Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 11 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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tatsächlich kein,Wort um die Wichtigkeit des Schreibens gerade für den Filialunterricht zu bezeichnen. Wichtiger als irgendwo ist da die Aufgabe der schriftlichen Hausarbeit. Und in diesem Zusammenhänge möchte ich noch von einem weiteren Hilfsmittel reden. Unter dem Namen „Loschen hakodesch". stecken noch hier und da, kümmerliche und obeiidrein verkümmerte, verkrüppelte Reste eines früheren hebräischen Sprachbewußtseins, einer früher lebendigen hebräischen Umgaiigssprache. Ich nenne einige bekannte Wörter: mius: häßlich, mees: Geld, rösche: Bösewicht, awere: Sünde. Es ist nicht schwer, 200 bis 300 solcher Wörter zusammenzustellen. Diese Wörter aber geben ein vorzügliches Fundament ab, für einen hebräischen Sprachschatz. Ich bin dabei, diese Wörter zu sammeln; hier haben Sie den Anfang der Sammlung, ohne Ordnung noch, und einfach zusammengetragen, aber ich kann aus Grund meiner Erfahrung behaupten, daß sich mit diesem halbverschütteten und reparaturbedürftigen Material ganz gute Erfolge erzielen lassen. Ich bin am Ende meiner methodischen Vorschläge. Ich habe das Gebiet des Religionsunterrichts nicht Furche für Furche beackert, sondern nur durchstreift. Darum konnte ich auch nicht alles, sondern nur manches auflesen, sammeln und vor Sie Hinbreiten. Hoffentlich ist es in deutlicher Form geschehen. Ich möchte aber nicht schließen, ohne folgendes gesagt zu haben: die Anzahl der Wochenstunden für unseren Religionsunterricht ist gering, die Basis unserer Arbeit ist schmal. Nur mit großer Mühe können wir den Bau unseres Erfolges hochführen, und gar oft stehen wir vor' dem Einsturz. Wir sind direkt gezwungen, ein schultechnisches „Taylor-System" ernzusühren, mit der Zeit nicht nur hauszuhalten, sondern direkt zu geizen, wenn wir etwas erreichen wollen. Wir sind zu einem Hetztempo gezwungen. Das ist kein natürlicher Zustand. Mit drei Religionsstunden kommen wir nicht aus. Das christliche Kind, das nicht durch das Medium einer immerhin fremden Sprache und Schrift hindurch muß, das inmitten einer großen kulturbildenden Gemeinschaft lebt und nicht wie das jüdische Kind, von der Literatur zum LeVen wandern muß, sondern den natürlichen, umgekehrten Weg gehen kann, dieses christliche Kind erhält schon im ersten Schuljahr zwei Religionsstunden, im zweiten Schuljahr zwei und von da ab wöchentlich vier Religionsstunden. Wir müssen auch für unseren Religionsunterricht die obligatorische vierte Wochenstunde fordern. Ich erklärte mich bereit, einen Leselehrplan auszuarbeiten. Ich muß eine Einschränkung machen. Man muß mir zu diesem Zwecke eine geeignete Bibliothek zur Verfügung stellen, denn so groß sind die Lehrergehälter nicht, daß man imstande wäre, die nötigen, wirklich nötigen Bücher anzuschaffen. Trotz aller Finanznot, unsere Gemeinden wären hier in der Lage, mit kleineren Mitteln Großes zu wirken. Ueberall müssen Schul- und Gemeindebibliotheken entstehen. Ich betrachte zwar keineswegs jede jüdische Lektüre vom Standpunkt der Hilfesuchung für den Religionsunterricht. Aber die Auswirkung einer solchen Bibliothek ist ohne weiteres für den Religionsunterricht eine ungeheuere Stütze. In noch einer Hinsicht müssen wir unsere Arbeitsbasis erweitern. Die Ausbildung der jüdischen Lehrer muß eine intensiv jüdische sein, mehr als bisher. Wir müssen m zehn Jahren soweit sein, daß die jüdische Lehrerschaft die hebräische Sprache wirklich in Wort und Schrift beherrscht. Ich bitte diejenigen, die es angeht, sich für diese Forderungen einzusetzen und dabei zu bedenken, daß es sich nicht etwa um politische, sondern um jüdische und pädagogische Forderungen selbstverständlichster Art handelt. Je höher der Lehrer steigt, desto höher wird er die Jugend führen können. Judentum und Judenheit können bestimmt dabei nur gewinnen. Iudenleibzölle. Zur Erinnerung an ihre Aufhebung in Hessen-Darmstadt vor 125 Jahren. Von Erwin B a e r, Frankfurt a. M. Zu den drückendsten Belastungen und größten Erniedrigungen, denen die Juden vor ihrer rechtlichen Gleichstellung ausgesetzt waren, gehörte die Erhebung des Leibzolls. An jeder Landesgrenze mußten jüdische Reisende nicht nur wie die Nrchtjuden ihre Ware vorführen, sondern sich selbst wie Stücke Vieh kopfweise verzollen lassen. Ganz besonders umfangreich war dies in Südwestdeutschland der Fall, das mit Grenzen übersät war. Gehörte doch das Gebiet des heutigen Freistaates Hessen bis zur Besetzung des linken Rheinufers durch die Franzosen Dutzenden von Staaten an: neben den Landgrafschaften Hessen-Darmstadt und Hessen-Homburg, den Kurfürstentümern Hessen-Kassel, Mainz und Pfalz, den Fürstentümern Nassau-Usingen, Nassau-Weilburg und Isenburg, den Grafschaften Rhein, Leiningen, Wartenberg, Nassau-Saarbrücken, Erbach, Königstein, Solms-Laubach, der Burg Friedberg, den Bistümern Worms und Fulda, deu Freien Reichsstädten Friedberg, Frankfurt und Worms und einer Anzahl von Reichsritterschaften. Wer nur von Offenbach nach Friedberg wollte, mußte durch nicht weniger als acht verschiedene Staaten und, bei deren Zersplitterung, über noch mehr Grenzen. An jeder dieser Zollstationen mußten die Juden sich melden, sei es, urn bcn Leibzoll zu zahlen, sei es, um die Bescheinigung vorzuweisen, daß ein Pauschalbetrag für das ganze Jahr entrichtet war. Alle paar Meilen mußten sie zu diesem Zwecke die Postkutsche verlassen, mußten die übrigen Passagiere warten, bis sie von dieser Prozedur zurückkehrten. Sieht man von der dünnen Oberschicht der zu zählenden Vermögenden ab, so bedeutete der Leibzoll für die übergroße Mehrzahl der jüdischen Reisenden, insbesondere für die auf dem Lande wohnenden, eine fühlbare finanzielle Bedrückung. Da alle ande'en Berufe ihnen versperrt waren, blieb ihnen kerne andere Wahl, als zum Vieh-, Altwaren- und Hausierhandel, mühselig von Dorf zu Dorf zu ziehen. Diesen armen Menschen, die um kärglichsten Verdienst bei Sonne und bei Schnee, bei Regen und ber Wind mit ihrem Packen beladen herumziehen mußten, war der Leibzoll eine außerordentliche, in mancheir Fällen existenzverrrichteiide Last. Ein angesehener christlicher Autor, der kurfürstlich reichserzkanzlerrfche Oberlandgerichtsrat Dr. Franz Joseph K. Scheppler aus Aschaffenburg, schildert in seiner 1805 erschienenen Schrift „lieber die Aufhebung des Judenleibzolls" eine Anzahl derartiger Fälle und weist vor allem auf das Demoralisierende dieser Froit hin: m seiner Not und Armut drückte sich maiicher um den Zoll. Wurde er erwischt, dann setzten Kriechte ihm nach, die ihrn nicht nur sein bißchen Habe Wegnahmen, sondern auch ihn schlugen und roh mißhandelten. Die vermögenderen und gebildeteren Juden aber, denen die Kosten nicht allzuviel bedeuteten, empfanden um so mehr das Beschämende dieser Maßnahme. Aus ihren Rechen ging daher der erste Widerstand gegen den Lcibzoll hervor, und seine Aufhebung in verschiedenen Staaten war der erste Erfolg überhaupt, der im Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung erzielt wurde. Es ist charakteristisch, daß, wie der ganze Emanzipationskampf in der Persönlichkeit von Moses Mendelssohn wurzelt, auch der Kampf um den Leibzoll diese Erscheinung aufweist. Selbstverständlich kam die Emanzipationsbewegung nicht aus heiterem Himmel. Bei ihrem Hervortreten waren bereits i:n Judentum gewisse soziale und wirtschaftliche Entwrcklungen, die zu erstarkendem Selbstbewußtsein der großstädtischen Oberschicht führten, herangereift, waren die geistigen Strömungen der Umwelt ihren Forderungen längst entgegengckommen. Aber die Persönlichkeit Mendelssohns erleuchtet blitzartig die Situation. Auf eineu Mann konzentrierte sich das Interesse für eine und von einer ganzen Gruppe: ein Muster für das geschichtliche Verhältnis von prornineiiter Persöiilichkeit uiid nainenloser Masse. Das Einzelbeispiel des Leibzolls mag es darlegen. Ter wirtschaftlichen Vernuiift staiid seine Erhebung immer mehr entgegen. Die Gedaiiken der Toleraiiz urid Humanität waren herangereift, mit ihnen hatten die Begriffe der Menschenwürde und Menschenrechte wachsende Bedeutung gefunden. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, noch bevor man Mendelssohn kannte, erschienen Schriften ffl'IJ'ffl Adam Ka Pallaswiesenstrass« Bau Wand-u.Bi idel, Di - 45/47 material odenplal irmstadt Fernruf 3063 lien ttenbeläge 9