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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-11-01 · 11 (11.1930) · p. Seite 7

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
11 (11.1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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kabeln, und zwar derart, daß für jedes Wort eine Zeile reserviert wird, in welche das Wort einmal deutsch und — je nachdem — vier- bis fünfmal hebräisch hineingeschrieben wird. Die Hausaufgabe lautet dann: acht Wörter reihenweise schreiben. Woher haben wir diese Wörter? Entweder sie haben sich im Unterricht ergeben, oder sie werden ohne besondere Vorbereitung vom Lehrer an die Tafel geschrieben, abgeschrieben (als Vorlage selbstredend und zu Hause wird die Ausgabe daraus gemacht. Öder die Schüler besitzen das Wörterverzeichnisdes „Schare Zedek" von Abraham und Levy und schreiben, sei es nach Angabe oder nach eigener Wahl da heraus. Manchmal reihenweise, manchmal jedes Wort einmal hebräisch einmal deutsch, manchmal ca. 30 Wörter nur hebräisch und jedes Wort nur einmal. Dann heißt eben die Ausgabe: Fünf Zeilen laufend schreiben, wie wir es nennen. Je größer nämlich die Vertrautheit mit dem Hebräischen und die Schrerbgewandtheit werden, desto leichter prägen sich Vokabeln ern. Wollte man immer nur reihenweise schreiben, würden die Schüler mit zu wenig Wörtern bekannt werden. 9. Sobald das Schreiben schnell geht, kann mancherlei gemacht werden. Ich habe mich nun daran gemacht, ebenso wie vorher den Lesestoff, auch den Schreibstoss zusammenzustellen, und zwar gebrauchsfertig für die Hand des Lehrers. Hier in diesen Büchlein, die ich jetzt (ebenso wie eine Reihe von Schülerheften) von Hand zu Hand gehen lasse, finden Sie zunächst eine Sammlung all der Wörter, die ein Schüler sich nach und nach aneignen muß. Ich habe ganz einfach ein hebräisches Wörterbuch vollständig — nicht abgeschrieben — sondern exzerpiert. So habe ich eilt Schulwörterbuch gewonnen. (Aus Zwischenfrage) Dieses Schulwörterbuch ist maximal" angelegt. Denn es soll in die Hand des Lehrers gegeben werden. Dem Lehrer soll nichts darin fehlen. Wenn er nicht jedes Wort braucht, so ist dies ja kein Schaden. Hingegen wäre es peinlich, sollte das Buch zu wenige Wörter enthalten. 10. Nun haben wir doch wenig Zeit, wir müssen die Zeit „strecken". Das machen wir auf folgende Weise. Das Schulwörterbuch schreibe ich nochmals auf Zettel und die Zettel wandern hinaus unter die Schülerschaft, werden von btefeit als Vorlagen für die Hausaufgaben benutzt und kommen wieder an mich zurück. (Ich lasse auch zweie solcher Zettel herumgehen, emen in Druckschrift, einen in Schreibschrift.) So sparen wir Zeit. Solange das Buch noch nicht gedruckt ist, müssen wir diesen Weg einschlagen. 11. Beim Abschreiben von Wörtern und kleinen Brochosformeln bleiben wir nicht stehen, wir schreiben zuweilen auch geschlossene Stücke ab z. B.: Abschnitte des Tischgebetes, das Sch'ma, Oschamnu bogadnu, Keduscho, Kiddusch Kaddisch, Birchas Kohanim, Psalmen wie Schir hamalos und Al naharos bowel. Darüber kann man nur ein Schema aufstellen, nicht aber starre Vorschriften geben. Es ist ebenso, wie es in jener Mischna heißt: „hakol lest godel Hassode ul'si ros haanijim", also je nach Möglichkeit und Bedarf. 12. Immer aber beginnen unsere Stunden mit der Behandlung der Hefte, die, wenn der Lehrer eintritt, schon ausgeschichtet aus dem Pult liegen. Sind Vokabeln geschrieben worden, so wird kurz abgefragt, oder es werden nur Stichproben gemacht, manchmal hat man es eingerichtet, daß alle Schüler gleiche Wörter haben, manchmal so, daß jeder Schüler verschiedene Wörter hat, so daß in einer Stunde möglichst viele Wörter berührt und auch grammatisch, nach ihrem Wortsinn, oder nach ihrer religiösen oder nach ihrer kultischen Bedeutung behandelt werden. Die ganze Prozedur nimmt 6—10 Minuten in Anspruch. Aus diese Werse unterliegt der Schüler einer strengen und dauernden Kontrolle. Die disziplinären Wirkungen dieser Methode sind ganz ungeheuer. Ohne daß die kindliche Natürlichkeit verdrärrgt oder beeinträchtigt wird, gewöhnt sich der Schüler an systematische Arbeit. Und jedes Fach des Religionsunterrichtes erfährt seine Stützung durch das Schreiben. 13. Denn Vokabeln und Gebetsstückchen zu schreiben, ist uns nicht genug. Wir schreiben Namen und Begriffe aus dem ganzen jüdischen Leben. Die Namen der 24 Bücher der heiligen Schrift, die Namen der Fest- und Fasttage, der Monate, die Zahlen, all das eignen wir uns auf dem Wege über das Schreiben an, meist als Hausaufgabe. Die Namen der jüdischen Geschichte, von Adam horischon bis Moses Mendelssohn und weiter, wir erschreiben sie uns, denn erlernen können wir sie heutezutage kaum. Die Namen der hebräischen Literatur aller Zeiten, wir erschreiben sie uns, sei es der More newuchim, sei es der Schulchan Aruch. Die Begriffe der Religionslehre, sei es Mukzo oder Netilas Lulow, wir erschreiben sie uns. Die hauptsächlichsten geschichtlichen Ereignisse, wir erschreiben sie uns. Die wichtigsten Begriffe in der Geographie des Landes Palästina, wir erschreiben sie uns. Ich sebst mutz gestehen, ich bin den Weg der konsequenten Ausnützung des Schreibens noch nicht gegangen, da ich noch nie eine Klasse vom Schulanfang bis zum Schulende geführt habe. Aber ich bin dabei, den Schreibstoff zusammenzustellen, so daß er für jeden Lehrer gebrauchsfertig vorliegt, ohne daß natürlich die Notwendigkeiten der Auswahl beschränkt werden. Die Büchlein, die eben zirkulieren, sind der Anfang dazu. Verschiedene Umstände haben es mir unmöglich gemacht, die Arbeit bis zum heutigen Tage weiter zu fördern, so daß ich Ihnen in dieser Hinsicht nicht ein Bild, sondern nur eine „Skizze" vorlegen kann. Aber ich hoffe, daß die Skizze schon das künftige Bild ahnen läßt. Und ich kann schon von klarsprechenden Erfolgen berichten. So haben wir zu diesen Herbstfeiertagen Gebete wie die Feiertags-Schmone Esre, Owinu malkenu und andere ohne weitere Vorbereitung gelesen und — nach einiger Mithilfe des Lehrers — verstanden. Dies geschah in den unteren Klassen eines Lyzeums. 14. Unsere Schreibgewandtheit gestattet uns eine weitere Annexion zu machen: das hebräische Lied. Hier bin ich nun in der angenehmen Lage, ein vollständiges Manuskript eines hebräischen Schulliederbuches vorlegen zu können, welches nicht nur sehr viele neue Melodien enthält, sondern auch gerade für unsere deutschen Schulen bestimmt und berechnet ist. Selbstredend kann man auch andere Liederbücher benützen und ich sebst besitze und benütze ca. 10 verschiedene hebräische Liederbücher, aber es ist fraglich, ob jedem Kollegen mit einem so allgemeinen Hinweis aus zehn Liederbücher gedient ist. Ich bin bereit, dieses Liederbuch zum Druck zur Verfügung zu stellen. Ich bin sogar bereit, binnen Jahresfrist einen zweiten Band folgen zu lassen. Das vorliegende Manuskript hat 45 Erstveröffentlichungen und enthält häusliche religiöse Gesänge für Sabbat, Freitag abend, Sederabend, Lieder für die Feste des ganzen Jahres, Reigentanzlieder, Kinderlieder, Wanderlieder, Spiellieder, Jugendlieder, Marschlieder, Kanons, Niggunim (wortlos) und in einem Anhang zehn jiddische Lieder. Das hebräische Lied schmückt unsere Stunden aus, es bringt uns mühelos, ohne Anstrengung Vertrautheit mit jüdischem Denken und jüdischem Brauch und macht uns vor allem mit der hebräischen Sprache bekannt, ohne daß wir nötig haben, zu „lernen". Ich gebrauche nicht gerne Schlagwörter. Aber hier mutz ich schon sagen: das hebräische Lied, gemeinsam gesungen, bindet die Klasse unter sich und mit dem Lehrer zusammen. Das Lied wirkt höchst gemeinschastsbildend. Und da wir schnelle Schreiber sind, nimmt uns alle diese Arbeit nicht die kostbare Zeit unserer wenigen Religionsstunden weg, sondern wir schreiben fast alles als Hausaufgabe. Das ist wenigstens die Regel. Wenn wir einmal in der Stunde ein Lied aufschreiben, so nimmt das dank unserer Schreibfertigkeit auch nur wenig Zeit in Anspruch. 15. Sie sehen jedoch das eine: das Schreiben ist der Notnagel, der überall angebracht wird. Mit Hilfe des Schreibens „strecken" wir unsere knappe Unterrichtszeit, mit Hilfe des Schreibens halten wir die Schüler zur systematischen Arbeit an, wir befestigen unser Sprachwissen damit, kurzum: das Schreiben durchdringt und intensiviert, kontrolliert, stützt unseren ganzen Religionsunterricht. Wir kommen an einen Namen der spanischen Judengeschichte wie Jehuda Halevi, er ist uns schon bekannt, wir haben ihn schon geschrieben, wir sprechen von der Mischna, wir kennen das Wort schon. Chanukka kommt. Das Wort liegt schon längst in unserem Archiv, wir holen es hervor. Ueberall begrüßen wir Bekannte, deren Schriftbild wir schon kennen. Und siehe da, durch intensive Pflege ist unser krankes Kind, das Schreiben, gesund, sogar sehr gesund, und sehr stark geworden. Mir scheint, auch das Wachstum der anderen Kinder (geheißen Lesen und Sprechen) war seither durch das kranke Kind „Schreiben" beeinträchtigt. Wir sind durch das Schreiben noch keine Hebraisten geworden, aber wir sind, das läßt sich ganz unzweifelhaft feststellen, in die Höhe gekommen. Das Schreiben ist unser wichtigstes Hilfsmittel geworden. Ich komme zu einem besonderen Kapitel, geheißen Filialunterricht. Der Filialunterricht richtet sich nicht nach dem Stundenplan, sondern nach dem Fahrplan der Reichsbahn und wird zwischen Kommen und Gehen erteilt. Einmal in der Woche meist, das muß genügen, zu mehr reichen Geld und Zeit nicht. Ich habe vorhin bei jeder Gelegenheit den eminenten Wert des Schreibens betont, inzwischen sind mir die Superlative ausgegangen. Ich finde Trinkt das gute Mainzer;Aktien-Bier!

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