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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-11-01 · 11 (11.1929) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
11 (11.1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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friede" gewidmet war. Das Hervortreten der Arbeitsgemeinschaft weckte einen ungewöhnlich starken Widerhall. Man darf es als einen Erfolg bezeichnen, der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus von nachhaltiger Wirkung sein dürfte. Innerhalb des zum ersten Mal herbeigeführten Zusammenschlusses des Katholizismus, Protestantismus und Judentums für praktische Friedensarbeit fällt dem Judentum, als der Mutterreligion der beiden christlichen Bekenntnisse, eine bedeutsame Rolle zu. In seiner Eröffnungsansprache betonte der Ehrenpräsident des evangelischen „Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen", Dr. theol. h. c. Spiecker, daß die Arbeitsgemeinschaft auf dem Boden der Bibel fuße und sich unter den Segen stelle, durch den Gott Abraham und seine Nachkommen zur gedeihlichen Friedensarbeit für alle Völker berufen habe. Den Vorsitz der Versammlung führte Oscar Wassermann, Direktor der Deutschen Bank, Präsident des „Jüdischen Friedensbundes". In seiner Rede führte er aus, daß ungeachtet aller Unterschiede die Religionen auch ein Gemeinsames haben, das geeinte Arbeit ermögliche. Angesichts der Vernichtungsgefahr, die die neue Art der Kriegführung für die ganze Menschheit bedeute, ist es Pflicht aller Bekenntnisse, sich in entschiedenster Weise für den Frieden einzusetzen. Die Religion übersieht nicht die Bedeutung der politischen und wirtschaftlichen Momente; sie selbst aber appelliert in erster Linie an das Herz und das Gewissen. Unter den Rednern, die die Stellung der einzelnen Bekenntnisse zum Weltfrieden beleuchteten, wie Prälat Lichtender g, der Dominikaner-Pater Franziskus Stratmann und Pastor Dehn, trat Rabbiner Dr. Leo B a e ck als erster mit einem Referat „Das Judentum und der Weltfriede" auf. Wenn die Friedensliebe heute im Wesen des Judentums unlösbar wurzelt, so ist das ein Ergebnis jahrtausendelanger Erziehung. Für das Judentum war der Ariedensgedanke nicht eine bloße Schwärmerei, ein Ziel ohne Weg, eine „Musik ohne Werke". Es war eine Verheißung, aber gleichzeitig ein Gebot, eine sittliche Aufgabe. Der Friede ist für das Judentum ein Weg der Opfer, der Hingebung um des Zieles willen, daß die Menschheit die höchste ihr vorgez'eichnete Entwicklung erreiche. Dr. Alfred Nossig, der Vorsitzende des Arbeits-Ausschusses des Jüdischen Friedensbundes, entwickelte in seinem Referat „Religion und Politik" das praktische Arbeitsprogramm der neuen interkonfessionellen Organisation. Der Weg für die praktischpolitische Betätigung der Religion ist heute frei. Ihre Aufgabe ist es, den Dauerfrieden herbeizuführen durch Erziehung der Erwachsenen und der Jugend, durch Bildung .einer weltumspannenden Arbeitsgemeinschaft der Völker für den Frieden, durch Ausübung eines unwiderstehlichen moralischen Druckes auf Parlamente und Regierungen, durch Schaffung nicht zu erschütternder moralischer Sanktionen für den Frieden. Als eines der Ziele der praktischen Friedenstätigkeit der Religionen bezeichnete der Redner die Lösung des Palästina- Problems. Das Heilige Land dreier Bekenntnisse muß ein ewig neutrales Gebiet werden, das von niemandem angegriffen werden kann und in dem keine inneren Waffenkämpfe stattfinden dürfen. Ein Reich Gottes, wird es sich als st ä r k st e r Hebel des Weltfriedens betätigen. Der mächtige Eindruck, den die Kundgebung hervorrief, erklärt sich vor allem durch die Tatsache, daß während des ganzen Verlaufes derselben ein vollkommen harmonisches, ja herzliches Verhältnis der drei Bekenntnisse zutage trat. Das Motto der Arbeitsgemeinschaft „Durch den inneren Frieden zum äußeren" hat sich hier in eindrucksvoller Weise bewahrheitet. Bücherschau. Ludwig Lewifohn, Das Erbe im Blut. Roman. 311 S., geb. RM. 8.50. Paul List-Verlag, Leipzig 1929. Ohne Zweifel: Ein ganz bedeutendes Buch. Man liest, seltsam bewegt und gefesselt bis zum letzten Augenblick, und ist unfaßbar erstaunt, wie hier mit klarer, einfacher Sprache die religiösen Probleme, die seelischen Kämpfe, die sittlichen und sozialen Situationen des modernen Westjuden rn erschreckender Tiefe undDeutlichkeit aufgezeigt werden. Dinge, deren schattenhafte 8 Zusammenhänge man selbst eben gerade uoch ahnen konnte. Lewisohn hat hier den Juden ihre „Buddenbrooks" gegeben, nicht in literarisch-psychologistischer Absicht, sondern mit dem tapferen Willen, den heutigen Juden das Wort „Besinnung!" wuchtig und schwer entgegenzuschleudern. Die Geschichte einer jüdischen Familie durch vier Generationen, der Weg vom Ghetto bis zu den modernsten Gesellschaftssalons in Newyork, jüdisches Lieben und Hassen, Glauben und Abtrünnigwerden vom Gesetz ist hier erzählt, — nein: gelebt. Das selbstsichere und doch zuinnerst so hilflose, gehetzte, nervöse Erscheinungsbild des amerikanischen Juden, des Zivilisationsjuden überhaupt wird erbarmungslos, unerbittlich beleuchtet und analysiert. Wie der Held seinen Patienten, so zeigt LeNnsohn wie ein Nervenarzt dem Juden die Untergründe seiner seelischen Verwicklungen und Verzweifelungen, zeigt ihm das „Erbe im Blut", das er tragen muß, solange er ist, — auch wenn er sich tausendmal verleugnet. Schwer, grausam hämmert der Rhythmus des vererbten Blutes, wo es um Liebe und Ehe geht. Vorurteilslosigkeit, Freiheit der Anschauungen und Sitten, wissendes, lächelndes Hinwegsetzen über uralte Formen helfen nicht: Wer Jude ist, b l e i b t' s, — auch wenn er sich noch so verzweifelt dagegen aufbäumt, auch wenn er noch so fehr, von wahnsinniger, rasender Angst und vernichtendem Minderwertigkeitsgefühl gepackt, an den Ketten reißt und zerrt, die ihn unwiderruflich binden. Diese verzweifelten „Juden wider Willen" sind es zumeist, die heute die Irrenhäuser und Sprechzimmer der Nervenärzte füllen. Mit den geißelnden Schlägen von Hysterie und Wahnsinn peitscht das uralte, urvitale jüdische Blut Menschen wider die stumpfen, nackten Wände der Jrrenhauszellen, weil sie sich fürchteten und schämten, durch ihr Sein das Bekenntnis zu ihrem Blut abzulegen. Mischehen sind sinnlos und qualvoll: die größte Liebe und das tiefste Verstehen werden zunichte vor der Verschiedenheit des Blutschicksals, das in den Herzen und Adern der Menschen sich birgt. Die Generationenkette, in die der Mensch gebunden ist, läßt sich niemals sprengen. Die Aengste und die Schmerzen, die Neigungen und Haßgelüste, die Wünsche und Triebe der Vorfahren singen ihr unheimliches Lied auch im Blut der Lebenden. Das Buch, das die modernsten psychologischen Erkenntnisse verwertet und von einem leidenschaftlichen Künstler mit ungeahnter Feinheit der literarischen Form gestaltet worden ist, gehört zweifellos zu dem Besten, .was seit langen Jahren geschrieben wurde. Es hat das Glück gehabt, in Gustav Meyrink einen Uebersetzer zu finden, der mit raffiniertester Anpassungsfähigkeit und Wortgewandheit den Roman in deutscher Sprache nachfchuf. Renö Hartogs. Krishnamurti, Königreich Glück. Jena, Diederichs, 1929. 96 S. Geb. 2.60 RM. Das Königreich Glück, dessen Tore Krishnamurti in den vorliegenden 12 Reden an seine Gemeinde in Ommen (Holland) öffnet, ist das Reich vollkommenen Friedens und liebender Güte; Durchläuterung des eigenen Wesens, Bereitschaft für das Große, Wahre und Reine — lehrt Krishnamurti — bahnt dem Menschen den Weg zur Entpersönlichung; nicht zur Aufgabe des Ich im negativen Sinn, vielmehr zu einer derartigen Steigerung, daß es, sich weitend, die Schöpfung umfaßt und so, alle Grenzen überwindend, in die ewige Harmonie eingeht. „Natürlich, sagt Krishnamurti, muß jeder eine eigene Persönlichkeit sein. Ihr sollt Eure Persönlichkeit keineswegs über Bord werfen. Aber darum braucht Ihr nicht persönlich zu sein. Je mehr Ihr Euch emporentwickelt, und je näher Ihr der Wahrheit kommt, desto stärker wird Eure Persönlichkeit und desto leichter beschwingt Eure Seele. Aber je mehr Ihr Euch von der Wahrheit entfernt, desto persönlicher werdet Ihr." Er spricht vom Wert der Erfahrung, und wie notwendig es ist, durch Stürme zu gehen; er verlangt, daß die Seele auf Versuchungen sich vorbereite, „denn Leute die kindhaft unschuldsvoll find, haben eine Neigung kleinlich, beschränkt und eifersüchtig zu fein. Ihr bedürft der Kinderunschuld nicht, die keine Erfahrungsschätze besitzt, die nicht weiß, wie der Schmerz tut, nicht weiß, was es heißt, in einem Sturm von Empfindungen zu stehen und was Leid im Geiste bedeutet." Wenn er den vollkommenen Frieden rühmt, so meint er den Frieden nach dem Kampf, und auch die liebende Güte vermag er nur zu denken aufblühend aus Sturm und Leidenschaft. Aus einer ganz klaren Einstellung, die seinem Denken und Fühlen Richtung gibt und Form: irdisch basiert und überirdisch verankert, erklärt sich die Wirkung dieses religiösen Geistes. Obgleich eigentlich da beheimatet, wohin den abendländischen Menschen ohne weiteres der Weg nicht führt, zieht er ihn doch an sich durch das Leuchten seiner Seele. Tatsächlich imstande, in den Welten anderer sich zu verlieren und dennoch sein eigenes Wesen zu wahren, umfaßt er alles und alle, lebt so das eigentliche Leben. In diesem Sinn darf er sagen, „wenn ich auch schwarzes Haar und braune Glieder habe, so muß ich doch ein Mainzer Pädagogium Höhere Privatschule Fernsprecher 3173 Vorbereitung zu allen Klassen der höh. Schulen. Obersek, Prima und Abitur. Ostern und Herbst Abschlußprüfung Stoff des früh. Einjähr.) an der eig. Schule. Versäumte Schuljahre weiden schnell und sicher nachgeholt. Auch für Damen und Volksschüler- Sprechzeit 12—V22 Uhr. Diether von Isenburgstraße 137io

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