergoldung, ca. 1800 Porzellane und Fayencen mithebräischen Inschriften, Gläser usw. Seltenheiten von allererstem Range. Dazu kommen verschiedene Exemplare von Thoraschmuck mit Weiser:: und Kronen, Estherrollen und Bucheinbände, ferner Bücher, Gürtel für den Verföhnungstag. Eine sehr hübsche Reihe bilden die Bessomim-Büchsen, Chanukkah-Leuchter, Kapseln und silberner Buchschmuck. Die ganze Sammlung, ca. 120 Nummern, wird in einem von fachmännischer Seite bearbeiteten Katalog behandelt, der, :nit Abbildungen versehen, ein Spezialwerk darstellt, welches für jede am jüdischen Kultus historisch interessante Bibliothek, Gemeinde oder Einzelpersönlichkeit von größtem Interesse und von bleibenden: Wert sein dürfte. Bestellungen für diesen Katalog werden bereits jetzt von der Firma Hugo Helbing entgegengenommen, die auch bereitwilligst alle weiteren Auskünfte erteilt. Warnung. Ein „Bund zum Schutze des Judentums" mit dem Sitz in Mühlheim a. M., vertreten durch feine Vorstandsmitglieder Peter K e m m e r e r jr. und D. Krau ß, beide in Mühlheim a. M., versucht in den letzten Wochen durch Flugblätter und persönliche Besuche Anhänger und Mittel zu sammeln, um „eine großzügige Aufklärungskompagne über ganz Deutschland einzuleiten und den: hetzerischen Treiben gewisser Kreise" entgegenzutreten. Die Vorstandsmitglieder Kemmerer und Krauß berufen sich bei ihrer Werbung auf die Herren Gemeinderabbiner Dr. Hoffman::, Dr. Max Mainze r und Dr. Martin M a r x in Frankfurt a. M., ohne hierzu ermächtigt zu fein. Im Gegenteil Herr Gemeinderabbiner Dr. Hoffman:: hat die Werber an den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" verwiesen, dessen Ortsgruppe Frankfurt a. M trotz aller Versuche bis heute keine befriedigende Erklärung über die Tätigkeit des „Bundes znm Schutze des Judentums" und die Verwendung der gesammelten Gelder erhalten konnte. Auch der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", der sich durch seinen Frankfurter Vorstand an den Bund gewandt hat, ist ohne jede Erklärung geblieben. Die Unterstützung des „Bundes zum Schutze des Judenturns" kann daher von unserer Seite nicht empfohlen werden. Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Ortsgruppe Frankfurt a. M. Personalnotizen. Verlobte: Berlin — D a r m stadt : Frl. Hertha Jacobsohn mit Herrn Hans Oppenheimer. N y o n — M ainz : Frl. Rinctte Bonnin mit Herrn Walter Heßlein. B e r g z a b e r n — H echts h e i m : Frl. Martha Trantmann init Herrn Willy Kapp. Griesheim — Sprendlingen : Fräulein Minna Mayer :::it Herrn Leopold Haas. Vermählte: Darmstadt: Ernst Oppenheimer mit Gertrud Oppenheimer, geb. Lebach. O b e r i n g e I h e i in : Ernst Mayer mit Lina Mayer, geb. Brandt. S t e i n - B o ck e n h e i in — N entersha u s e n : Hugo Bock- :::ann :nit Jda Bockmann, geb. Katz. Main z—B erlin-Charlottenburg : Dr. Robert Schäfer mit Fritzi Schäfer, geb. Neumann. Gestorben: Dar ::: st adt : 9. 9. 30 Heinrich Levy, 69 Jahre alt. 10. 9. 30 Frau I. Guthmann, 88 Jahre alt. 14. 9. 30 Frau M. Hoffman::. Mainz: 11. 10. 30 Frl. Rosa Krieger. 17. 10. 30 Frau Franziska Koch, 51 Jahre alt. G r i e s h e i::: : 18. 10. 30 Dr. med. I. Heilbronn, 63 I. alt. 20. 10. 30 Leopold Salomo::, 75 Jahre alt. Grebenau: 11. 10. 30 Josef Kahn, 58 Jahre alt. 15