Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 7 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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trerben. Bisher blieb der Gang deshalb unbekannt, weil er nur von bahneigenem Gelände aus zugänglich ist, und weil man bei Erbauung der Bahn annahm, daß es sich um einen Abfluhkanal handle. Vereine und Verbände. Der Hilfsverein der deutschen Juden versendet z. Zt. seinen ausführlichen Jahresbericht, der über die vielseitigen Aufgaben und Tätigkeiten der Organisation recht interessante Mitteilungen macht. Der Verein zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums hielt am 25. Juni d. I. im Logenhaus in Berlin eine Mitgliederversammlung ab, bei der nach Erledigung des geschäftlichen Teiles Herr Dr. Ernst Simon, Jerusalem in einem Vortrag das Thema: „Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem" behandelte. Der Eentral-Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am 17. Juni in Berlin drei Kundgebungen gegen die Herausforderungen des thüringischen Innenministers Dr. Frick. Herrenhaus, Philharmonie und Bechsteinsaal waren überfüllt. Ter Vorsitzende des Central-Vereins, Justizrat Dr. B r o d - n i tz wies in seiner Begrüßungsansprache im Herrenhaus darauf hin, daß der Central-Verein diese Protestveranstaltung einberufen habe, nicht nur, um das Unrecht, das den Juden zugefügt wurde, abzuwehren, sondern diesen Kampf als einen Kampf um Sittlichkeit und Recht zu führen. Der erste Referent des Abends, Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, führte aus: Von all den Uebergriffen, die die thüringische Regierung, die unter der tatsächlichen Führung Fricks stehe, sich gestattet habe, müßte die Empfehlung der Haßgebete in vorderster Linie behandelt werden. Die Haßgebete richteten sich nicht nur gegen den jüdischen Teil der deutschen Bevölkerung, sondern gleichmäßig gegen alle diejenigen, die das gegenwärtige Regime und die gegenwärtige Verfassungsrefürm in Deutschland herbeigesührt hätten. Es müsse die Frage aufgeworfen werden, ob es mit der verfassungsmäßigen Machtverteilung zwischen Reich und Ländern vereinbar seß daß in einem der Ministerien eines der Länder ein Mann sitze, dessen Partei ein ausgesprochen revolutionäres Bekenntnis zu Hunderten von Malen abgelegt habe, deren ganzes Programm die Verneinung der gegenwärtigen Grundlage aller modernen Staaten, nämlich der Gleichberechtigung der Staatsbürger, bedeute. Ein Grundfehler sei schon begangen worden, als unter der vorigen Reichsregierung die Ernennung Fricks zum nationalsozialistischen Minister stillschweigend hingenommen worden sei. Die Versuche des Reichsinnenministers Wirth, zunächst auf dem Wege der Güte und Belehrung Frick zur Ordnung zurückzuführen, mußten an der grundsätzlichen Einstellung Fricks scheitern. Es sei der Augenblick gekommen, zu fragen, ob der Reichsinnenminister nicht dem Reichspräsidenten Vorschlägen müsse, von den Machtmitteln des Reiches Thüringen gegenüber Gebrauch zu machen. Die deutschen Juden seien nicht gesonnen, sich den Anspruch auf ihre verfassungsmäßigen Rechte von Thüringen aus, das nur eine Vorstufe von Sachsen sei, wer weiß, zu welchen anderen Ländern sein solle, nehmen zu lassen. Der Weg der Nationalsozialisten führe zurück ins finsterste Mittelalter. Er sei die direkte Umkehrung aller modernen Staatsbegriffe und müsse letzten Endes zum Bürgerkrieg und zur Auflösung des Neichsgedankens führen. Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer legte Verwahrung ein gegen die Beleidigung und Vergewaltigung des klaren Rechts, das auf unserer Seite stehe. Dieses Recht sei allgemeines Menschenrecht. Es werde Spott getrieben mit dem Höchsten, was der Mensch besitze: Mit seiner Zwiesprache mit Gott. Ueber alle Schäden der Frickschen Schulgebete hinaus gehe unser Schmerz darüber, daß man die Seele der Kinder vergifte mtb sie vielleicht für ihr ganzes Leben unglücklich mache. Rechtsanwalt Dr. Blüth (Eisenach) sprach als Repräsentant der Thüringer Judenheit und ging auf die Ursachen der unerhörten Zustände in Thüringen ein, wies darauf hin, daß die Nationalsozialisten bei der letzten Landtagswahl das Zünglein an der Wage gewesen seien und Herr Frick nicht vom thüringischen Landtag, der vor ihm nachher den Kotau machte, ernannt worden, sondern ein Minister von Hitlers Gnaden sei. Der Reichsminister habe nicht mit der genügenden Schärfe und Energie in die unmöglichen thüringischen Zustände eingegriffen. Das Uniformverbot in einer Reihe deutscher Länder, auch in Preußen, werde m Thüringen mit einem „Nun erst recht" beantwortet. Von Günthers Berufung uach Jena sprach Dr. Blüth als von einer Einrichtung einer „Professur für Antisemitismus". Dr. Alfred Wiener betonte, daß die feierliche Stunde gebiete, vor der deutschen Oeffentlichkeit Protest dagegen einzulegen, daß die Juden als zersetzende, volkssremde Elemente, schuld an der Entsittlichung des deutschen Volkslebens und der deutschen Kultur seien. Auf allen Schlachtfeldern, wo deutsche Soldatey kämpften, sind deutsche Juden für ihr Vaterland gefallen. In Ostafrika kämpften und starben sie unter Lettow von Vorbecks Fahnen. Für Deutschland gingen Posener Juden in polnische Konzentrationslager. Zu Tausenden verließen sie die durch den Friedensvertrag uns abgerissenen Gebiete, weil sie unter fremder Herrschaft nicht leben wollten. In der Weltkraftkonferenz steht ein Einstein unter den führenden 'deutschen Gelehrten. Max Liebermann ist der ausgezeichnete Maler deutschen Erlebens. Für all diese strahlenden Beweise deutscher Vaterlandszugehörigkeit und deutscher Vaterlandsliebe haben sie bei einem Teil des deutschen Volkes Schimpf und Verleumdung geerntet. 81 jüdische Friedhöfe sind geschändet uub Gotteshäuser sind verunreinigt. In wenigen Tagen wird die deutsche Freiheit am Rhein einziehen. Wir werden beglückt ausatmen, daß kein fremder Soldat mehr auf deutscher Erde steht. Aber ein ganz anderer Jubelsturm würde das deutsche Volk durchbrausen, wenn nicht nur die deutsche Landschaft frei fein würde, wenn alle Glieder des deutschen Volkes sich frei machen würden von Haß und Niedrigkeit, wenn wahre vaterländische stille Arbeit erstes und höchstes Gebot wäre, wenn Menschlichkeit und Verstehenwollen das politische, niedergebrochene Leben Deutschlands wieder auszeichneten. Justizrat Dr. B r o dn i tz legte als Ergebnis der Erörterungen der Versammlung folgende Entschließung vor, die die einhellige Zustimmung der Anwesenden fand: „Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden, die sich durch Geschichte, Kultur, seelische und geistige Gemeinschaft mit dem deutschen Volke unlösbar verbunden fühlen, wird durch die deutsche Reichsverfassung verbürgt. Selbstherrliche Willkürakte eines Münsters oder der Regierung eines deutschen Landes werden die jüdischen Deutschen nicht hindern, wie bisher ihrem deutschen Vaterlande opferfreudig und hingebungsvoll zu dienen. Sie legen aber Protest ein gegen die Verfassungsverletzung, die sich der thüringische Innenminister Dr. Frick mit seinen Verordnungen, insbesondere der über „Deutsches Schulgebet" hat zuschulden kommen lassen. Wir erwarten von den Hütern der Reichsverfassung, dem Herrn Reichspräsidenten, dem Reichskabinett und dem verantwortlichen Herrn Reichsinnenminister, daß sie diese Verfassungsverletzung ahnden, den verfassungsmäßig gesicherten Anspruch der thüringischen und deutschen Juden auf Gleichberechtigung Gewähr leisten und ihn gegenüber der widerstrebenden Länderinstanz durchsetzen. MAINZER WERKSTÄTTEN FÜR HANDWERKSKUNST ■P mf i-/A F£ SCHNORRENBERGER © MÖBELFABRIK ® EMMERICH.JOSEFSTR. 13 MAINZ FERNSPRECHER Nr- 478 Geschäftsprinzip - Lieferung von NUR Qualitätsware zu niederst gestellten Preisen 7