Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 7 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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findet sich ein ausführlicher und ausgezeichneter Artikel über Berlin. Bei den beiden Artikeln aus unserm hessischen Gebiet, Bingen Und D a r m st a d t, bedauert man, daß sie nicht von ortsbekannten hessischen Gelehrten bearbeitet wurden. Sonst wäre es sicherlich nicht vorgekommen, daß bei Darmstadt (in dem im Jahre 1980 erschienenen 5. Band) als gegenwärtiger Rabbiner der orthodoxen Gemeinde Dr. Marx statt Dr. Merzbach genannt wird, und das Vorhandensein derbeidenBezirksrabbinate, der sogenannte „Darmstädter" Gemeindeverband und die neueren statistischen Veröffentlichungen über hessische Juden (Im „Morgen", Jahrg. I, S. 608) vergessen wurden. Eines besonderen Hinweises bedarf schließlich noch der große Artikel Deutschland, der auf 100 Spalten sich in vier große Abschnitte und viele Unterabschnitte gliedert. Es mögen wenigstens die Ueberschriften genannt werden: Geschichtlicher Abriß (vonProf. Elbogen, dem stellvertretenden Chefredakteur der Enzyklopädie); Gegenwart; Statistik (von dem Frankfurter Professor Hanauer. Eine geradezu spannende Lektüre von Bevölkerungsstärke, Berufsverteilung, Eheschließung, Mischehen usw.); Juden in der deutschen Kultur (Geisteswissenschaft, Dichtung, Rechtswissenschaft, Naturwissenschaft, Kunst, Musik, Politik und Wirtschaft). Wenn wir in Erwartung der kommenden Bände der Enzyklopädie mit der Arbeit über Deutschland von dem vorläufig letzten Bande Abschied nehmen, so mag uns eine gerade bei einer Enzyklopädie besonders hervortretende Erscheinung bewußt bleiben: die Verflechtung unseres jiidifchcn und unseres allgemein menschlichen Seins und Wissens. Franz Rosenzweig hat in seiner oben erwähnten Besprechung hierzu gesagt: „Denn wohl sollen und wollen wir im Eigenen beharren, am Eigenen festhalten, aber so sollen und wollen wir auch wissen, daß das Eigene nicht das Ganze ist, daß vielmehr dies trotzig behauptete Eigene, ob auch geheimer Mittelpunkt der geschaffenen Welt, und dieser unbeirrt beschrittene Weg, ob auch geheimer Richtweg und Schöpfung, nur Teil sind dieser geschaffenen Welt — einer Welt, in der auch die Ilmwege bestimmt sind, Wege zu sein." Dr. S t a h l, Bad-Nauheim. Bücherschau. Asch, Nathan. Liebe in Ehartres. Frankfurt a. M. 1930. Rütten & Loening. Liebe in Chartres, das ist eine Sache von doppelter Problematik; einmal problematisch, wie Liebe m heutiger Zeit zu seiu hat und dann problematisch, weil es um junge Menschen geht, von denen einer aus allzu großer Leere, der andere aus allzu großer Fülle sein Gleichgewicht nicht finden kann. Sie verständigen sich im Ueberpersönlichen. Beide sind sie Amerika-Flüchtlinge, und sie finden zueinander in dem französischen Städtchen Chartres, dessen ganze Atmosphäre, der ihnen bis zum Ueberdruß vertrauten Betriebsamkeits-Zone vollkommen fern, erfüllt ist von dem Zauber der alten Kathedrale. Eine Weile geht das so mit den beiden ganz leidlich, und bei ihr könnte es für lange, vielleicht für immer so bleiben, denn ihre Leere ist eben ausgefüllt; aber in ihm erwacht der Kampf der ins Maß geduckten Fülle, und wie es ihn zwischen Leistungswillen und Ruheverlangen hin und her wirft, bis er in Gefahr ist, ganz aus den Fugen zu kommen, wie er sich und seinem Können nicht glaubt, wie er — ein Künstler — int Bewußtsein der ihm verliehenen Kräfte und im Mißtrauen dagegen hinter sich selbst herläuft, das ist bis zur endlichen Klärung, bis zu der Erkenntnis, daß er nicht teilen darf, mit großem Ernst gegeben. Es lebt in dem Buch eine jugendliche Strenge, die nicht nach außen, vielmehr gegen das eigene Selbst gerichtet, als Versprechen, ja, sogar schon als Erfüllung wirkt. Weisnnann. Hände und was sie sagen. 64 Bilder, eingeleitet voit Adolf Koelsch. Zürich-Leipzig. Orell Füßli, Verlag. Schaubücher 11. RM. 2.40. Heilige Statten der Bibel. 63 Bilder. Eiugeleitet vou Theod. Däubler. Zürich-Leipzig. Orell Füßli, Verlag. Schaubücher 13. RM. 2.40. Das letzte Gesicht. 68 Bilder. Eingeleitet von Egon Friedell, Zürich-Leipzig. Schaubücher 23. RM. 2.40. In der Reihe der Schaubücher, die der Verlag Orell Füßli herausgibt, soll auf die oben genannten drei besonders aufmerksam gemacht werden. Sie geben ein sehr gut gewähltes Bildmaterial in plartvoller Anordnung und vorzüglicher Ausführung, so daß das Schauen allein schon Genuß und Förderung bedeutet. Nimmt man dazu noch die Einführungen, wie sie vom Erkennbaren ausgehend, Durchblicke öffnen in nur Geahntes, dann spürt man Kräfte, die demütig, still und beharrlich vorwärts tasten auf Wegen, auf denen der einzelne führerlos kaum sich zurechtsinden kann. Weisnnann. Kliitzeh C. Z. Indien im Schmelztiegel. Mit 56 Abbildungen und einem Autogramm Gandhis. Geheftet RM. 6.—, Ganzleinen RM. 7.—. Leipzig. Brockhaus. Indien, das Land, in dem Millionen von Menschen in einer für europäische Begriffe schwer vorstellbareu Verdumpfung zu leben gezwungen sind — das Land, in dem heute eilt Wachrusen dieser Massen von einer kleinen Gruppe vorbereitet wird - - das Land, von dem zu uns bisher fast ausschließlich Bilder voll Romantik gelangten: hier zeigt es sich uns in seiner wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Not. Mit dem Blick des bewußt Erkennenden, mit dem Blick des Forschers nimmt Klötzel die Anzeichen in sich aus, die darauf hindeuten, daß da eine Wende sich anbahnt, in dem Willen einzelner Führernaturen; und mit der Kraft des gestaltenden Künstlers formt er seine Eindrücke. Klötzel kennt Gandhi, kennt die Waffen, mit denen er kämpft: die Scharka (das Spinnrad) und civil difobedience (Gehorsamsverweigerung) und er läßt die ganz ungeheure Wirkung dieser Mittel erkennen in der Macht von Gandhis einzigartiger Persönlichkeit. Bedeutsam zu beobachten, wie der Kritiker hier diesem Manne gegenüber, von dem eingestandenermaßen eine menschliche Ferne ihn vollkommen trennt, in der sachlichen Bewunderung sich bewährt. Ungewöhnlich lebendig erfaßt, stellt Klötzel auch die indische Jugendbewegung vor uns hin und die Organisierung der wirtschaftlichen Kampsbewegung. Er zeigt die Streikenden zu Tausenden stumm hingelagert vor ihren Arbeitsstätten, zeigt bcn Kampf gegen die Kastenbetonung, gegen religiöse Vorurteile, wie sie sich äußern in der Behandlung der „Unberührbaren", der Parias, in der Witwenverbrennung, und den Kinderehen. Ja, er zeigt dieses ganze Land in lautlosem Aufruhr. „Es vollzieht sich dort", sagt er, „von den Augen Europas nur wenig bemerkt, eine dreifache Revolution: eine politische, eine wirtschaftliche und eine geistige. Die politische hat als Ziel ein freies, vott England unabhängiges Indien. Die wirtschaftliche hat ein doppeltes Gesicht: in ihrem Kampf um ökonomische Selbständigkeit Indiens ist sie ein Teil der politischen Revolution, nach innen aber zeigt sie alle Wesenszüge, die uns überall da entgegen treten, wo sich der Uebergang von primitiver Wirtschaftsführung zu hochentwickeltem Maschinenkapitalismus sprungweise vollzieht. Der geistige Kampf endlich ist ein Ansturm der jungen ittdischen Intelligenz gegen einen jahrhunderte alten, versteinerten, aber immer noch außerordentlich mächtigen Klerikalismus und gegen die schweren sozialen Schäden, die ein auf uralten religiösen Vorstellungen gegründeter Gesellschaftsaufbau in sich birgt." Das sehr selbständige und lebensnahe Buch vermittelt Erkenntnisse und ermöglicht Einblicke von bisher nicht gebotener Schärfe, wodurch das Verständuis für das indische Problem, das heute besondere Teilnahme findet, ganz wesentlich gefördert wird. Weisnnann. Figner, Wera. Nacht über Russland. Lebenserinnerungen. Mit 26 Bildern. Berlin. Malik-Verlag. 590 Seiten. In Leinen 8.— RM. Der Malik-Verlag bringt das 21. bis 32. Tausend vott Wera Figners Erinnerungen heraus; d. h. mindestens 2000 Menschen haben bis jetzt bei uns versucht, dieses Lebert in Gedanken ttachznleben und haben so erfahrett, was ein großer und reitter Mensch für seine Idee zu ertragen vermag. Wenn diese Frau erzählt: ebenso schlicht und selbstverständlich von den Tagen ihrer Kindheit wie vott ihrem unentwegten Dienst am Volk, von ihrer mehr als zwattzigjährigen Kerkerhaft und von den Mühen, die zu überwinden waren, als sie endlich frei gegeben, den Weg ins Leben wieder finden wollte — immer ist es derselbe Mcttsch, der jeden ergreifen muß, gauz gleich, welche Einstellung er auch haben mag DßOGERIC* OCKERMONN* GOUSmOSSE-MPINZ na l 11