Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-09-01 · 9 (9.1930) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
9 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9582242-9623187-9620775--0616-9620786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

gat)It zur Zeit etwa 500 persönliche und etwa 30 korporative Mitglieder. Jetzt gilt es, dahin zu streben, weitere Kreise heranzuziehen. Je größer die Zahl, um so mehr kann geleistet und um so mehr dokumentarisches Material kann erschlossen werden. Gerade m bezug darauf bietet sich noch ein weites Feld der Betä-tigung. Ein ungeheueres Urkundenmaterial liegt noch zerstreut, unbeachtet und vernachlässigt herum. Da ist vor allem das, was in den Familien noch an alten Urkunden vorhanden ist. Ueber kurz und lang dürfte es verloren sein, wie leider schon so vieles unwiederbringlich' dahin ist. Hier gilt es, zu retten, was noch zu retten ist. Da sind weiter die alten Gemeindeakten, die viel wertvolles Material enthalten. Sie sind bisher meistens sehr stiefmütterlich behandelt. Dann das unübersehbare Material der sogenannten „Judenakten" aus der langen, vielhundertjährigen Schutzjudenzeit. Die Akten liegen in den städtischen und staatlichen Archiven und sind in sehr vielen Fällen noch vollzählig vorhanden. Es bedarf nur ihrer Erschließung. Sie geben über viele Juden der früheren Zeit weitgehende Auskunft. Ferner die Protokolle über die Annahme der Familiennamen aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. In ihren „Mitteilungen" bringt die Gesellschaft stets ein reiches und interessantes genealogisches Material und solches aus den Grenzgebieten der Erbforschung und Eugenik. Die „Mitteilungen" erscheinen vierteljährlich, doch ist rn Aussicht genommen, sie mit dem Wachsen der Gesellschaft zweimonatlich erscheinen zu lassen und ihren Inhalt zu erweitern. Probenummern werden auf Wunsch uirentgeltlich abgegeben. Mit den Mitteilungen verbunden .ist ein „Suchblatt", das Gelegenheit gibt, Rundfragen zu veröffentlichen zwecks Aufschluß über Familienmitglieder- oder beziehungen. Diese Fragen fanden bis jetzt stets Beantwortung, bisweilen aus weiter Ferne. Bei weiterer Verbreitung des Blattes wird dieser Austausch immer ergiebiger und wertvoller. In den wenigen Jahren ihres Wirkens und mit den immerhin bescheidenen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, hat die Gesellschaft schon recht Beachtenswertes erreicht. Sie versendet soeben ihr Juni-Heft, in dem der frühere Posener Stadtrat und bekannte Lokathistoriker der Provinz Posen Arthur K r o n t h a l, Berlin, unter dem Titel: „Aus einem jüdischen Leben des vorigen Jahrhunderts" eine Biographie seines Großvaters schreibt, die in ihrer Ausführlichkeit und Verknüpfung mit nahezu allen jüdischen und nichtjüdischen Prominenten der Stadt Posen zu einem fesselnden Kulturbilde dieses iiational heiß umstrittenen Bodens sich gestaltet. Alle früheren Posener dürften diese Studie mit lebhaftem Interesse und innerer Teilnahme lesen. — Bruno Jacob, Kassel, gibt einen Beitrag über zwei Rittergeschlechter in Hessen aus dem 14. Jahrhundert, die die Namen Jude resp. Judemann führen und beweisen, daß trotz der rechtlosen Stellung der ungetauften deutschen Juden im Mittelalter ihrer Aufnahme in den deutschen Adel keinerlei Hindernis bereitet wurde, sobald sie nur die Taufe genommen hatten. — Dann gibt Otto N e u m a n n , Berlin, der unermüdliche Erforscher der Geschichte mecklenburgischer Juden, eine Biographie von Aron Jsak, der als vierzehnjähriger Junge seine Heimat Treuenbrietzen bei Berlin verläßt, um mit nichts als einem Grabstichel in der Hand sich sein Brot zu verdienen. Er schneidet Petschafte, graviert Zinkkannen, erringt in Mecklenburg die Gunst von Fürsten und Adel, schließlich des Königs von Schweden, und stirbt als angesehener schwedischer Hofjuwelier und Hofsiegelstecher in Stockholm. — Arturo Bab, Rivera, dem die jüdische Familienforschung schon eine Reihe von Beiträgen über Juden in Südamerika und Indien dankt, gibt eine Zusammenstellung von Namen der Kreolischen Juden, d. h. derjenigen Juden, die in Süd- und Mittelamerika, Mexiko und den Antillen geboren sind. Ihre Umgangssprache ist meist spanisch, in Brasilien portugiesisch und in einigen Kolonien englisch und holländisch^ Die Vorfahren dieser Juden stammen fast ausnahmslos aus Spanien, Portugal und Italien. Seit dem 17. Jahrhundert sind Juden drüben nachweislich, aber erst um 1830 wurde ihnen überall die bürgerliche Gleichberechtigung zuteil. Ein diesmal außerordentlich reichhaltiges Suchblatt schließt das Heft ab. — Man abonniert die Zeitschrift durch Erwerb der Mitgliedschaft der Gesellschaft für jüdische Familienforschung. Der Jahresbeitrag beträgt 10 RM. Anmeldungen an den Vorsitzenden Dr. A. Czellitzer, Berlin W 9, Potsdamer Straße 5. Franz Werfel. Am 10. Scpt. d. I. wird Franz Werfel 40 Jahre alt. Zu seiner Würdigung stellt uns Frieda Weißmann, Breslau, nachfolgendes Manuskript zur Verfügung. Die Schriftleitung. Werfels Gedichten, die 1927 bei Zsolnay erschienen sind, ist sein Bild, vorangestellt. Sieh dieses Bild und vieles wird dir klar: auf den ersten Blick ein Musikerkopf mit dem breit nach hinten ausladenden Schädel und der machtvollen, im Schwünge schönen und reinen Stirn. In den Augen etwas Zwiespältiges; ein Widersprechendes in der Geschlossenheit des bewußt forschenden Blickes zu der schweifenden Ahnung, womit das Auge lockt und bannt, und das im unbeschwerten Lidschwung so melodisch verklingt. Im ganzen gesehen ein Widerspruch zwischen Ursprünglichem und Gewordenen: —■ Hinweis also auf Kampf zwischen Gewährtem und Gesuchtem. Und mit dieser Kampfansage, ja vielleicht gerade um ihretwillen, das Obergesicht: ein gültiges Versprechen. Doch unter den Augen, die zwar gut geschnittene aber fleischige Nase — saugende Lippen, die von Verlangen reden und dumpf erlittenem Ueberdruß; ein kurzer, leidenschaftlich gedrungener Hals, dazu ein breites weiches Kinn und über allem frauenhaft sanftes Haar, das, glatt zurückgestrichen, die Stirn freigibt. Ein Gesicht, voll von Ungelöstheiten, voll von Licht und Dunkel, ein Gesicht voll von Bewegtheit, voll von Kontrasten und letzten Endes voll von Rhythmus; das Gesicht eines Menschen, den die Tiefe bindet und den es gleichzetig nach oben ruft; abstoßend beinahe mit seinen weichen Wangenkonturen und dennoch immer wieder gewinnend durch die überlegene Geistigkeit des ungewöhnlich eindrucksvollen Obergesichts. Es ist gut, an dieses „Dennoch" sich halten zu dürfen. Gut und berechtigt. Gut, weil es hinweghilft über alle sichtbaren Zerspaltenheiten — berechtigt, weil es sich bestätigt durch Innerliches, durch das Werk; denn immer sehen wir Werfel in seinem Werk den Weg nach oben suchen, und immer deutlicher läßt sich erkennen, daß dieser Weg von Stufe zu Stufe für ihn selbst sich aufhellt, daß er klarer und eindeutiger wird. Was ist es um Werfels Werk? Aus welchen Gründen steigt es? Zu welchen Gipfeln wächst es? Wenn wir den Kindern, die durch seine Bücher gehen, in Gedanken unters Kinn fassen, um forschend ihr Gesicht zu uns aufzuheben, weil ja gerade die Beziehung zum Kind und seine künstlerische Erfassung besonders aufschlußreich ist, sehen sie uns mit beklommenen Blicken an. In ihren Augen liegt der Hunger nach Sorglosigkeit und Frohsinn, und dieses unerfüllte Verlangen läßt sie schmerzhaft unkindlich erscheinen. So beschwert, so verschüchtert — krank? Nein, man kann nicht sagen: krank. Noch weniger aber könnte man sie gesund nennen. Aus solch belasteter Kindheit scheint Werfel selbst zu kommeii. Immer wohl hat er geahnt, daß Kindsein etwas anderes meint, als er kennen gelernt hat, und der Kummer um die nie gelebte Unbeschwertheit ist wach in all den kindlich-unkindlichen Gestalten seiner Werke. Durch das Mißverstehen der Generationen schleppen sie das Gefühl der Verbundenheit mit allem, was gewesen, und mit allem, was kommt; lastend und lösend in einem spüren sie darin dennoch die Liebe, wie sie hin und wieder schwingt. Spüren, wie sie zum Licht drängt: ein ewiges Recht, verbannte Wahrheit. So wird die Bindung zur Lösung. Da läßt er sich gleiten, der Suchende, Ahnende und wie wir einst in grenzenlosem Lieben Späße der Unendlichkeit getrieben, ahnen wir im Traum. Und die leichte Hand faßt nach der greisen und in einer wunderbaren leisen Rührung stürzt der Raum. Es handelt sich nicht darum, festzustellen, ob Werfel wesentlich Lyriker, Dramatiker oder Epiker ist. Jii ihm ist „Nacht und Fluß und Firmament": in jeder Form sagt er sich aus, wie das selbstverständlich ist bei einem so tief musischen Menschen. Am unmittelbarsteii und daher auch am leichtesten zu überblicken naturgemäß in der Lyrik, diesem bewegten Strom, auf dem all sein Empfundenes und Erkanntes — noch glühend in der Form — dahergleitet. Seine Lyrik schließt uns sein Wesen vollkommen auf; keine feiner dramatischen oder epischen Schöpfungen, wie sie in harter Entwicklung aus ihm hervorbrechen, zeigt ihn klarer, zeigt ihn weiter als seine Lyrik. Von dem Frühroman, „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig!" bis zu seinem vorläufig letzten Werk „Barbara oder die Frömmigkeit" führt der Weg in ständigem Kampf. Es kämpft das Ich gegen sich selbst und um sich selbst, gegen die anderen und um die arideren; bis alles versinkt in deni Eineri, Unnennbaren, was jenseits ist von Raum und Zeit; wofür nur gilt: immerdar und überall. Wie in den Gedichten redet er schließlich auch im Prosawerk rrur noch von dem einen Einzigen: von dem „permanenten Existenzbewußtsein, das ist Frömmgkeit"". Wollten wir unternehmen, seine dramatischen und epischen Werke durch einige seiner Verse zu charakterisieren, wir könnten das mühelos und lückenlos durchführen. So spiegelt sich, um nur damit zu beginnen, sein Jugendroman „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig" in deir Worten: Gott, ich erkenn' dich Zug um Zug! und dich'Gesetz in deinem Lauf! Es bricht dir keine Wunde auf, die ich mir nicht in andern schlug. Und die Gipfelstimmung der „Barbara" ist in seiner Lyrik schon lange vorher erreicht: 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.