Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 1 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 246)
- Language
- German
- Belongs to
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233 Mose zu seinen Vätern einging, da war die Trauer des Voltes nicht so laut und heftig als beim Hinscheiden des Aron, denn die Schrift braucht da nur das schlichte Wort: die Jsraeliten beweinten ihn, während es bei Aron heißt: Das ganze Haus Israel beklagte seinen Heimgang. Mose war der Meister des Rechtes, der Denker, der hoch über den Erdensöhnen stand; er war der Vertraute Gottes, der Lehrer des Volkes; aber da sein Geist stets in höhern Sphären weilte, so konnte er nicht der Vertraute, der Freund des Volkes werden; Aron jedoch stand nicht über, sondern mitten in seinem Volke, er konnte mit den Niedrigen reden in ihrer Weise; er traf den schlichten Ton, der den Armen und Gequälten ihr Leid linderte; so wurde er der Rathgeber Aller; so eilte Jeder zu ihm, der mühselig und beladen war; und wo er es vermochte, da half er; und wo er nicht helfen konnte, da linderte er und beruhigte er. Keinem fehlte sein Rath, sein Beistand, sein Zuspruch; denn seiner leutseligen Rede öffnete sich jedes Herz und dem Verzweifelten kehrte das Vertrauen wieder, wenn Arons Wort den Balsam in das wunde Gemüth träufte. Mose auf den Höhen des Gedankens war von Wenigen erkannt; Aron war der Liebling Aller. Diesem Aroncharakter verwandt, so scheint es mir, müssen alle diejenigen sein, die dem hohen Berufe eines Anwalts des Rechts mit Erfolg sich widmen wollen. Und sei einer noch so erfahren, in allen Fragen des Rechts, sei sein Gedächtniß noch so treu, sein Urtheil noch so klar, seine Logik von siegender Schärfe, er wird dennoch auf diesem Gebiete nichts erreichen, wenn er nicht die Fähigkeit besitzt, mit dem Volke M verkehren, sich gleichsam in seine Stimmungen, seine Launen, seine Thorheiten zu versetzen; und die Seelenkunde hat an diesem Beruf fast so viel Antheil als die Nechtskunde. Aber die Fähigkeit des Gebildeten so mit dem Volke zu reden, daß wir dessen Vertrauen gewinnen, hängt nicht von unserem Talente allein ab, sie ist wesentlich mitbedingt durch unfern Charakter; der Strenge, der Hochmüthige, der Tugend-