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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-05-01 · 5 (5.1930) · p. Seite 7

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
5 (5.1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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scheu Volkes. Das Besondere des Talmuds ist, daß uns hier der geistige Schaffensprozeß selbst in der Leidenschaftlichkeit und der Sprunghaftigkeit der Diskussion vorgeführt wird. Am besten hat Jsmar Elbogen den eigenartigen Strl des Talmuds verständlich gemacht durch den Vergleich mit den Aufzeichnungen eines Berichterstatters über den Gang einer lebhaft geführten Gerichtsverhandlung mit ihren kurz hingeworfenen Gründen und Gegengründen. Den Talmud kann man nicht lesen, sondern man mutz ihn studieren, „lernen". Eine innige Verbindung sind die Halacha, die eine Richtschnur für den Lebenswandel geben will, und die Haggada, die sich an das religiöse Gefühl wendet und zu belehren, zu ermahnen und zu trösten sucht, eingegangen. Zur Zeit des Entstehens des Talmuds ist das Schaffen an ihm Selbstzweck. Man disputiert nicht, um ein Werk zu schaffen, sondern innerste Frömmigkeit bestimmt den Geisteskampf, den wir im Talmud antreffen. Den Amoräern kommt es darauf an, den zerstörten Tempel Zions durch einen neuen, unsichtbaren Tempel des Geistes zu ersetzen, in dem sie doch die alten Gottesdienec bleiben. Däs Talmudstudium wandert mit den Juden von Land zu Land, von Babylonien nach Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland und vor allem nach Osteuropa, dort verbleibt das Zentrum rabbinischer Gelehrsamkeit bis' auf den heutigen Tag. In der Trostlosigkeit des Mittelalters ersteht dem geplagten Juden, der den Hausiererpacken abwirft und sich in den Talmud versenkt, eine neue, bessere Welt des Geistes. Die Halacha schärft sein Denken, die Haggada erzieht ihn zu allem Guten und läßt ihm auch in trüben Zeiten die Hoffnung auf eine lichtere Zukunft. Gegenüber den haltlosen Angriffen unserer Gegner sind wir Juden uns dessen bewußt, was wir dem Talmud verdanken: er gab der Judenheit alles in allem die Kraft, Erschütterungen zu überdauern, die anderen Gemeinschaften zum Verhängnis wurden. Er war den Juden durch die Jahrhunderte ein Führer zu einem vorbildlichen Leben. An die Vorsteher und Rechner der Verbandsgemeinden. Hiermit ersuchen wir, für unsere Rechnung auf Postscheckkonto der israelitischen Religionsgemeinde Mainz Nr. 6308 Amt Frankfurt a. M. ihre Beiträge für 1930 (Rj.) baldigst zu überweisen. Die Beitragshöhe beträgt, wie das Soll des Vorjahres: a) Verbandsbeitrag 5% des Steuersolls; b) Kulturbeitrag für Wohlfahrtsanstalten, Seminare usw. — 70 Pfg. pro Kopf der Bevölkerung, in Kleingemeinden nur 35 Pfg. pro Kops; c) Bestellgeld - 42 Pfg. pro Haushaltung; d) Beitrag für Inanspruchnahme der Wanderlehrer, nach Vereinbarung. M a i n z, den 29. April 1930. gez. B. A. Mayer, Verbandsvorsitzender. Aus unseren Verbandsgemeinden. Mainz. Vorstandssitzungen der Religionsgemeinde haben am 3. und 22. April d. I. stattgefunden. In diesen Sitzungen sind eine Anzahl laufender Angelegenheiten erledigt worden. Es wurde beschlossen. Genehmigungen zum Setzen von Grabsteinen, die mit Sockel höher als 1,75 Meter sind, nicht mehr zu erteilen. Es wurde Auftrag zur Lieferung eines Apparates gegeben, der die Hebung von Grundwasser für den Badebetrieb in einwandfreier Weise ermöglicht. In mehrstündiger Sitzung wurden die einzelnen Positionen des von d^m Ersten Vorsteher vorgelegten Voranschlags für das Wirtschaftsjahr 1930 durchberaten und der Entwurf zum Beschlüsse erhoben. Lampertheim. Ein Mitglied unserer Religionsgemeinde, das nicht genannt sein will, hat zu Pessach der Synagoge ein prachtvolles Porauches gespendet, angesertigt m der bekannten Kunststickerei von Frau I. Warschowski in Frankfurt a. M. Es ist mit herrlichen Goldstickereien versehen und enthält die auswechselbaren Namen der Scholausch Negolim. Dem Spender, der zu der Ausschmückung unserer schönen Synagoge schon sehr viel beigetragen hat, ein herzliches T5 Ofsenbach a. M. Am 15. März veranstaltete die hiesige Ortsgruppe des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen Ausspracheabend mit einem geladenen Zuhörerkreis aus allen Kreisen und Schichten der Bevölkerung. Herr Dr. Ludwig Holländer aus Berlin sprach zu dem Thema „Innerer Friede, Deutschlands Rettung". Der Redner begann damit, daß er sagte, es bestehe das Bedürfnis angesichts der vielen und heftigen Anfeindungen, denen die jüdische Gemeinschaft ausgesetzt sei, sich offen geistig mit der nichtjüdischen Bevölkerung auseinanderzusetzen. An dem Beispiel der gegen die Juden betriebenen Hetze werde sich erweisen lassen, wie die gesamte von den verschiedensten Seit her betriebene Hetze gegen Andersdenkende Deutschland zerreiße und in den Bürgerkrieg treibe. Ziel einer solchen Aussprache werde sein, die Gewinnung eines gegenwärtigen Sichverftehens. Ein solches Sichverstehen könne sich nur vollziehen auf dem Wege der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Nun aber zeigte er, wie die nationalsozialistische Presse in vielfachen Aeußerungen gerade den über alle Wahrhaftigkeit hinwegschreitenden Fanatismus anempfehle mnd ständig predige, als dem einzig wirksamen Element des Aufbaues eines anders geformten Reiches. Er sprach aus, wie das besonders Kränkende der nationalsozialistischen und antisemitischen Verhetzung darin bestehe, daß nicht der einzelne Jude nach seiner persönlichen Wertigkeit und nach seinem persönlichen Charakter beachtet werde, sondern daß zuerst der Begriff einer jüdischen Rasse konstruiert wird und diese Rasse dann in ihrer Gesamtheit als minderwertig bezeichnet wird. Ziel der ganzen Bewegung ist dann, die Juden als Fremde zu brandmarken, um sie schließlich unter Fremdenrecht zu stellen. Demgegenüber entwickelte der Redner geschichtlich die Verbundenheit der deutschen Juden mit Deutschland und deutschem Volkstum. Er zeigte, wre die jüdischen Siedlungen in Deutschland bis aus die älteste Zeit zurückgehen. Schon im dritten nachchristlichen Jahrhundert bestehen blühende Gemeinden in Deutschland, und er schilderte an Hand der zeitgenössischen Berichte, wie es damals ein Fremdsein zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerungsgruppe nicht gab. Erst kürzlich aus allerhand in der damaligen Kirchenpolitik beruhenden Gründen wurden die Juden zwangsweise in das Ghetto gepreßt und in den auch für sie unerwünschten, furchtbaren Geldhandel. Er zeigt sodann auch, wie die meisten der gegen die Juden erhobenen Vorwürfe in derselben Form in der deutschfeindlichen Presse gegen die Deutschen erhoben werden. Wie von gewisser Seite die Tatsache des Judeseins als an sich schon abwertendes Moment betrachtet wird, so wird von anderer Seite, die des Evangelisch- und Katholischseins und außerhalb Deutschlands die des Deutschseins angesehen. An Hand dieser Beispiele zeigte er, wie solche Verhetzung notwendigerweise zum Bürgerkrieg treiben müsse. Mit besonderem Nachdruck wies der Redner daraus hin, daß es einen einheitlichen politischen Willen der Juden nicht gäbe, und daß die Juden in ihrer Stellungnahme zu den politschen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen der Gegenwart sich über alle Parteien und .Gruppen verteilen, zu denen sie nach ihrer Schichtung gehören. Mit besonderer Betonung sprach er von der Zerreibung des jüdischen Mittelstandes. Alle diese Dinge wertete der Redner nicht nur in bezug auf das jüdische Problem, sondern auch als Beispiel, wie eine so betriebene Hetze zum Ruin Deutschlands führen müsse, und wie so das ganze nicht nur zu der Frage einer iükss:: ISSSnSSS! 1WÄNÖ--]ü-n d>B ÖDE NB E üCCGE Adam Kadel, Darmstadt Pallaswiesenstrasse 45/47 Fernruf 3063 Baumaterialien Wand-u.Bodenplattenbeläge 7

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