Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 6 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feder einen Vortrag über „Politik und Humanität". Politik und Humanität sind zwei Pole des menschlichen Handelns. Siegreich schreitet die Humanität vorwärts, in ihren Fortschritten gerade gekennzeichnet durch die Widerstände, auf die sie stößt, durch die Bekämpfung, ja die Beschimpfung, die sie findet, durch die Schelt- und Spottworte, die sich an sie heften, wie das Wort von der Humanitätsduselei. Der große Kampf zwischen Politik und Humanität beherrscht die Geschichte der Menschheit wie die Spannung zwischen These und Antithese. Der Redner erhebt die Frage, ob es notwendig sei, daß dieser Kampf immer weiter geht, ob es nicht möglich sei, daß sich These und Antithese in der Synthese auflösen zu einem Höheren, daß die Humanität nicht in Fehde liegt mit der Politik, als ihrer Widersacherin, sondern daß sie ihr die Hand, reicht zum gemeinsamen Werk, daß die beste Humanität sich zugleich erweist als die beste Politik. Er erinnert an eine Szene aus dem Weltkrieg, als im Februar 1916 die Männer des Hilfsvereins, James Simon, Paul Nathan und Bernhard Kahn in Kowno vor General Ludendorff standen. Von militärischer Seite war der Gedanke aufgeworfen worden, die Verpflegung der besetzten Gebiete dadurch zu erleichtern, daß Teile der jüdischen Bevölkerung per Schub über See nach Amerika abgeschoben werden sollen. Klug tritt Paul Nathan dem politischen Plan mit Gründen der Politik entgegen. Man läßt darauf den Plan fallen. Dieselbe Methode hat Paul Nathan schon früher angewandt, als er nach Rußland ging, gegenüber den Ministern Witte, Kokowzew und Stolhpin. Es hat sich dabei nicht um erne persönliche Methode Dr. Paul Nathans gehandelt. Es war die Methode und der Weg einer Organisation. Es ist das Wesen, das auszeichnende Merkmal des Hilfsvereins, daß er in dieser Weise die Spannung zwischen Politik und Humanität ausgeglichen hat. Dieser große Verein, der in einem Umfang, wie keine andere deutsche humanitäre Organisation Menschenhilfe geleistet, der in den Jahren vor dem Kriege hunderttausende von Auswanderern durch Deutschland geführt, der in Palästina den riesengroßen vom Kindergarten bis zum Technikum reichenden pädagogischen Organismus geschaffen hat, er hat damit nicht nur ein großes humanitäres Werk geleistet. Vor.einem Jahre habe Max M. Marburg in der Jahresversammlung des Hilfsvereins auf die besondere Bedeutung hingewiesen, die die Weltverbundenheit unserer Zeit hat, die unsere Zeit von allen anderen Epochen der Menschheitsgeschichte unterscheidet, und die ihren Einfluß wie auf alle politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, so auch auf alle charitativen Leistungen übt. So ist auch die Hilfsarbeit, die der Verein jetzt in den Ländern des Ostens leistet, wenn sie auch nicht politischen Motiven entspringt, sondern den Motiven der Menschenhilfe und der Menschenliebe, ein politisch eminent wichtiges, eminent bedeutungsvolles und darum ein ebenso deutsches wie jüdisches Werk. Es ist ein dauernder Ruhmestitel des Hilfsvereins, daß er, geleitet von klugen, vorausschauenden, gütigen Männern, den Begriff der zweckmäßig organisierten Humanität geschaffen und zu einem großen Teil verwirklicht hat. In der anschließenden Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses wurden der Vorsitzende Dr. James Simon und die stellvertretenden Vorsitzenden Generalkonsul Eugen Landau, Max M. Marburg, Hamburg, und Willy Dreyfus wiedergewählt. Encyclopaedia Jndaica. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart. Verlag Eschkol A.-G., Berlin. Band II und III. Die fortlaufende Erscheinungsweise dieses großen Werkes macht es notwendig, die Anzeige diesmal auf zwei Bände zugleich zu erstrecken, da wir sonst Gefahr laufen, mit dem Erscheinen unserer Anzeigen zu lange hinter dem Erscheinen der Bände zurückzubleiben. (Es liegen jetzt schon 5 Bände vor.) Man ist beim Durchstudieren der Encyklopaedie versucht, an jenes „Bekenntnis zur Encyklopaedie" zu erinnern, das vor einiger Zeit der Dichter Rudolf Leonhard in mutigem Bekenntnis veröffentlicht hat. Man kann sich auch in unserem besonderen Fall der jüdischen Encyklopaedie zu ihr „bekennen". Denn sie erfreut uns auch in diesen zwei Bänden wieder mit einer bunten und lebensvollen Fülle des Wissens. Allein an größeren Artikeln liegen hier vor uns: Akzente (mit Notenbeigaben); Alchimie (mit ihrem Einfluß auf das Judentum und dem rückwirkenden der jüdischen Kabbala auf die Alchimie); Alphabeth (mit einem wichtigen Artikel über die neueren Schriftforschungen von Prof. Grimme); Altar (zum großen Teil von dem Gießener Dozenten Dr. Biaboblotzki); Amoräer (mit einem vollständigen 22 Seiten langen Namensverzeichnis); Antisemitismus (geschichtliche und theoretische Entwicklung der judenfeindlichen Strömungen aller Zeiten und Länder); Anthropomorphismus; Apokalyptik; Apostasie (mit erschütternden Zahlen über den Abfall vom Judentum); Arabische Literatur; Arbeiterbewegung (in Europa, Amerika, Palästina); Archäologie; Architektur; Archive; Aron ha kodesch (mit einer großen schönen Bildbeigabe); Aschkenasim; Assyrien; Astrologie; Astronomie, Ausgrabungen und Funde (in Aegypten, Arabien, Babylonien und besonders Palästina, mit vielen guten Abbildungen, darunter einer Buntdrucktafel); Autonomie und Babylonien. Aus der Fülle des Interessanten mögen einige geographische Artikel erwähnt werden: Alaska, Aleppo, Alexandrien, Altona, Alzey (von dem Wiesbadener Rabbiner Tr. Lazarus), Amerika, Amsterdam, Antwerpen, Aschasfenburg und Basel. Es mag zwecklos erscheinen, Einzelheiten aus dem dargebotenen Stoff milzuteilen. Und doch kann ich der Versuchung nicht widerstehen, dies zu tun, um wenigsten hiermit eine Vorstellung von der Art und dem Stoff zu geben, der sich vor dem Auge des Lesers ausbreitet. Der zweite Baud hebt mit der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums" an und gedenkt der zwei Männer, auf deren geistige und finanzielle Initiative hin diese Akademie gegründet wurde. Gleichsam wie eiu Zeichen wirkt diese Einleitung: ein Zeichen für das mächtige Anschwellen des jüdischen Interesses in der Nachkriegszeit, dessen Ausdruck ja nun auch diese Encyklopaedie ist. — Bei „Rabbi Akiba" wird — im Gegensatz zur veralteten Darstellung von Grätz — dargelegt, daß Akiba wahrscheinlich nicht am Bar-Kochba-Aufstand teilgenommen hat. Leider unerwähnt blieb ein Hinweis auf das kleine Akiba- Bild, das eine frappante Aehnlichkeit mit dem Jeremias von Michelangelo aufweist. — Dem „Ales" ist eine größere Abhandlung gewidmet. Sie läßt uns verstehen, wieso die Worte mit dem Buchstaben Alef einen so breiten Raum auch in der Encyklopaedie einnehmen. Bei der Abhandlung über den „Almemor" ist ein reiches Bildmaterial vorhanden. Man vermißt nur einen kurzen Hinweis auf die Erklärung des Wortes und eure Sinndeutung der Stellung des Almemors im Gesamtraum der Synagoge. — Wir erfahren unter dem Wort „Amar", daß der Träger dieses Namens, der dem berühmten Quartett seinen Namen gab, ein Jude aus Budapest ist. — Die Abhandlung „American Jewish Joint" zeigt uns, eine wie segensreiche Tätigkeit diese großzügige Hilfsaktion des amerikanifchen Judentums für Europa und den jüdischen Osten auf die Beine gestellt hat. (Allein in den Jahren 1919-20 flössen über 22 Millionen den bedrängten jüdischen Institutionen aus Amerika zu). — In „Amram" und „Amnon" erstehen vor uns die sagenhaften Gelehrtengestalten aus Mainz. — Und wieder aus einem ganz anderen Gebiete: „Anatomie" und die Beteiligung der Juden an ihr (mit ausführlicher Aufzählung). — „Anthropologie" wird uns dargelegt, vor allen: an der jüdischen Bevölkerung der Erde. — Berthold Auerbach erscheint in einer Abhandlung als der Deutsch-Jude, der deutsche Schriftsteller und angefeindete Jude. — Und schließlich erfahren wir von Seligmauu Baer Bamberger, daß er keineswegs ein unbedingter Anhänger der Austritts-Orthodoxie war. Lauter interessante Einzelheiten, die sich mühelos häufen ließen und die nur noch ergänzt sein sollen durch eine Erwähnung von Nichtjuden, die ihre Würdigung finden: Des Albertus Magnus, der verschiedenen russischen Alexander-Kaiser, Alexanders des Großen, der Apostel und deren Lehre, des Aristoteles und des französischen Arztes Astruc, des Entdeckers der biblischen „Ouellenscheidungslehre". Wenn zum Schluffe noch einige Wünsche vorgebracht werden, so soll hiermit dem Ganzen kein Abtrag geschehen, sondern nur zum Ausdruck kommen, daß die Veröffentlichung lediglich in „Kleinigkeiten" einige Wünsche offen läßt. Bei den verwendeten Statistiken fällt auf, daß bei Vergleichung mehrerer Länder meist verschiedene Vergleichsjahre gewählt sind. Hierdurch kann leicht ein schiefes Bild entstehen. Auffallend ist auch, daß Deutschland meist mit älteren Jahresstatistiken vertreten ist. Mitunter stimmen auch die Zahlen nicht mit den in anderen Artikeln gebrachten Zahlen (z. B. die Zahlen im Artikel „Brasilien" und die Zahlen von Brasilien im Artikel „Amerika"). Bei den beiden Artikeln über den Baalschem und Baer aus Meshirischi idem „großen Maggid") vermisse ich eine Erwähnung der Buberschcn Literatur über diese beiden Männer. —• Mit diesen Erwähnungen mögen diese paar Bemerkungen geschlossen werden, die sich ihrer fragmentarischen Natur sehr wohl bewußt bleiben. Rechtsanwalt Tr. Stahl, Bad-Nauheim. 7