Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn wir sonst im Leben von den beiden Religionen reden, die aus dem Schoße des Judenthums hervorgegangen sind, so ist es wohl natürlich, daß wir meist davon sprechen wodurch sie sich von der unsern unterscheiden; und diese Unterschiede heben wir hervor, denn sie sind der Nachweis der Berechtigung, ja der Nothwendigkeit unseres Daseins; aber die Stellung des Judenthums zu diesen beiden großen religiösen Machten ist keineswegs eine gegensätzliche; wir erkennen neben Bielem, was uns trennt, Vieles, was uns verbindet; wir vergessen nicht, daß es Geist ist von unserem Geiste, daß, als die heidnische Welt ermattet und zum Tode verschmachtet dalag, ohne Gott und ohne Glauben, durch eine anßerordentliche Veranstaltung der Vorsehung ein heiliger Geist ist ausgegossen worden über die Volker, daß sie auserstanden sind zu neuem Leben. Es ist tief schmerzlich, daß das Judenthum für die Erlösnng der Heiden nicht mit voller Freudigkeit danken kann; denn Duldung und Rücksichtnahme hatten nur schwache Geltung in diesen neuen Staaten; wie viel sie auch dem Sinai entlehnt hatten, der Satz: ״den Fremdling sollst du nicht bedrücken und nicht quälen", schien nicht ausgenommen in die Satzung des neuen Glaubens; so mancher Rest des Heidenthums auch zurückgeblieben war, die Schonung, die in religiösen Dingen die Heiden gegenseitig geübt hatten, die in der Vorzeit meist ein Jrrthum dem andern gewährte, war mit der Wurzel ausgerissen worden. Ter neue und der alte Glaube waren vielleicht zu nahe verwandt, um sich nebeneinander zu dulden, und so dauerte es achtzehn Jahrhunderte, bevor die Lehre des Sinai aushörte, geächtet zu sein, und noch heut ist nicht aller Groll geschwunden; das Judenthum mußte den Sieg seiner Ideen in der Welt theuer erkaufen, mit Roth und Gefahr im eigenen Hause. So hat denn unsere Religion große Erfolge; sie selbst ist mit ihrem reichen Schriftthum unversehrt erhalten geblieben und hat die Menschheit umgestaltet. Und dies Alles, ohne gewaltsam vorzugehen; denn die Gewalt und der Zwang Festpredigten 1893. 7