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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-11-01 · 11 (11.1930) · p. Seite 11

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
11 (11.1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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über bic Lage und Art der Juden, unb es begaiui sich heruiuzu- Iprechen, bas; auch bie Juben nicht nur anatomisch, sonbern auch moralisch zur Menschheit gehörten. - ml1 unb menschlichen Bebeutung ber Persönlichkeit Menbelssohns würbe ber weithin sichtbare Beweis hierfür erbracht. In einem wesentlichen Teil seines bewußten Lebenswerkes suchte Menbelssohu bie entsprechenden sozialen Folgerungen sür seine Glaubensgenossen herbeizuführen. In ber Frage bes Leibzolles bot ihm eine sächsische Reise im Zahre 1776^hierzu Gelegenheit. Als er, bessen Besuch von hochgestellten Persönlichkeiteii als besonbere Ehre empsuiiben würbe, in Dresden wie jeder silbische Reisenbe Leibzoll entrichten mußte, versäumte er ilicht, dies. in vornehiner Weise zu verstehen gu geben, baß liicht nur sein Gastgeber, sonbern auch bas von bieseni unverzüglich informierte Ministerium sich beschämt fühlte unb ihm den erhobenen Betrag unter Entschuldigungen wieber zustellte. Mendelssohn gab darauf bie zehnfache Summe für wohltätige Zwecke zurück, bie Geschichte aber, baß ber berühiute Philosoph gleich einem poliiischen Ochseir sich verzollen lassen mußte, inachte in allen Einzelheiten überall bie Runbe unb trug ilicht unwesentlich zur Aufhebung bes Leibzolls bei, bie einige Jahre später in ben großen Territorien erfolgte, zuerst 1781 in Oesterreich. Im selben Jahre erschien bank ber Initiative Menbelssohns Dohms „lieber bie bürgerliche Verbesserung ber Juben" vor allem in ber Absicht, die elsässischeii Juben, bie um bie Verbesserung ihrer Lage kämpfteii, zu unterstützeu. Sie wie alle französischen Juben würben 1784 vom Leibzoll befreit. Preußen folgte 1787-88 als für lange Zeit fast einzige Reformmaßnahme auf Gruiib bes Drängeiis ber Berliiier Aeltesten unter Führung von Davib Frieblänber. Diesen brei großen Territorien schlossen sich bie mittlereii unb kleinen Länder Deutschlanbs noch lange nicht an. Lebiglich in ben linksrheinischen Gebieten fiel bie Ausnahmebehandlung uiit ihrer Eroberung burch Frankreich in ben neunziger Jahren. Der französische Generalregieruiigskommissar Jollivet, ber in Mainz resibierte, sorgte im Jahre 1801 burch ein Schreiben an bie Geschäftsträger ber französischen Republik bei ben beutschen Höfen dafür, baß auch im rechtsrheinischeil Deutschlanb ihnen der Leibzoll nicht abgenommeii werben durfte, denn, führte er unter Beziehung auf ben Friebensvertrag von Campo Formio aus: „burch feine Art von Bedingungen in diesem Frieden ist dem beutscheii Reiche bas Recht Vorbehalten, den französischen Bürger israelitischeil Glaubens zum Tiere herabzuwürdigen." In biesem Stadium entwickelte sich rechts des Rheins von iieuern jüdische Jilitiative. Diesmal waren es jüdische Hofagenten, also bie Vertreter bestimmter Fürsten, die dank ihrer hervorragenden Verbindungen, besonderen Wirtschaftskenntnisse uiid bebeutenben Verniögen die Höfe uiid Staateii, denen sie bienteii, mit großen Lieferungen und Krebiteil und mit wichtigeil Nachrichten und Ratschlägen versorgten. Nachdem in Braunschweig der herzogliche Hoffaktor Israel Jacobson vorangegangen war, folgte ihm in hiesiger 'Gegend der Kurhessische Hoffaktor und Fürstlich-Jsenburgische Hof- und Kammeragent Wolf Breitenbach. Seine Eingaben, Vorstellungeii uiid Verhandlungen hatten Erfolg. 1803 hoben das Fürstentum Jseiiburg, Kurhessen, Hessen-Homburg, Solins- Rödelheim und Solms-Laubach den Leibzoll auf, 1804 folgten u. a. Kurmainz und Frankfurt, 1805 neben bielen anderen Hessen-Darnistadt. Am 19. Januar 1805 gab auf höchsten Spezialbefehl das Landgräflich Hessische Geheime Ministerium m Darmstabt folgenden Erlaß heraus: „Dem hier anweferibeli Kurf. Hessischeil Hoffaktor unb Fürstl. Jsenburgischen Kammeragenten, Herrn Breideubach zu Offenbach, wird auf seine und von anderen iru Namen der jüdischenNation eingereichten verschiedenen^ Bittschriften hierdurch zur Resolution bekannt gemacht, daß ^e. Laiidgräfl. Durchlaucht in Rücksicht der von ihm angeführten und mit einem rühmlichen Eifer für das Beste feiitcr Nation bargestellten erheblichen Gründe Sich gnädigst entschlossen haben, die bisherige Abgabe des Judenleibzolls in sämtlichen Höchstdero Landen dergestalt abzuschaffen und aufzuhebeii, daß nicht nur die einheimische Juden, soiidern auch die auswärtigen, aus ben Landen, worin der Leibzoll ebenfalls ausgehoben ist, von dessen Entrichtung künftig gänzlich befreit sehn sollen. Zugleich wird demselben zu erkeuiieii gegeben, daß zur Uiiterstützung der lobenswerten Tätigkeit, mit welcher diese Angelegenheit der jüdischen Nation bisher von ihm persönlich betrieben worden ist, die Behörde die Weisung erhalten hat, ihm an diejenigen benachbarten Negierungen, bei welchen er die Aufhebung des Juden-Leibzolls seiner Anzeige nach schon nachgesucht hat, teils aber noch nachsuchen wird, d'ie geeigiieten Empfehlungen auszufertigen." Der Kampf gegen den Leibzoll gehört der Geschichte an. Der Kampf um die Gleichberechtigung der beutschen Juden ist immer noch nicht zuui Abschluß geführt. Haiidelt es sich auch heute mehr uiu die Verteidigung gewonnener Rechte, als um die Beseitigung bestehenden Unrechts, so gilt auch hier die Erfahruiig, die unsere Vorfahreii im Kampf gegen den Leibzoll gewannen: nur bemn, wenn man selbst sich sür das eigene Recht init aller Kraft und Begeisterung einfetzt, nur dann fiiidet luan die Anerkennung und Unterstützung der rechtlich und menschlich Denkeiideii, mit dieser aber auch den geschichtlichen Erfolg. Statistische Mitteilungen aus Hessen. Auszug aus den „Mitteilungen des hessischen Landesstatislischcn Amtes" Nr. 9, 1930. Personenstands-Statistik. Geboren, beide Eltern israelitisch 4 164 E 20 ©■“ 10 1 15 £ 36 Geboren, Vater israelitisch 16 1 2 1 5 Geboren, Mutter israelitisch 7 1 — 2 1 Geboreu, unehelich 4 — — 3 1 Totgeboren, beide Eltern israelitisch 6 — 1 — 1 Totgeboren, Vater israelitisch 1 — — — 1 Totgeboren, Mutter israelitisch — — — — — Totgeboren, unehelich — — ■ — — — Gestorben unter 1 Jahr 14 2 — 6 1 Gestorben über 1 Jahr 291 ' 26 12 21 40 Eheschließungen, Mann und Frau Israeliten 122 7 4 7 13 Eheschließungen, Mann Israelit 19 5 3 1 7 Eheschließungen, Frau Israelitin 19 1 2 — 4 £ 17 2 2 16 6 1 1 Aus unseren Verbandsgemeinden. Gießen. Der planmäßige, außerordentliche Professor für semitische Philologie an der Landesuniversität Gießen, Herr Dr. Julius Lewy, wurde mit Wirkung vom 16. Oktober 1930 ab zum persönlichen Ordinarius ernannt. Mainz. Am 17. Oktober b. I. verschied Frau Franziska Koch, Ehefrau des Vorsitzenden der Mainzer Ehebrah Kaddischah, Herrn Leo Koch. Die Verstorbene gehörte eine lange Reihe von Jahren der Frauen-Chebrah als Mitglied an und versah nach dem Tode ihrer Schwiegermutter die Geschästsleitung derselben. Frau Koch betätigte sich auch sonst in der Wohlfahrtspflege und war allezeit hilfsbereit, Mainz. Am 18. Oktober b. I. feierten die Eheleute Jsaac Rosenthal und Frau Amalia, geb. Fraenkel, die 50. Wiederkehr ihres Hochzeitstages. — Die Achtung und Wertschätzung, deren sich das Jubelpaar in weitesten Kreisen zu erfreuen hat, fand bei der Feier des Tages in den vielfachen Gratulationen beredten Ausdruck. In der Synagoge der Religionsgesellfchaft gedachte Herr Rabbiner Dr. Bamberger im Anschlüsse an eine Schrifterklärung des Jubiläums in herzlichen Worten. Wallertheim (Rheinhessen): Am 1. Tag fi-rrr verschied dahier nach schwerem Leiden Herr Karl Jsaac Senior der Getreidehandlung Karl Jsaac & Co. Die Beerdigung am Zaum Gedaljah fand unter überaus starker Beteiligung statt. Der Krieger- und Soldatenverein und die Turugemeinde Wallertheim begleiteten mit ihren Fahnen unter Vorantritt der Kapelle des Kriegervereins ihr verstorbenes Mitglied auf dem letzten Wege. Die evangelische Kirchengemeinde gab ihrer Wertschätzung durch Läuten der Glocken Ausdruck. Herr Bezirksrabbiner Dr. Lewit, Alzey, schildert die hervorragenden Eigenschaften des Verblichenen: seine Frömmigkeit, seinen Fleiß und seine unermüdliche Wirksamkeit im Dienste der israelitischen Gemeinde Wallertheim. Fünfzig Jahre hindurch hat der Entschlafene die ehrenamtliche Funktion eines Baal Tokeah ausgeübt; 16 Jahre lang war er Baal Koreh und hat durch fein Eingreifen die Abhaltung des Gottsdienstes nach orthodoxem Ritus ermöglicht. Jede Gelegenheit benutzte er um die Gemeindemitglieder anzuspornen zum treuen Festhalten, an unserer Ueberlieferung und nichts lag ihm mehr am Herzen, als das Minjan in unserer Gemeinde zu erhalten. Somachti beomrim li bes ad. nelech, das war der Wunsch, den er aussprach, als ihn die Gemeinde am 1926 anläßlich des 60jährigem Jubiläums als Baal Tokeah ehren wollte. Aber auch als deutscher Staatsbürger stellte er seinen Mann. Er war mit Leib und Seele Soldat. Schon im zweiten Dienstjahr wurde er bei dem Leibdragonerregiment in Darmstadt zum Unteroffizier befördert, was bei der damaligen Einstellung in einem so feudalen Regiment und als Nicht-Einjähriger schon etwas bedeutete. Er war der Liebling des Prinzen von Battenberg, der ihn bei seiner 11

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